Typisch! Klischees von Juden und Anderen
Wie werden andere Kulturen in der westlichen Popkultur dargestellt? Die eigenen Vorurteile lernt man bei ‚Typisch! Klischees von Juden und Anderen’ im Jüdischen Museum kennen (bis 3. August 2008).
von Mira Levinson
Zeigt die West Zigaretten-Werbung, die einen Afrikaner im Hawaii-Hemd darstellt, ein aus der Kolonialzeit stammendes Klischee? Werben Benetton Fotoporträts von Menschen aus aller Welt für eine globalisierte Konsumkultur in der es keine kulturellen Unterschiede mehr gibt? 
Und was haben der dicklippige, kulleräugige Kaffeemohr auf dem Werbeschild aus dem 19. Jhdt. und der lachende Rasta aus der Zigarettenwerbung von 1980 gemeinsam? Wie der Titel der derzeitigen Sonderausstellung im Jüdischen Museum 'Typisch! Klischees von Juden und Anderen’ besagt: Es geht es um Stereotype, Klischees und Vorurteile.
Die in der Ausstellung präsentierten Filmausschnitte, Fotos, Bilder und Objekte wie Porzellanteller, Playmobilfiguren oder Spazierstöcke mit langen Nasen als Knauf, kennzeichnen einfache Stereotype, aber auch bösartige Karikaturen. Wie vorurteilbeladen und falsch die Darstellungen fremder Kulturen sein können, verdeutlicht eine Kurzanalyse des 'Sarotti-Mohren'. Es ist die Karikatur eines Schwarzen Mannes, der, mit türkischer Pluderhose und rotem arabischen Fez bekleidet, Schokolade, aber auch Tabak oder Kaffee, anbietet. Schon die Bezeichung 'Mohr' weist auf eine Vermischung und Verkettung von Assoziationen hin, die solche Stereotypen mit sich tragen. Der Begriff ‚Mohr’ bezieht sich auf die Mauren, ein muslimisches Berbervolk aus Nordafrika, und hat mit dem dargestellten Schwarz-Afrikaner in Wahrheit wenig gemeinsam. Herleiten läßt sich die Assoziationskette schon: Araber und Türken hatten lange vor den Europäern eine Kaffeekultur. Luxuswaren wie Kaffee, Tee, Tabak, Schokolade wurden vor der Zeit des europäischen Kolonialismus von arabischen Händlern nach Europa gebracht. Und seit dem europäischen Kolonialismus könnte man die aus Afrika nach Europa und Amerika verschleppten Sklaven, nebst der genannten Luxusgüter, auch als Kolonialwaren bezeichnen. Außerdem wurden versklavte Afrikaner gezwungen, auf amerikanischen Plantagen eben diese Kolonialwaren, Zucker und Baumwolle zu produzieren. Und schwarze Sklaven wurden in orientalische Uniformen gezwängt, um europäischen Adeligen und Großbürgern den Nachmittagstee - oder war es heiße Schokolade - zu servieren.
Die Darstellungen der Anderen sagen viel über das kollektive Un(ter)bewusstsein unserer Gesellschaft aus. Bei der kulturellen, nationalen und der persönlichen Identitätsbildung ist die Abgrenzung zum Anderen ein wichtiger Schritt. Jedoch wird die eigene Identität und die Zugehörigkeit zu einer Gruppe oft dadurch geschaffen, dass ungewollte und ersehnte Eigenschaften, aber auch unterdrückte Wünsche und Hoffungen, auf die Anderen projeziert werden. Die Stereotype des jamaikanischen Rastas mit der lockeren Lebenseinstellung deutet auf so eine Wunschprojektion hin.
Um als offene Projektionsflächen für alle möglichen Verdrängungen zu dienen, sind Stereotype oft widersprüchlich mehrdeutig. So erscheint das Bild des geldgierigen jüdischen Händlers neben dem des armen Betteljuden. Und die Nase des Mannes ist nicht so wie sein Johannes. Denn der Kopf wird vom Unterleib abgetrennt, so dass das bekannteste jüdische Körperteil – immer wieder gemalt, gezeichnet, getöpfert, gegossen – lediglich die vermeintliche lange Nase ist. Paradoxerweise dient auch der sexualisierte Blick auf den männlichen Schwarzen Körper dessen Entmännlichung. Denn in der westlichen Kultur galt bislang nur der weibliche sowie der schwarze männliche Körper als Anschauungsobjekt des sehenden Weißen Mannes. 
Eigentlich müsste der Untertitel der Austellung 'Klischees von Juden und (anderen) Anderen’ lauten. Es ist etwas anderes, eine Jüdin in Deutschland zu sein als eine andere Andere in Deutschland zu sein. Als Jüdin in Deutschland geniesse ich den Vorteil des 'passing'. 'To pass' heißt auf deutsch durchgehen. Auf den ersten Blick gehe ich durch, als weiße Deutsche, oder vielleicht als Spanierin. Bemerkungen über Juden, wie zum Beispiel die Behauptung, dass Juden die Medien und die Finanzwelt dominieren, dringen erst später – meist in Nebensätzen – an mich heran. Oft bin ich zu perplex, um richtig zu reagieren und mich als Jüdin zu outen. Man möchte ja niemanden beschämen.
