Ziemlich links, ziemlich rechts und mitten in der Stadt
Die seltsame Geschichte von den Grünflächen-Dieben und von dem Spreepirat, der den Bürgern den gestohlenen Raum zurückzubringen versuchte
Was wie eine Satire anmutet, ist wie so oft mitten aus dem Leben gegriffen. Der Kampf um die O2-Arena in Berlin-Friedrichshain. Ginge es bloß um ein Gebäude, wäre er längst entschieden: die Arena steht, die Mauer ist weg. Wie in der Einleitung angedeutet, geht es jedoch um weit mehr als nur um Beton, Glas und Plastik. Es geht um Richtungsentscheidungen, Geld und Ideologie – und ein ganzes Medienviertel.
Die Fronten sind rasch erklärt. Auf der einen Seite der Berliner Senat und eine Reihe teilweise internationaler Investoren, die mitten in Berlin „Brachland bebauen“ und „Arbeitsplätze schaffen“ wollen – und sich etwas verallgemeinert mit der Bezeichnung „Mediaspree e.V.“ etikettieren lassen. Auf der anderen Seite die Kritiker der Planungen, die „kreative Freiflächen bewahren“ und „die Gentrifizierung“ des Gebiets verhindern wollen, allgemein bekannt unter dem Namen „Mediaspree versenken e.V.“
Wir kennen diesen Konflikt aus zahlreichen Märchen und Filmen. „Momo“ von Michael Ende wäre ein solches Beispiel. Das selbstlose, idealistische und gemeinschaftlich denkende kleine Mädchen und die gewinnorientierten, materialistischen und moralisch abgebrühten Großkapitalisten. Die Guten und die Schurken sind schnell ausgemacht. „Als die Welt schon fast den Grauen Herren gehört, beschließt der weise Meister Hora (der geheimnisvolle „Verwalter der Zeit“) zu handeln. Er hält die Zeit an, wodurch die ganze Welt zum Stillstand kommt, und schickt seine Schildkröte Kassiopeia mit dem kleinen, strubbligen Mädchen Momo, das eine Stundenblume für eine Stunde Zeit in die Hand bekommt, in den Kampf gegen die übermächtig erscheinenden grauen Herren.“ (Wikipedia)
Mythen haben den Vorteil, komplexe Zusammenhänge zu vereinfachen, doch sie sind nur bedingt dafür geeignet, diese komplexen Zusammenhänge wirklichkeitsgetreu und vor allem deutungsfrei wiederzugeben. Der Vorteil an den Grauen Herren ist: sie sind klar und ohne Widerspruch der Todfeind, den es zu bekämpfen gilt, das versteht das kleine Mädchen Momo ebenso wie der geneigte Leser oder Zuschauer.
Im Falle der Sauerstoff-Welt, neudeutsch auch O2-World genannt, ist es naturgemäß etwas schwieriger. Diverse Interessen überlagern sich, Verbände und Lobbys, Linke und Rechte, Geldige und Idealisten werfen dermaßen engagiert mit Zahlen, Vorwürfen und Vorurteilen um sich, dass eine Information ohne politische Deutung kaum mehr möglich ist. Wie in jedem Kalten Krieg bestehen beide Seiten auf den Besitz der ungeteilten Wahrheit. Ausgewogene Stimmen, die die wirtschaftlichen wie die sozio-ökologischen Folgen der versenkten oder noch zu errichtenden Medienstadt argumentativ erläuterten, finden sich hingegen selten. Und mit Recht: denn im Unterschied zu „Momo“ steht der Ausgang dieses Häuserkampfes noch nicht fest, und ein Eingreifen in die Handlung ist dem demokratisch legitimierten Friedrichshain-Kreuzberger erst kürzlich möglich gewesen.
Doch zurück zu unserem Märchen. Die Grauen Herren, hier gespielt vom Berliner Senat und den Investoren O2 und Anschutz Entertainment Group, lockten die Bürger mit einem ganzen Strauß überzeugender Vorteile, die es durch die planmäßige Errichtung der Mediaspree zu erreichen gilt, an die Urne: von 2,7 Millionen Euro Investitionen wurde da gesprochen und von 30.000 – 40.000 neuen Arbeitsplätzen. Die Spreepiratin Momo hielt zu erwartende Mieterhöhungen in der Nachbarschaft, das sich bereits abzeichnende Verkehrschaos und den Verlust des unbebauten und für alle Bürger zugänglichen Spreeufers entgegen. Wie für Märchen üblich, entschied sich der wahlberechtigte Leser für einen guten Ausgang der Geschichte und erteilte den rot-roten Grauen Herren vom Berliner Senat eine 87%ige Absage.
So muss es denn wie Hohn in den Ohren des geneigten Lesers klingen, wenn er erfährt, dass das Happy End im Grunde gar nicht bindend ist, weil die Grauen Herren ihre Baugeschichte auch ohne Momo fortsetzen können. Zwar hat Beppo, der grüne Bezirkskehrer (um bei der Ende’schen Analogie zu bleiben) schon bald nach Bekanntgabe des Bürgerentscheids versprochen, den Willen des Volkes auch umzusetzen, doch den Senat braucht dies kaum zu jucken. Wären doch hohe Entschädigungssummen fällig, um den willigen Investoren über den erklärten Willen der unwilligen Bürger hinwegzutrösten.
Was tun in dieser verfahrenen Situation? Nebenschauplätze sind ein beliebtes Mittel der strategischen Kriegsführung, auch als Zermürbungstaktik bekannt. So kommt es, dass auf das Schweigen der Grauen Herren Momo demonstrieren geht, und sei es gegen eine Werbetafel, die am Rande einer Hauptverkehrsstraße steht. Natürlich ist das Ungetüm hässlich und natürlich gehört es eher an den Rand eines Highways als an den Rand der East Side Gallery. Und natürlich wäre es weit einfacher, eine Werbetafel abzureißen als ein ganzes Stadion. Doch darum geht ja eigentlich gar nicht, nicht einmal den Spreepiraten.
Die Grauen Herren werden die eigentliche Botschaft des Marschs zur Eröffnung der O2-World und der Demo gegen die megalomane Leuchtreklame verstanden haben: wir geben nicht auf, und wenn wir Stein um Stein herausklagen müssen.
Momo hat sich einiges vorgenommen. Von Kassiopeia wird sie das Wichtigste schon gelernt haben: Geduld und einen langen Atem. Hoffen wir, dass Meister Hora ihr nicht nur eine Stundenblume mit auf den Weg gegeben hat. Spirituellen Beistand hat sie bereits erhalten: der Dalai Lama hat seinen für den 19. Oktober geplanten Auftritt in der O2 World heute abgesagt - wenn auch aus gesundheitlichen Gründen.






























