Geld für's Herumstehen? Film macht's möglich. Impressionen eines Drehtags für den neuen Film des Berliner Regisseurs Oskar Roehler, der am 21. Januar in Berlin Premiere hat.
Königsee, Thüringen. Sechzehn Uhr dreißig. Etwa hundert aufgeregte Menschen schälen sich aus Autos und Bussen und ergießen sich über das Gelände der alten LPG. Am Horizont sind Planen und bunte Kioske zu erkennen. Ihre kreischenden Grundfarben heben sich trotz des diesigen Wetters deutlich von ihrer Umgebung ab: sanft geschwungenen, sattgrünen Wiesen in Leinwand füllendem Format.
Um Leinwände geht es heute tatsächlich, hier mitten auf dem Land. Die Menschen, die sich inzwischen in der alten Versammlungshalle der LPG dem Häkchenritual unterziehen und nach einem Becher Kaffee und einer Stulle in großen, weißen Trucks verschwinden, werden in einem Jahr stolz und aufgeregt in deutschen Kinosälen sitzen und ihre Gesichter auf der Projektionsfläche suchen. „Da, schnell, hinten links!“ werden sie rufen und ihre Mütter, Freunde und Geliebten dazu auffordern, die Handlung des Films für einen Augenblick außer Acht zu lassen und sich im Hintergrund auf die Suche nach dem Konterfei ihres Begleiters zu begeben.
Komparserie. Der schnellste Weg für Cineasten, sich auf der Leinwand hinter, unter oder neben ihre Stars zu platzieren oder einfach mal kurz einen Blick hinter die sprichwörtlichen Kulissen zu werfen. Für manchen Komparsen ist das kontinuierliche Spiel aus Stehen, Warten, Frieren und Lächeln schon zum Alptraum geworden, doch die meisten Eintagsschauspieler finden Geschmack am Dasein als Hintergrund und lassen sich immer wieder für große Produktionen buchen.
Die Zeitmaschine auf der LPG läuft inzwischen auf Hochtouren. Frauen in Blümchenkleidern und Petticoats tragen rauchend ihre lockengewickelten Haare zur Schau, Männer mit gegelten Scheiteln vergraben ihre Hände stilgerecht in den Taschen hoch gegürteter, bügelgefalteter Stoffhosen. Jugendliche, von Piercings und Strähnchen befreit, sehen aus wie ihre Eltern, Eltern wie ihre Großeltern. Eine Dame, die sich durch den optischen Wandel an ihre eigene Jugendzeit erinnert fühlt, zeigt sich empört: „Ich sehe ja aus wie eine Putzfrau! So was haben wir damals aber nicht angehabt.“ Höflich wird sie von der Leiterin des Kostümbilds auf ihren Irrtum aufmerksam gemacht: „Damals waren sie auch 17. Denken Sie mal an die Kleidung ihrer Großmutter.“
Dass der Film „Lulu & Jimi“, der Ende der 50er Jahre angesiedelt ist und eigentlich in Franken spielt, zu großen Teilen in Thüringen gedreht wird, ist ein Verdienst der mitteldeutschen Medienförderung. Thüringer Mittel haben dazu geführt, dass es heute viele Thüringer sind, die ihr Geld an Oskar Roehlers neuem Kinofilm verdienen. „Jennifer Decker aus Paris und Ray Fearon aus London“, wie die „Ostthüringer Zeitung“ einen Schnappschuss von den Dreharbeiten unterschreibt, bringen neben der Arbeit auch gleich „einen Hauch der großen weiten Welt in die Provinz.“ Und der Regisseur beteuert: „Ich liebe diese Gegend hier sehr. Die Leute sind sehr freundlich und offen.“ Kein Zufall also, dass es auch nach der vierten Verschiebung des Drehbeginns kaum Murren in den Reihen der größtenteils unerfahrenen Komparsen gibt.
