Im November/Dezember 2005 befand sich die erste deutsche Geisel in der Hand irakischer Entführer. Der Ärger ging erst nachher los. Notizen einer Empörung, zum dritten Jahrestag
Wie jedes Jahr jährt sich auch 2008 wieder ein ganzes Bündel an Jahrestagen. Gerade im Herbst, wenn die Temperaturen fallen und trotz gülden beleuchteter Alleen die Ahnung der Vergänglichkeit das Herz der Deutschen befällt, macht sich bei so Manchem ein Unbehagen breit, was Gegenwart und Zukunft betrifft. Zeit also, sich mit der Vergangenheit zu befassen und erleichtert festzustellen, dass früher auch nicht alles besser war.
Der Freude der Deutschen an ihrer ferneren Vergangenheit, der der ausgesprochene Vorteil des Nichtselbsterlebthabens etwas Disneyhaftes verleiht, ist es zu verdanken, dass sich ein Gros der Gedenktage, Reden und Feiern auf exotisch entrückte Daten bezieht. So besinnen sich die Demokraten 2008 neben 160 Jahren Märzrevolution und 90 Jahren Novemberrevolution auch auf 60 Jahre Währungsreform, selbst die Nazis haben ihre 75 Jahre Machtergreifung oder 70 Jahre Eintritt ihrer Heimat in das Deutsche Reich.
Bei Feiern solch entlegener Jahrestage wird selten bemerkt, dass das Gepriesene nur noch in den seltensten Fällen ein Anrecht auf Gegenwartsbezug besitzt. Weder sieht sich 2008 der preußische König dem Willen der Volksvertretung unterworfen, noch hatte die Weimarer Republik das Glück, ihr 90jähriges Bestehen zu erleben. Nicht einmal die D-Mark gibt es an ihrem 60. Geburtstag noch, doch dieses Schicksal teilt sie rühmlich mit den meisten ihrer Geburtstagskollegen, seien es nun Roosevelt (150), Luther (525) oder Heinrich I. (1.000).
Wenn dieses Jahr auch die deutsche Volljährigkeit bejubelt wird, so handelt es sich um eine der wenigen glücklichen Ausnahmen von der oben genannten Regel. Schließlich leben die meisten der Angeschlossenen Ost noch immer (manche sogar in ihrem Herkunftsgebiet!), und auch die Eroberer meinen beharrlich auf die Folgen dieser verhängnisvollen Vereinigung hinweisen zu müssen.
Wie naiv mutet es da an, will man sich einem Ereignis widmen, das gerade mal drei Jahre alt wird. Ein Kind, beinahe noch ein Fötus, dieses Ereignis, das ehedem die Republik erschütterte. Denn pünktlich zum Beginn des großkoalitionären Treibens ereilte die Deutschen, die sich mit dem Schröderschen „Nein“ zum Irakkrieg auf der sicheren Seite – nämlich im Abseits der Weltpolitik – wähnten, die kriegerische Wirklichkeit. Plötzlich stand es da, in großen Lettern und auf allen Titelblättern: Die erste Deutsche entführt – und das im Irak!
Und daher, an dieser Stelle und im vollen Bewusstsein um seine historische Relevanz, ein weiterer Jahrestagsartikel: drei Jahre Susanne Osthoff!
Dass wir Susanne Osthoff für eine Irre hielten, dass wir ihr Undankbarkeit und Verrücktheit, Herzlosigkeit und Ehrgeiz unterstellten, hatte nichts mit Susanne Osthoff zu tun. Es hatte mit uns zu tun und unserer Vorstellung von Norm, die wir enttäuscht wähnten, als wir von Susanne Osthoff hörten. Das mochte daran liegen, dass wir sie als Foto kennen gelernt hatten, als lächelnde, blauäugige Frau, und dass sie ein ideales Abziehbild war für unser Stickeralbum der speziell für Tsunamis und Jahrhundertfluten reservierten Hoffnungen und Ängste.
Susanne Osthoff hatte in mehrfacher Hinsicht Glück. Sie trat in unsere Herzen, weil sie unsere erste Entführte im Irak war, weil wir sie mit dem Wechsel der Regierung in Verbindung brachten und mit der Ungerechtigkeit des Krieges, und weil wir Kerzen anzünden konnten wie damals für Lady Di. Wir haben mit Susanne Osthoff gefiebert, weil wir uns selbst entführt gefühlt haben, und weil wir uns wiederbekommen wollten. Waren wir nicht gegen den Krieg im Irak gewesen? War es nicht ungerecht, eine von uns zu entführen? Außerdem haben wir mit ihr gefiebert, weil wir ein Volk von guten Menschen sind, weil wir gerne spenden und helfen, wenn ausreichend Not am Manne ist.
Dann haben wir von Susanne Osthoffs Biographie erfahren und haben gehört, dass auch sie eine typische Deutsche ist, eine Frau, die helfen wollte, und die ihr Leben dem Dienst am Anderen und der Beruhigung unseres kollektiven schlechten Gewissens gewidmet hat. Eine wie sie gehört nicht entführt, das appellierte an unser Gerechtigkeitsgefühl, denn auch dafür sind wir bekannt.
