Wo sich die Globalisierungsproletarier vereinigen
Viele Akademiker und andere schlaue Berlinbewohner haben "nüscht" zumindest "nüscht viel". Das liegt auch daran, dass sich hier die Trendsetter sammeln. Und inzwischen entwickelt sich das Globalisierungsproletariat zu einer gängigen Lebensform.
Von Olaf Sundermeyer
Berlin gilt als Anziehungspunkt für Menschen mit gehobener Bildung, doch mit wenig Geld und Ehrgeiz: Man kann in der Hauptstadt preiswert leben, ohne ein großes Ziel zu verfolgen. Doch viele der Zugereisten sehen irgendwann ihren Lebenstraum gescheitert, der Abstieg ist programmiert. Diese Worte stammen von dem Berliner Pfarrer Hans-Georg Filker. Er wird in der Studienreihe „Deutsche Zustände“ (Folge 5, Edition Suhrkamp, Frankfurt/Main) zitiert. Filker arbeitet seit Jahren in der Obdachlosenseelsorge. Und es ist anzunehmen, dass er bescheid weiß. Seine Worte wirken gleichsam wie eine Warnung. Denn mal ehrlich: Sind wir nicht alle ein bisschen Globalisierungsproletariat?
Es gibt zahlreiche hoch studierte Menschen in Berlin, die viele Bücher gelesen haben, ganz schlau scheinen, aber von der Rente eines pensionierten Postboten, der in der alten Bundesrepublik gleich dem „Onkel Heini aus Uhlenbusch“ (Antiheld einer beliebten Familienserie aus den 80er Jahren) als Beamter auf Lebenszeit Briefe verteilt hat, nur träumen können. Und irgendwie kann keiner so recht dafür, auch Onkel Heini nicht. Die Welt hat sich einfach verändert. Und Bildung ist längst kein Garant mehr für sozialen Aufstieg. Viele Akademiker werden sich also keines dieser 70.000-Euro-Wohnmobile leisten können – so sie denn von größeren Erbschaften verschont bleiben – mit dem Onkel Heini oder die pensionierten Abteilungsleiter der Straßenverkehrsämter deutscher Kreisstädte zwischen Usedom und Palermo die Campingplätze verstopfen.
Selbst wenn wir es heute noch schaffen, Kraft der eigenen Kreativität als freiberuflicher-Ich-AG-Fotograf, Filmcutter, Musiktherapeut oder Dozent in der Erwachsenenbildung die Miete, den Latte Macchiato oder den Billigflieger nach Sardinien zu bezahlen. In zwanzig Jahren verblasst die kreative Energie. Und dann? Dann gibt es andere Fotografen und Filmcutter, die gebucht werden, und die Bildungsträger beschäftigen längst frische Dozenten, die vor neuen didaktischen Ideen nur so strotzen. Und schon ist der Freie mit viel Arbeit einer ohne Einkommen.
Schon jetzt ist Deutschland eines der wenigen Länder, in denen viele Eltern ihre gut ausgebildeten erwachsenen Kinder unterstützen, nicht andersherum. Für Berlin gilt das in besonderem Maße. Was also tun? Entweder strebt man bei Lidl eine Karriere vom Filialleiter bis hin zum Bezirksleiter an, vielleicht sogar bis zum Einkäufer, der sich bei der Auswahl von spanischen Weinen in Valdepenas vom Lieferanten hofieren lässt. Vielleicht ist es auch bloß die feste Stelle bei Ikea als Küchenplaner im Verkauf. Für einen freiberuflichen Architekten eine echte Alternative zu den 1600 Euro monatlich bei einer 60-Stunden-Woche in einem dieser schicken Büros am Prenzlauer Berg, wo das Selbstbewusstsein zeitweilig größer ist als der berufliche Erfolg. Wem das nicht passt, der muss sich weiter als Freier ausbeuten lassen. Von den Unternehmen, Produktionsfirmen, Verlagen, Stiftungen und Sendern, die allesamt behaupten, es sei kein Geld mehr da für angemessen bezahlte Arbeit in sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen.
Aber wo bleibt eigentlich die fette Kohle, die in der Mode oder bei den Aktiengesellschaften der Unterhaltungsindustrie verdient wird? Immer mehr Rendite bei immer weniger vernünftigen Arbeitsverträgen. Die Kohle bleibt bei den Share-Holdern und Kleinaktionären, die auf dem Campingplatz an der Müritz vor ihrem Wohnmobil sitzen. Irgendwann werden sie dann alles vererben. An ihre armen jungen Verwandten in Berlin, die so endlich den Aufstieg aus dem Globalisierungsproletariat schaffen. Wer bei dieser Verteilung leer ausgeht und trotzdem älter wird, hat gewisse Chancen darauf, irgendwann den Nachfolger von Pfarrer Filker kennen zu lernen. Die Berliner Verhältnisse sind vorprogrammiert.
Von Olaf Sundermeyer





























