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Carpeberlin - Being a visitor - not a tourist

Freitag, 16. Oktober 2009 20:04 • 

Von: Nicolas Flessa

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Schlangestehen auf der Insel

Was das Verlorene aufwiegt

CarpeBerlin wirft einen „ersten Blick“ - so der Titel der Veranstaltung - hinter die Kulissen des Neuen Museums, welches an diesem Wochenende von 10-18 Uhr für die Öffentlichkeit zugänglich ist.

An diesem Wochenende ist Berlin um eine Sensation reicher geworden. Nicht, weil ein 154 Jahre altes Museum nach 70 Jahren der Schließung endlich wieder zugänglich wäre. Denn von den Kunstschätzen, die hier einst versammelt waren und die erst ab Herbst wieder an ihrem alten Schauplatz glänzen werden, ist noch nichts zu sehen. Und auch nicht, weil ein einzigartiges Zeugnis des Klassizismus, das so viele Jahre vom Erdboden verschwunden (immerhin die gesamte Lebenszeit des Staates, in deren Mitte es sich von 1949 bis 1990 befand), nun wieder aus Ruinen auferstanden wäre.

Der ägyptische Hof

Nein, die Sensation ist ganz anderer Art. Das Spektakel, das ein sehr deutsches, sehr Berlinerisches ist, besteht aus dem, was die in Scharen in das Gebäude einfallenden Besucher an diesem Wochenende zu sehen bekommen. Ein Museum, das auch ohne Exponate von musealem Wert ist und gleichzeitig zu den aufregendsten Bauwerken der Gegenwart gehört.

Was der britische Architekt David Chipperfield der Museumsinsel vermachte, besitzt trotz der zeitgenössischen Implantate alle Qualitäten eines Klassikers. Viele Jahre schon begleitet den Wiederaufbau eine leidenschaftliche und mit auffallend unmodernem Pathos geführte Diskussion um die äußere und die innere Substanz dieses neuen Neuen Museums.

Während die Einen für einen weitgehenden Wiederaufbau im Stüler’schen Sinne plädierten, begeisterte Andere die Idee von der Ergänzung der Ruine durch Glas, Stahl und Beton. Chipperfield, von beiden Seiten zunächst angefeindet, landete einen Coup, als er mit seinen Plänen einen dritten, alternativen Weg aufzeigte, der die Trauer um den Verlust des Unersetzbaren mit dem baulichen Versuch, „den Schaden abzumildern,“ verband. „Dadurch,“ so hoffte der Architekt, „bekommt man vielleicht etwas, was das Verlorene wieder aufwiegt.“ Ohne nachzuahmen, ohne hinter dem Original zurückzubleiben, ohne Kitsch, aber auch ohne Vergewaltigung und ahistorische Selbstverwirklichungsmentalität.

Der Autor bekennt ganz freimütig, dass er selbst einmal den Wiederaufbauern nach dem Mund geredet hat. Dass auch er davon träumte, den alten Glanz noch einmal zu sehen, durch Hallen zu wandeln, deren Pracht und Herrlichkeit einst dem Kunsthistorischen Museum in Wien als Vorbild dienten, wo sie noch immer greifbar sind und zum staunenden Betrachten einladen. Museumsräume, die selbst musealen Wert besitzen, weil sie das Konzept der Kunstvermittlung ihrer Zeit reflektieren und gleichzeitig einen Einblick in die Welt der antiken Ästhetik jenseits weißer Säulen freigeben.

Doch hier genau liegt auch der Kern der Abkehr des Autors von der Idee der Rekonstruktion. Was wäre das für ein Museum geworden, dieses neue alte Neue Museum? Sicher nicht, wie so oft behauptet wird, der plumpe Versuch, die Geschichte zu verdrängen und vergessen zu machen. Was die Anhänger des Alten an dieser Idee fasziniert, ist eine Liebeserklärung an die Schönheit. Die Schönheit eines Gebäudes, das von einem unbestrittenen kunsthistorischen Wert war, auch wenn schon zu Lebzeiten des alten Neuen Museums prominente Stimmen wie die von Samuel Beckett die üppige Ausschmückung der Räume als „higgledypiggledy presentation“ diffamierten.

David Chipperfield ist es in der Tat gelungen, die verlorene Schönheit durch etwas Neues aufzuwiegen.  Und darin liegt die Sensation. Sein Bau, sein Kompromiss ist kein Weder-noch, kein Sowohl-als-auch, es will es auch gar nicht sein. Es ist kein Mahnmal, sondern selbst ein Kind der Geschichte. Im 19. Jahrhundert errichtet, im 20. Jahrhundert zerstört und im 21. Jahrhundert ergänzt stellt das neue Neue Museum so etwas wie ein Porträt der Stadt Berlin dar. Unverwechselbar, widersprüchlich und ein bisschen obszön ist es das einzige Museum der Welt, das hinter die Kulissen einer Gesellschaft blicken lässt, das Häuser für die Geschichte errichtet, um sich selbst daran zu bestaunen.

Getreu dem Motto des Niobidensaals: "Staunliches waltet viel und doch nichts Erstaunlichres als der Mensch."

Keywords: Neues Museum Berlin, Neues Museum, David Chipperfield, Friedrich August Stüler, Museumsinsel, Tage der Offenen Tür, Ein erster Blick, 20:04 6-3-2009
gddjmg, 08-12-11 11:22:
Millie, 06-12-11 10:06:
Unparalleled accuracy, unequivocal clarity, and undeniable iomprtance!
Matty, 06-12-11 03:29:
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