Die Bezahlung ist es wohl in den seltensten Fällen, die die Menschen dazu verleitet, ihre Körper einer Filmproduktion zur Verfügung zu stellen, selbst in Zeiten von Hartz IV. Gerade mal 60 bis 80 Euro bekommen sie für den Job als „lebende Requisiten“, für 60 bis 80 Euro lassen sie sich die Haare schneiden, fahren zur Kostümanprobe, stehen oder sitzen 10 Stunden am Set und lächeln auch noch in der 11. Stunde, wie es der Regisseur von ihnen verlangt. Obwohl es gerade in Metropolen wie Berlin, München oder Köln Leute geben soll, die sich mit Komparserie ihr Leben finanzieren, ist doch noch niemand reich geworden durch diesen Job, und nur in den seltensten und glücklichsten Fälle wird man als Hintergrund für den Einsatz im Vordergrund entdeckt.
Die meisten Regisseure überlassen die Auswahl der Komparsen ohnehin dem Regieassistenten. Oskar Roehler nimmt es genauer. Er sieht sich die Fotos der meisten seiner Kleinstdarsteller an, und als solche will er sie auch behandelt wissen. Er gehört zu der Sorte von Regisseuren, die die Gesamtheit des Bilds im Kopf haben und die sich ungern mit „Hauptsache, es bewegt sich was.“ zufrieden geben. So kommt es schon mal vor, dass besonders talentierte Komparsen in unterschiedlicher Aufmachung durch mehrere Bilder spazieren oder sogar Sätze für sie geschrieben werden, die der Regisseur zufrieden nickend in schon bestehende Szenen integriert.
Inzwischen sind die Komparsen am Drehort eingetroffen, einer eigens für den Film errichteten Kirmes im Stile der späten 50er Jahre. Dort stehen sie nun in sommerlichen Kleidchen zu herbstlichen Temperaturen um Autoscooter, Los- und Schießbuden herum und schwenken ihre Handtaschen und Zuckerwatten zu fetziger Rock n’ Roll Musik. Während sich die Hauptdarsteller fünf oder sechs Mal nacheinander kennenlernen, verabreden und zum ersten Mal küssen, werden immer wieder Wasser, Stullen und Jacken verteilt.
Am besten hat es die Scooter-Fahrer und die Männer vor dem Hau-den-Lukas getroffen, am schlechtesten die sogenannten „Stangenmädls“, die es sich auf eisigen Metallabgrenzungen gemütlich machen sollen. „Denkt daran, es ist eine laue Sommernacht!“ witzelt der Set-Aufnahmeleiter in das Mikrofon des Scooters. Und es funktioniert. Die Stangenmädls lächeln wieder und die Kamera surrt. In den Drehpausen nutzen die Komparsen jede Gelegenheit, um sich in ihre Jacken oder dicke Decken zu hüllen, zu plaudern und sich mit den Hauptdarstellern fotografieren zu lassen. Kurz nach dem Dreh werden sie sich im Internet in so lustigen Gruppen wie „Auto-Scooter, reitet die Pferdchen bei Harry Hass!“ oder „Lulu & Jimi, wir haben’s überlebt!“ wieder finden, die sich auf dem Onlineportal „StudiVZ“ gegründet haben. Freundschaften entstehen hier, Flirts und manchmal auch Beziehungen, wissen erfahrene Komparsenbetreuer zu berichten, nicht nur zwischen den Komparsen.
Nach dem Mittagsessen, das dem Namen zum Trotz um Mitternacht in einem beheizten Zelt in der Nähe der Kirmes serviert wird, geht es weiter mit einer Einstellung vor dem Riesenrad, fünfzehn Gondeln werden mit dick eingepackten Komparsen bestückt, die auf das „Action“ des Regieassistenten ihre Hüllen bis auf die historische Ummantelung fallen lassen. Eine gute Aussicht habe man von da oben gehabt, versichert eine junge Komparsin. Und ein mittelalterlicher Herr, der den Hut seines Vaters mitgebracht hat, tippt auf die Überschrift einer von ihm in luftigen Höhen gelesenen Zeitung.
„Mit Oskar durch Gdansk“ steht da. Er lächelt. „Das heb ich mir als Erinnerung auf. Obwohl... Eigentlich müsste das ja heißen: mit Oskar durch die Nacht.“
LULU & JIMI, Regie: Oskar Roehler, mit Ray Fearon, Jennifer Decker, Bastian Pastewka, Udo Kier, Katrin Saß und Rolf Zacher, Kinostart: 22. Januar 2009.
Trailer und weitere Details unter: http://www.luluundjimi.x-verleih.de/