Die Tür (Regie: Arno Saul, mit Mads Mikkelsen, Jessica Schwarz, Heike Makatsch, Thomas Thieme u.a.)
Deutsche Filme sind langweilig. Deutsche Filme sind durchschaubar. Deutsche Filme sehen bieder aus. Deutsche Filme sind alles außer spannend: Vier Vorurteile, die zugegebenermaßen streng, in ihrem Pauschalismus sicher ungerecht, doch häufig leider mehr als begründet sind.
Woran liegt das? Häufig an schwacher Schauspielführung und einem fehlerhaften Buch. Spätestens seit „Dogma“ wissen wir: mangelnde Technik ist nervig, aber nach einer gewissen Gewöhnung vernachlässigbar – Phantasielosigkeit in der Handlung ist es nie.
„Die Tür“, der neue Film von Arno Saul nach einem Roman von Akif Pirinçci („Damalstür“, „Felidae"), kann geradezu als Paradebeispiel eines Films bezeichnet werden, der in etliche Fallen der heimischen Filmindustrie – nicht – getappt ist. Weder vermag es dieser Film, durch einseitige Genrefixierung zu langweilen – dem Grusel, dem Schaudern folgte nicht selten ein Lacher im Kinosaal, der sicher nicht verirrt, sondern durchaus einkalkuliert war –, noch gelang es ihm, uns mit elegischen, aber inkonsistenten Bildern zu beeindrucken statt uns in die Handlung einzubinden, uns herein zu ziehen in die trotz aller kruden Verwicklungen niemals preisgegebenen Charaktere.
Die Schauspielkunst von Dogma-Held und James-Bond-Bösewicht Mads Mikkelsen steht außer Frage. Auch in dieser anspruchsvollen Hauptrolle gibt der vielseitige Däne zu verstehen, wie präsent man (oder frau) neben einem Profi wie ihm im Bild erscheinen muss, um nicht überspielt zu werden. Mikkelsen fordert, ohne abzuhängen, den restlichen Cast heraus. Dass Heike Makatschs Mitwirkung im Vor- und Abspann ausdrücklich als „Gastauftritt“ qualifiziert wurde, mag daran liegen, dass man dieser exzellenten Schauspielerin keine größere Rolle als die der Geliebten zutraute – und sie damit wieder einmal in einem Akt von Type-Casting auf die ungezogene, rebellische und sexuell einfordernde Lebenskünstlerin beschränkte.
Doch nicht nur der Cast begeistert. Was Fabian Roemer mit der Filmmusik geleistet hat, ist mehr als originelle Hintergrundmusik. Der Schweizer Komponist schuf einen roten Faden, der den Zuschauer schaudernd und eindringlich von Station zu Station seines filmischen Entdeckens führt. Seine Instrumentierung, seine Bereitschaft, die Bilder nicht bloß zu kommentieren, einen Bogen um kompositorische Klischees zu machen, stellt einen großen Reiz in der Betrachtung der von Kamerafrau Bella Halben wunderbar in Szene gesetzten Bilder dar. Dass dieser Film an etlichen Stellen schnell geschnitten ist, fällt im Gegensatz zu vielen Blockbustern nicht als hektische Betriebsamkeit, sondern als Liebe zum Detail ins Auge.
Die von Pirinçci inspirierte Story ist so philosophisch wie spannend und geht von einer nachvollziehbaren Frage aus: Was würdest Du tun, wenn Du die Zeit noch einmal ein paar Jahre zurückdrehen könntest? Würdest Du versuchen, Versäumnisse und Fehler ungeschehen zu machen, Dich diesmal richtig zu verhalten? Und hier liegt auch das große Potential dieses Films: Man wird ihn nicht einfach los, wenn der Abspann auf der Leinwand erloschen ist. „Die Tür“ erzeugt dieses wohlige, unheimliche Gruselgefühl, dass Geschichten wie die von Edgar Allen Poe einst so erfolgreich machte, und das sich in den ersten Minuten nach dem Ende des Films so wirksam im eigenen Erleben einnistet, bevor man es, lachend oder küssend, plaudernd oder laufend, endlich wieder abstreift, langsam wieder zum Leben erwacht in der scheinbaren Eindimensionalität der so genannten Wirklichkeit.
Dass ein Film, der mit einer so offensichtlichen Irrealität wie einem Zeitportal umgeht, weder kippt noch zu einem Science Fiction Werk mutiert, ist eine der großen Leistungen des Regisseurs. „Die Tür“ beweist, wie viel man sich trauen kann im deutschen Kino, ohne die Gunst der von vielen unterschätzten Zuschauerschaft zu verlieren.
Regie: Arno Saul; Kamera: Bella Halben
mit Mads Mikkelsen, Jessica Schwarz, Heike Makatsch, Thomas Thieme u.a.
Drama/Thriller - Deutschland 2009
103 Min. - Verleih: Senator
Keywords: Die Tür, Mads Mikkelsen, Jessica Schwarz, Heike Makatsch, Thomas Thieme, Arno Schmidt, Deutscher Thriller, Zeitportal