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Donnerstag, 11. September 2008 21:22 • 

Von: Nicolas Flessa

Vom Tanz mit der Rieke

Laden auf der Sonnenallee

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"Es gibt bereits Slums in deutschen Großstädten. Das sind zwar nicht ganze Stadtviertel, aber doch Teile von ihnen, etwa in Berlin-Neukölln...“ Bundesinnenminister Schäuble hat, worum sich viele bislang erfolglos bemühen: eine präzise Definition für Neukölln

Zunächst verwundert schon die Konstruktion des Zitats. Halten wir fest. Es gibt Slums und zwar nicht nur in „Amerika“, sondern auch bei uns, in unseren deutschen Großstädten. Soweit so gut. Doch nicht etwa in bestimmten Stadtvierteln, wie der geneigte Rechtsvondermitte-Wähler nickend schon lange vermutete, sondern ganz explizit „in Teilen von ihnen“. Schäuble zögert nicht, konkret zu werden und Namen zu nennen von diesen Schurken-Viertelteilchen: Berlin-Neukölln ist eines von ihnen, und Hamburg-Billbrook ein anderes. 

Abgesehen von der normativen Kraft seiner Aussage stolperte so mancher Berliner Leser auch über den scheinbaren Widerspruch innerhalb des Gesagten selbst: war Berlin-Neukölln nicht ein ganzer, ein voller, sogar der größte Stadtteil Berlins? Was war denn nun das Ghetto? Der Stadtteil Neukölln, ein Teil von Neukölln oder gar ein Viertel des Ganzen ohne den Rest seiner Teile? Lag am Ende das viel gescholtene Ghetto durch geschickte Teilungen gar nicht mehr innerhalb der Stadtgrenzen Berlins?

Um den Missverständnissen entgegenzuwirken, sei hier eine kurze sprachgeschichtliche Erläuterung vorgenommen, die Herrn Schäubles Aussage zwar nicht verständlicher werden, aber doch verständlicher klingen lässt.

Alles begann mit Cölln, einer kleinen Fischerstadt westlich der Spree, die 1237 das erste Mal urkundlich erwähnt wurde. 1307 vereinigte es mit der östlich der Spree gelegenen Kaufmannsstadt Berlin zur Doppelstadt Berlin-Cölln. 

Doch Doppelnamen halten bekanntlich selten, und schon bald wurde Cölln zum Stadtteil der unaufhörlich anwachsenden Stadt Berlin. Während dieses Viertel Cölln das Gebiet der Spreeinsel umfasste, entstand durch die Festungsanlagen des Kurfürsten gegen 1680 das erste Neu-Cölln – direkt am Südufer des Spreekanals. 

(Zur Verdeutlichung: innerhalb Cöllns liegen heute neben der Museumsinsel auch die kümmerlichen Reste des Palastes der Republik und das bundesdeutsche Auswärtige Amt, während Neukölln, pardon, Neu-Cölln heute großzügig von der Leipziger Straße durchschnitten wird.) 

Während sich das alte Cölln inklusives des alten Neu-Cölln im Laufe des 20. Jahrhunderts in der Berliner Mitte verlieren sollte, fand schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts (quasi prä-mortal) eine Renaissance dieses geographischen Begriffs statt: Die inzwischen zu einer ansehnlichen kleinen Stadt angewachsene Gemeinde Rixdorf im Süd-Osten Berlins (welche zur Zeiten des alten Cölln übrigens noch Richardsdorp hieß) beschloss 1912, sich aufgrund des dörflichen Namens und des nicht ganz einwandfreien Rufs der Gemeinde als Hort der Vergnügungen in Neukölln umzubenennen.  1920 fiel auch das neue Neukölln wieder an Berlin und wurde noch einmal von einer Stadt zum Stadtteil degradiert. Gemeinsam mit den Ortsteilen Britz, Rudow und Buckow bildet Neukölln alias Rixdorf alias Richardsdorp heute den Bezirk Neukölln.

An welchen dieser Teile der Viertel einer Stadt Herr Schäuble nun genau gedacht hat, als er den Fachbegriff eines Ghettos auf deutsche Bezirke mit Migrantendichte zur Anwendung vorschlug, lässt sich nicht mehr genau eruieren. Gropiusstadt? Richardkiez? Gar die Fischerinsel?

Fest steht: wenn er tatsächlich den Norden des heutigen Neukölln gemeint hat, wie einige entsetze Lokalpolitiker vermuteten, können wir ihm historisch eigentlich nur beipflichten. 

Bedeutet doch „to slum“ nicht anderes als „sich unters gemeine Volk zu mischen,“ und war nicht über Jahrhunderte genau dies die Spezialität einer Gegend, in denen Herren aus Regierung und Bürgertum über Wein, Weib und Gesang den Alltag ihrer Hauptstadt vergessen konnten? 

„In Rixdorf ist Musike, Da tanz ick mit der Rieke, In Rixdorf bei Berlin...“

Keywords: Neukölln, Cölln, Berlin, Wölfgang Schäuble, Ghetto, Rixdorf, Rudow, Britz, Stadtgeschichte, Spree, Stadtteil, Stadtviertel

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