Wir fieberten also, und wir hofften, und kaum jemand ist davon unberührt geblieben, als er die Mutter, den Bruder, die Schwester und den Kanzler, die Kanzlerin, an die Entführer appellieren sah, gleich nach "Verliebt in Berlin" und vor dem neuen Rosamunde-Pilcher-Film. Wir haben ihr die Daumen gedrückt, und wir haben daran geglaubt, dass sie frei kommen würde, irgendwann. Und wir haben uns ausgemalt, wie wir sie empfangen würden, mit Staatsakt, mit Flaggen, mit weinenden Ordensschwestern und Hände schüttelnden Präsidenten. Und wir haben uns auf die Interviews gefreut, die Tränen bei Sabine Christiansen und Talkshows zum Thema "Wie ich meinen Entführern entkam". Wenn die Befreiung rechtzeitig gelang, so hofften wir, schaffte sie es sogar noch zu "Menschen 2005".
Und dann war es soweit. Vierundzwanzig Tage, nachdem Susanne Osthoff entführt worden war und einundzwanzig Tage nach dem Beginn unseres Bangens lasen wir: "Susanne Osthoff frei". Und wir lachten, und wir riefen uns an, schickten uns SMS und wussten die Welt wieder in Ordnung. Die Gerechtigkeit, so fühlten wir, hatte gesiegt. Und wir spürten, dass unser Gutsein, unser Beten und Bitten eines Tages doch Erfolg zeigen würde, und wir hofften wieder für unsere eigene kleine Misere. Als wir erfuhren, dass Lösegeld mit im Spiel war, dämpfte es kurz unsere Freude, doch wir hielten uns nicht lang damit auf, der Realität ins Auge zu blicken, und wir glaubten lieber wieder an die Wirkung moralischer Appelle.
Unsere Spannung wuchs, und wir warteten darauf, von Susanne Osthoff zu hören. Wir hatten ein Recht auf sie. Hatten wir nicht gebetet, geweint und Kerzen angezündet, um sie endlich wieder zu sehen? Und nun versteckte sie sich. Das hat uns schon ein wenig enttäuscht. Es irritierte uns, dass sie nicht gleich zu uns zurückkam, und dass sie ihre Mutter nicht anrief, nach all ihrer Mühe. Doch wir hatten noch Verständnis für sie, es muss der Schock gewesen sein. Dann sahen wir sie auf Al-Jazira und waren froh, sie zum ersten Mal reden zu hören. Sie tat es auf arabisch, was uns etwas verwunderte, doch wir dachten uns noch nichts. Dass sie uns aber mit keinem Wort erwähnte, und dass sie uns nicht dankte, das machte uns doch etwas nachdenklich. Unsere Susanne begann uns zu missfallen. Wir lasen in den Zeitungen, was sie gesagt hatte, und wir lasen immer wieder Kommentare und Analysen, von Psychologen und Arabisten, und wir wurden den Verdacht nicht los, sie hätte uns gar nicht verdient.
An Weihnachten dann konnten wir sie endlich sehen. Das heißt, wir sahen sie nicht, denn unsere Susanne, diese Islamistin, wie wir nun wussten, verhüllte ihr Gesicht vor den erwartungsvollen Zuschauern. Statt auf die Fragen der schicken Moderatorin einzugehen, zeigte sie sich störrisch und gab ihre eigenen Antworten. Das war der Anfang vom Ende unserer Liebe für Susanne Osthoff.
Was glaubt die denn, sagten wir, wer sie denn sei? Und ob sie jeden Anstand verloren habe, da unten bei ihren Mullahs. Und ob sie noch recht bei Trost sei. Gelinde gesagt, wir waren entsetzt. Das war nicht die nette Frau vom Foto, für die wir gebetet und gezittert hatten. Das war ein schwarzer Sack mit Augen, die Schlitze waren wie ihre Ohren, und von ihrem Blau war nichts mehr zu erkennen. An diesem Abend verstießen wir Susanne Osthoff, und wir zerknüllten das Bild, das wir uns von ihr gemacht hatten wie das Geschenkpapier, das dieses Weihnachten zur Verpackung unserer Wünsche gedient hatte. Wir hörten schon gar nicht mehr hin, als die Presse rief: "Nicht einmal ihr Kind hat sie lieb, dieses verrückte Weib!" Wir nickten nur und zeigen uns kokett entsetzt.
Dass wir Susanne Osthoff für eine Irre hielten, dass wir ihr Undankbarkeit und Verrücktheit, Herzlosigkeit und Ehrgeiz unterstellten, hatte nichts mit Susanne Osthoff zu tun. Es hatte mit uns zu tun und unserer Vorstellung von Norm. Susanne Osthoff interessierte uns nicht. Wir wollten diese lächelnde, blauäugige Frau zurück, die Idealistin ist und aus humanitären Gründen auf ihr privates Glück verzichtet, aber am Herd steht und ihre Tochter mittags von der Schule abholt. Wir wollten diese Frau zurück, die sich todesmutig ihren Weg durch Bomben und Menschenhändler bahnt, aber schockiert das Weite sucht, sobald sie bemerkt, dass es nicht nur gefährlich klingt, sondern auch ist, was sie tut. Wir wollten eine Frau, die ungewöhnlich genug ist, unser Interesse zu wecken, aber normal genug, um uns nicht in Frage zu stellen. Schließlich haben wir dafür bezahlt, 4,2 Millionen Euro Steuergeld. Von unseren Gebeten, unseren Kerzen und unseren enttäuschten Erwartungen mal ganz zu schweigen.
Keywords: Susanne Osthoff, Medien, Hetze, Kampagne, Jahrestag, Irak, Archäologin ,Gesellschaft, Deutsche