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Freitag, 29. August 2008 14:22 • 

 

Unknown Wedding: Ab in den Untergrund

Führung in der Flakbunkerruine Humboldthain. Gruppe von Menschen mit gelben Schutzhelmen im Untergrund stehen neben Ruinenschutt und hören dem Touristenführer zu.

Führung in der Flakbunkerruine Humboldthain

Von Andreas Mix.

 

Tausende Touristen strömen in den Wedding, um den Kiez dort zu erleben, wo er am spannendsten ist: Im Untergrund. Die Attraktion hat der Verein Berliner Unterwelten erschlossen. Mit Hingabe widmet er sich dem unterirdischen Berlin.

Wer über den U-Bahnhof Gesundbrunnen hastet, der ahnt nicht, welche Welt unter seinen Füssen liegt. Zwischen dem Humboldthain, der Bad- und der Pankstraße erstrecken sich gleiche mehrere weitläufige Bunkeranlagen. Es sind Zeugnisse des Luftschutzes aus dem Zweiten Weltkrieg und der späteren Teilung der Stadt. Erschlossen hat sie der Verein Berliner Unterwelten, der sich seit 1997 um die Relikte im Untergrund kümmert. Dazu zählen vergessene Bunker- und Verkehrsanlagen ebenso wie Rohrpostleitungen, Braukeller und Kanalisationen.



„Anfangs wurden wir als Bunkerküsser und Betonromantiker verspottet“, erklärt der Gründer und Vorsitzende Dietmar Arnold. Als Student der Stadt- und Regionalplanung entdeckte er auf einer Exkursion vor zwanzig Jahren das unterirdische Paris. Das weckte die Neugier auf den Untergrund in seiner Heimatstadt. Das Interesse teilen immer mehr Menschen: Der Verein hat inzwischen über 260 aktive Mitglieder, die sich um die Erforschung, Dokumentation und Ausstellung der Unterwelten kümmern, und 30 Angestellte. Für die „pionierhafte Erschließung und Vermittlung der denkmalwürdigen unterirdischen Berliner Bauwerke“ wurde der Verein 2006 vom Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz ausgezeichnet.

Der größte Erfolg ist jedoch der Publikumszuspruch: In diesem Jahr werden schätzungsweise 200.000 Menschen an einer der Führungen teilnehmen und die Exponate in dem Museum unter dem Gesundbrunnen bestaunen. Mehr als die Hälfte der Besucher kommen aus dem Ausland. Ihnen werden Führungen in Englisch, Spanisch, Französisch, Portugiesisch, Polnisch und Russisch geboten. Der Erfolg ist umso erstaunlicher, da der Verein ohne öffentliche Zuschüsse auskommt.

Was treibt die Menschen in den Untergrund? „Die Besucher sind von den authentischen Orten fasziniert. Wir bieten ihnen Einblicke in die Archäologie des 20. Jahrhunderts“, so Arnold. Und da hat Berlin einiges zu bieten. Besonders rund um den Gesundbrunnen. Im Humboldthain sind die Ruinen des Flakturms zu besichtigen. Um zwei der insgesamt sieben Geschosse der riesigen Anlage freizulegen, mussten zunächst mehr als 1.600 Kubikmeter Trümmerschutt abgetragen werden. Betonromantik ist harte Arbeit.



Besichtigt werden kann auch die Bunkeranlage im U-Bahnhof Gesundbrunnen. Hier sollte im Zweiten Weltkrieg die Zivilbevölkerung Schutz vor den Bombenangriffen finden. Der historische Ort dient zugleich als Museum. Ausgestellt werden Exponate rund um den Luftschutz und die Lebenswelt der Menschen, die im Bunker bange Stunden verbrachten. Die Vergangenheit wird dabei nicht auf die Baugeschichte der Anlagen und das Leiden der deutschen Zivilbevölkerung reduziert. Zwangsarbeiter mussten den Flakturm am Humboldthain errichten. Ihr Schicksal zeigt das Berliner Dokumentartheater in Stücken wie „Ost-Arbeiter“ und „Tänzerin hinter Stacheldraht“. Die Stücke werden in der Bunkeranlage an der Badstraße aufgeführt.

Die Bunker erzählen jedoch nicht nur von der Geschichte des Zweiten Weltkriegs, sondern auch von der Teilung der Stadt. Noch Anfang der achtziger Jahre, auf dem Höhepunkt des zweiten Kalten Kriegs, reaktivierte der Berliner Senat den Bunker an der Badstraße. Die Nebenräume der U-Bahnanlage wurden bereits Anfang der vierziger Jahre als Luftschutzkeller für die Zivilbevölkerung hergerichtet. Heute kann man dort sehen, wie die Stadt im Untergrund geteilt wurde.

Mit Berliner Charme und reichlich Anekdoten erläutert Dominc Poncé einer Besuchergruppe aus dem Fraunhofer Institut anhand von Fotos und Exponaten U-Bahnfahrten durch Geisterbahnhöfe und Sicherungsanlagen in der Kanalisation. Als BVG-Angestellter ist der 37-jährige auch hauptberuflich dem Berliner Untergrund verbunden. Höhepunkt seiner Führung ist die Besichtigung des Atomschutzbunkers an der Pankstraße. Beim Ausbau der U 8 Mitte der 70-er Jahre wurde die gleichnamige U-Bahnstation als Schutzbunker für die Zivilbevölkerung geplant. Im Falle eines Atomkriegs sollte die Anlage knapp 3.400 Menschen 14 Tage lang Schutz bieten. Der Rundgang durch die Schleusen, Krankenstationen und Sanitäranlagen zeigt, wie minutiös, aber zugleich widersinnig die Planungen für den Ernstfall waren. Um Suizide unter den im Bunker Eingeschlossenen zu verhindern, waren die Spiegel aus Blech, Toilettentüren nicht verschließbar und die Wände in einem vermeintlich beruhigenden Grünton gestrichen. Im Sommer 2007 verabschiedete sich der Bundesinnenminister vom „flächendeckenden öffentlichen Schutzraumkonzept“. Damit ist der Atomschutzbunker unter Pankstraße offiziell museumsreif geworden.

Ob das auch die Berliner Behörden so sehen, bleibt fraglich. Dietmar Arnold ist vom Denkmalschutz in der Hauptstadt enttäuscht: „Wir wollen nicht jeden Kubikmeter Stahlbeton im Untergrund schützen, aber das Landesdenkmalamt hat bis jetzt nicht erkannt, welches Potenzial im Untergrund liegt.“ Arnold verfolgt mit den Berliner Unterwelten längst neue Pläne: Er will die Fluchttunnel unter der Mauer entlang der Bernauer Strasse freilegen und zugänglich machen.

Alle Informationen zu dem Verein Berliner Unterwelten, seiner Arbeit und den angebotenen Führungen unter:

Berliner Unterwelten e.V.
Brunnenstraße 105
13355 Berlin
Telefon: (030) 49 91 05 18
berliner-unterwelten.de

Keywords: Untergrund, Stadttour, Berlin, Andreas Mix, Berliner Unterwelten Ev.

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