Unknown Wedding. Zur Prime Time im Wedding
Von Andreas Mix
Was macht den Wedding einmalig? Das einzige Berliner Dax-Unternehmen Bayer-Schering hat hier seinen Sitz. Und das Prime Time Theater. Dort wird die Sitcom „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“ (GWSW) gespielt. Sogar aus dem fernen Zehlendorf kommen die Zuschauer, um sich im Theater der anderen Art zu amüsieren.
Seit fast acht Jahren lebe ich in dem Bezirk, doch noch immer weiß ich nicht, wie ich es sagen soll: Ich wohne im Wedding, auf dem Wedding oder in Wedding. Mit der Grammatik nehmen es die Macher vom Prime Time Theater auch nicht so genau. „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“ heißt ihre Theatersitcom, mit der sie seit 2004 die Eigenheiten des Bezirks jenseits von Prenzelberger Alternativkultur und Mitte-Chic persiflieren.
Symbolischer könnte der Spielort gar nicht sein: Das Prime Time Theater liegt an der U-Bahn Station Wedding, neben der Berliner SPD-Zentrale und einer Spielhalle, direkt gegenüber vom örtlichen Arbeitsamt. Von Freitag bis Dienstag werden hier pünktlich zur TV-Primetime um 20:15 Uhr das Leben und Leiden idealtypischer Weddingbewohner auf die Bühne gebracht. Die Welt von GWSW besteht aus dem verklemmten Dönerbudenbesitzer Ahmed („Chez Ölgür“) und seinem Sohn Murat, der sächselnden Arbeitsamtsangestellten Heidemarie Schinkel, dem Vokuhilatragenden Postboten und Herthafan Kalle, Mahmud, dem handysüchtigen „Tiger von Wedding“, der lispelnden Kiezschlampe Sabrina, der Urologin Wiebke Oldenburg, der ehemaligen Mädchengangchefin und heutigen Bürgermeisterin Eische und vielen anderen mehr. Ihre Beziehungen und Probleme sind so dramatisch und verwickelt wie man es von einer Sitcom erwarten darf. Es geht um verlorene Liebschaften und Handys, türkische Bollywoodkarrieren und Schwiegermütter, die Suche nach dem „Supermigranten“ und Sächsischkurse für Wessis.
Die kreativen Köpfe des Prime Time Theaters sind Oliver Tautorat und Constanze Behrends-Tautorat, zwei „Weddinger aus Überzeugung“ mit Migrationshintergrund: Oliver Tautorat kommt aus München, Constanze Behrends-Tautorat aus Wittenberg. Alle vier Wochen schreibt sie eine neue Folge von GWSW. Mit dem hohen Tempo und den ständig wechselnden Rollen verlangt sie sich und ihren vier Schauspielerkollegen einiges ab. Ihre Spielfreude haben sie auch nach acht Staffeln, dreiundfünfzig Folgen und etlichen Wiederholungen nicht verloren. Die Darsteller suchen den Kontakt zu den Zuschauern und sind stets bereit zu improvisieren. Damit haben sie sich eine stetig wachsende Fangemeinde und Aufmerksamkeit auch in die überregionalen Medien erspielt. Bereits zweimal musste das Prime Time Theater in größere Spielstätten umziehen. Die Bühne in der Müllerstrasse mieteten sie von der Berliner Playboylegende Rolf Eden, der in stilechter Solariumsbräune zur Eröffnungsfeier kam und in der ersten Reihe Platz nahm. Die ist im Prime Time Theater eine handbreit von der Bühne entfernt.
Die Vorstelllungen von GWSW sind fast immer ausverkauft und die Karten so begehrt wie kostenlose Handyverträge auf der Badstrasse. Längst quetschen sich nicht nur Weddinger auf die knapp 130 Plätze in den engen Stuhlreihen. Seit der Reiseführer Marco Polo das Prime Time Theater als das „unterhaltsamste Theater der Stadt“ empfahl, finden neben Kreuzbergern und Spandauern auch Besucher aus Schwaben und Schulklassen aus Bielefeld den Weg in den Wedding. Für die meisten Zuschauer ist der Kiez exotischer als die Anden. Im Theater lachen sie nicht bloß über die Typen, die sie zuvor beim Umsteigen am Leopoldplatz oder Gesundbrunnen beobachten konnten, sondern auch über sich selbst. Der Lokalpatriotismus von GWSW definiert sich wie im richtigen Leben durch Abgrenzung. Der Gegenpart zu Dönertaxifahrern, JVA-Angestellten mit Stasi-Vergangenheit und Handyladenbesitzern sind Latte trinkende Prenzlwichser von der andere Seite der „bösen Brücke“, Subventionsvertilger von der Volksbühne und spätpubertierende Friedrichshainis.
Mit dem Volkstheater im Fernsehformat beschert das Prime Time Theater dem Wedding das, was im Kulturpolitikerdeutsch ein „kulturelles Alleinstellungsmerkmal“ genannt wird. Den Erfolg mehren die Macher durch geschicktes Merchandising: Es gibt Poster und ein Buch zur Serie, eine CD mit dem Titelsong, eine DVD mit Ausschnitten der besten Folgen und an der Theaterbar werden Cocktails mit den Namen der Protagonisten ausgeschenkt („Innocent Murat“, „Cool Kalle“, „Schinkels Gift“). Das Prime Time Theater stärkt damit das Selbstbewusstseins eines Kiezes, dessen Lebensgefühl die Weddinghymne aus GWSW auf den Punkt bringt: „Mitte ist Schitte/Prenzelberg ist Petting/Real Sex is only Wedding“.
GWSW goes Shakespeare: Ab dem 18. Juli spielt das Prime Time Theater das Stück „Eine Sommernachtstaraum“. Die neuen Folgen von GWSW starten am 15. August.
Prime Time Theater
Müllerstraße 163 b, 13353 Berlin-Wedding
Telefon: 030/ 49 90 79 58
Keywords: Wedding, Kultur, Theater, Prime Time Theater, Andreas Mix, Gutes Wedding, Schlechtes Wedding





