Und obwohl es rein biologisch-wissenschaftlich betrachtet Rassen gar nicht gibt, so habe ich doch auch selbst eine rassifizierte Sichtweise geerbt. Denn wenn ich einer unbekannten Afrodeutschen auf der Straße in Deutschland begegne, ist meine erste Assoziation das Wort 'schwarz'. Es ist, als hätte sich die 1905 erstellte Hautfarbentafel, eine aus 36 Nummern bestehende Skala zur Klassifizierung von Hautfarben des Anthropologen und Ethnologen Felix von Luschan, in mein Gehirn implantiert, und das, obwohl von Luschan selbst schon 1911 die Hautfarbe als rassisches Klassifikationskriterium ablehnte. Diese verinnerlichte Hautfarbentafel, die man in der Ausstellung sehen kann, möchte ich nur allzu gerne loswerden, denn sie führt immer wieder zu verqueren Begegnungen: Ich sehe den/die Andere(n) und assoziere 'schwarz'. Dann merke ich, dass mein Sehen wahrgenommen wird. Das ist mir peinlich, also schaue ich weg. Und auch das wird wahrgenommen. Soll ich besser gar nicht hinsehen und den/die Andere(n) aus eigener Scham ganz und gar ignorieren? Seltsamerweise sehe ich in England anders als in Deutschland, und die Begegnungen mit den Anderen dort sind wesentlich entspannter. Aber in Berlin wird mir tagtäglich bewusst, dass sich die Dynamik des transkulturellen Blickes noch immer nicht normalisiert hat.
Dem Jüdischen Museum mag man es vielleicht verzeihen, dass die in der Ausstellung gezeigen Kunstwerke, Filme und Alltagsobjekte zwar auf die Vielfalt der Vorurteile über Juden und die verschiedenen jüdischen Stereotype einzugehen versuchen, dass den Themen der anderen Anderen, sprich Schwarzen, Asiaten, Arabern, Homosexuellen, Türken, Sinti und Roma oder Gypsies jedoch nur eine Ausstellungsecke oder das ein- oder andere Exponat gewidmet wurde. Aber peinlich ist es doch.
Vielleicht wäre es ratsam gewesen, den Besucher mit weniger Ausstellungstücken und genaueren Erklärungen durch dieses doch schwierige Thema zu geleiten.
Hier sind die Besucher selbst gefordert, die von der Programmdirektorin des Museums, Cilly Kugelmann, erhoffte Sensiblisierung für Klichees zu erlangen und sich diesem mitunter schmerzhaften Prozess der Sensibilisierung für Andere zu widmen. Denn das-sich-immer-wieder-Bewusstwerden über die eigenen Vorurteile, so wie die Erkenntnis über die Dynamik des eigenen begierigen Blickes und der damit verbundenen Machtverhältnisse und historischen Gegebenheiten ist keine Garantie dafür, dass sich die Begegnungen mit den Anderen vereinfachen. Zum Glück gibt es Komiker und Karikaturisten mit ihren stereotypischen Darstellungen von uns und den Anderen. Sie helfen, die Tragik des Lebens mit einem lachenden und einem weinenden Auge zu sehen und vor allem uns selbst nicht ganz so ernst zu nehmen.
Adresse
Jüdisches Museum Berlin
Lindenstraße 9-14, 10969 Berlin
Info: (030) 259 93 300
Fax: (030) 259 93 409
info@jmberlin.de
fuehrungen@jmberlin.de
Öffnungszeiten
Montag: 10-22 Uhr
Dienstag-Sonntag: 10-20 Uhr
Letzter Einlass für Besucher ist dienstags bis sonntags 19 Uhr, montags 21 Uhr.
Eintrittspreise
Erwachsene: 5 Euro
Ermäßigt: 2,50 Euro
Kinder bis zum sechsten Lebensjahr: Eintritt frei
Familienticket (zwei Erwachsene, bis zu vier Kinder): 10 Euro
Audioguide: 2 Euro (plus Personaldokument als Pfand)
Schließtage
30. September und 1. Oktober 2008 (Rosch ha-Schana)
9. Oktober 2008 (Jom Kippur)
24. Dezember 2008 (Heiligabend)
Aktueller Hinweis:
Der Glashof ist aufgrund von Veranstaltungen an folgenden Tagen für die Besucher nicht zugänglich: 5.7., 6.7. und 10.7. (ab 14 Uhr).
Öffentliche Verkehrsmittel
U1, U6 Hallesches Tor
U6 Kochstraße
Bus M29, M41, 248
Gebührenpflichtige Parkplätze sind vorhanden.






























