Unknown Wedding: Auf der Route 65
Von Andreas Mix
Wer den Charme des Weddings entdecken will, der sollte sich von Einheimischen wie Nada und Kauthar führen lassen. Unter dem Motto „Arab girls on tour“ zeigen sie Besuchern ihren Kiez. Auf den sind sie mächtig stolz.
Was manche für einen Problembezirk halten, ist für andere Heimat. „Ich liebe den Wedding. Hier bin ich geboren, hier ist alles perfekt für mich“, sagt Nada. Jeder Kommunalpolitiker wäre gerührt vom Lokalpatriotismus der Achtzehnjährigen. Die Begeisterung für ihren Kiez vermittelt sie regelmäßig bei Führungen vom Verein „Kultur bewegt“. Seit Oktober 2006 bietet er verschiedene Touren durch den Wedding an. Organisiert werden sie von den Jugendlichen.
Mit ihrer vierzehnjährigen Schwester Kauthar zeigt Nada die Gegend östlich der Reinickendorfer Straße. Auf den ersten Blick gibt es hier nicht viel zu sehen außer tristen Wohnblocks, ungepflegten Grünanlagen und dem betonierten Flussbett der Panke. Die beiden Mädchen verbinden mit jedem dieser Orte Geschichten. Meist handeln sie vom Vandalismus. „Hier haben Jugendliche Mülltonnen angezündet“, erklärt Nada und zeigt auf Brandflecken in einem Hof. Routiniert entschlüsselt sie die Graffitis an den Häuserwänden und Spielplätzen. „MBW steht für ‘Moslem Boys Wedding’.“ Daneben gibt es die „Hurricane Jokers“ und die „Toys 65“. Die alte Postleitzahl des Bezirks ist zu einem Label geworden, das die Jugendlichen mit Stolz tragen und überall Orten verewigen.

Weiter führt der Weg durch die Grünanlagen entlang der Panke. „Hier schlief einmal ein Mann, der von seiner Frau rausgeschmissen wurde“, erzählt Nada. Am „Schiffspielplatz“ staunt sie über das neue Trampolin. „Das war lange kaputt. Wir haben das auch dem Bürgermeister gezeigt.“ Ob SPD-Bezirksbürgermeister Christian Hanke für das neue Trampolin gesorgt hat, wissen Kauthar und Nada nicht. Von der Tour war er jedenfalls ebenso beeindruckt wie es Grit, Verena und Stefan sind. Die drei wohnen seit einem Jahr im Wedding. Für die Tour haben sie sich angemeldet, um mehr über ihre neue Nachbarschaft zu erfahren.
Die nächste Station ist die Bäckerei Tatlicilar in den Gerichtshöfen. Stolz zeigt Ertan Saydam die Backstube, wo aus hauchdünnem Maisstärketeig Baklava wird. „Wir produzieren bis zu 1,5 Tonnen täglich.“ In dem Büro des Dreiunddreißigjährigen hängt eine große Europakarte, auf der rote und blaue Magneten die Lieferorte markieren. Tatlicilars Süßwaren werden von Madrid bis Vilnius, von Helsinki bis Mittelitalien verzehrt. Saydem weiß um die Vorlieben seiner Kunden: „Die Deutschen mögen lieber Schokolade, aber im Westen und Osten wird Baklava immer populärer. Die meisten der Endverbraucher sind jedoch Türken.“ Die Bäckerei hat Saydem von seinem Vater übernommen, der seinen Ruhestand in der Türkei genießt. Der geschäftstüchtige Sohn hat Großes vor: „Wir wollen Supermärkte beliefern.“
Vom Geruch von Blätterteig und Sirup betört, geht es weiter zur Wiesenburg. Die im 19. Jahrhundert errichtete Anlage an der Panke war ein Asyl für die Obdachlosen im rasant wachsenden Arbeiterviertel. Das im Zweiten Weltkrieg zerstörte und später verfallene Objekt haben längst Künstler für sich entdeckt und dort ihre Ateliers eingerichtet. Mit Unterstützung des Quartiersmanagements Pankstraße wurden die Ruinen der Wiesenburg zugänglich gemacht.
Der Rundgang endet im DRK-Jugendladen an der Neuen Hochstraße. Für Kauthar und Nada ist das ein besonderer Ort. Hier haben sie bereits als Kinder gespielt. Heute arbeitet Nada, die eine Ausbildung zur Verkäuferin macht, ehrenamtlich für den Jugendladen. „Das ist wie eine große Familie hier“, schwärmen die Schwestern.
Das Interesse an ihren Stadtteilführungen wächst. Zumeist sind es Touristen, denen sie ihre Lebenswelt zeigen. „Für die Jugendlichen ist das eine tolle Erfahrung. Die Identifikation mit ihrem Kiez wird gestärkt und sie lernen, vor einer Gruppe zu sprechen“, erklärt Susanne Pozek vom Verein „Kultur bewegt“. Vier verschiedene Touren gibt es bereits auf der „Route 65“. Bald sollen weitere in anderen Bezirken folgen. Ob Kauthar und Nada daran teilnehmen werden? Wenn sie über den Besuch bei ihren Verwandten in Moabit erzählen, dann klingt das wie eine Reise in eine andere Welt. Warum auch den Wedding verlassen? Nirgendwo ist es so schön wie hier, meinen Kauthar und Nada.
Die Touren auf der „Route 65“ können gebucht werden unter:
www.route65-wedding.de/index.html
E-Mail: mail@route65-wedding.de
Telefon: 030 - 233 66 760


































