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Donnerstag, 28. Januar 2010 12:20 • 

Von: Nicolas Flessa

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Helen Mirren in Berlin

Die CARPE Filmkritik: Ein russischer Sommer

Ein russischer Sommer (Regie: Michael Hoffman, mit Helen Mirren, Christopher Plummer, James McAvoy u.a.)

Eigentlich hätte Meryl Streep die Rolle der Sofia Tolstoi spielen sollen. Doch diese sagte ab, und die Bühne wurde frei für Oskar-Preisträgerin Elena Vasilievna Mironova. Was die gebürtige Engländerin mit russischem Blut, besser bekannt unter ihrem selbst gewählten Namen Helen Mirren, in diesem in Russland angesiedelten, englischsprachigen deutschen Film mit Hollywood-Regisseur leistete, ist denn auch preisverdächtig. Im Gegensatz zur literarischen Vorlage gelingt es ihr nämlich meisterhaft, die Landminen einer in die Jahre gekommenen Ehe zweier sehr unterschiedlicher Charaktere abzubilden, ohne in Schuldzuweisungen oder einseitige Verurteilungen abzugleiten. Leo Tolstoi wird vom Mythos zum Mensch, seine Gattin Sofia von der Furie zur Frau.

Und hier liegt denn auch der Kern der Qualität dieses Films: Zärtlichkeit und Gewalt, Überdruss und Zuneigung, Idealismus und Angst treffen in einer beängstigenden Dichte aufeinander, die es ermöglichen, diesen historisch-biographischen Einblick als das zu verstehen, was sein Regisseur Michael Hoffman ursprünglich intendiert hat: kein Kostümfilm, sondern ein Gleichnis „über die Schwierigkeiten, mit der Liebe zu leben – und der Unmöglichkeit, ohne sie zu leben.“ Dies ist ihm zweifellos gelungen. "Du brauchst keinen Ehemann, sondern einen griechischen Chor!" brüllt der erzürnte Dichter, nur um wenige Minuten später seiner lachenden Muse zärtlich noch einmal "den Hahn zu machen".

Abgesehen von kleineren Missständen – genannt seien die merkwürdig unrealistisch wirkende orthodoxe Kapelle in mehreren Überland-Szenen sowie die streckenweise sehr schablonenartige Filmmusik – ist „The Last Station“, wie der Film im englischen Originaltitel weitaus origineller (da doppeldeutiger) lautet, ein handwerklich einwandfreier, poetisch wie menschlich berührender Einblick in die letzten Tage eines schon zu Lebzeiten verehrten Genies. Wer sich in Kirchenkritik übt, wird hier auf seine Kosten kommen. Zu schön wird der Gegensatz aus Meister und Jüngern herausgearbeitet – und die Versuche von „Paulus“ Vladimir Chertkov, den Führer der Tolstojaner, den anarchischen und pazifistischen Schriftsteller noch zu Lebzeiten zur Ikone zu erheben.

Auf einer Pressekonferenz zu Beginn der Dreharbeiten in „Sexy Anhalt“ (O-Ton Mirren) rief die britische Schauspielerin in Anspielung auf die Rollen-Ablehnung Streeps begeistert in die Mikrophone: „Meryl, du hast einen großen Fehler gemacht!“ In Anbetracht der dargebrachten Leistung müssen wir dem entschieden widersprechen. Wie sagen: "Danke, Meryl!"

 

Ein russischer Sommer (Homepage | Trailer)

Regie: Michael Hoffman; Kamera: Sebastian Edschmid

mit Helen Mirren, Christopher Plummer, James McAvoy, Kerry Condon u.a.

Drama/Biographie – Deutschland/Russland 2009

112 Min. - Verleih: Warner

Keywords: Ein russischer Sommer, Tolstojaner, Leo Tolstoi, Helen Mirren, Christopher Plummer, James McAvoy, Kerry Condon, Michael Hoffman, Kinostart, The Last Station

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