"Treptow"
Treptow, das zeigen die Anführungsstriche an, ist hier mehr als gefühlter Begriff behandelt. Als gefühlter Begriff desjenigen, der sich üblicherweise in Kreuzberg oder „Kreuzkölln“ (dem nördlichen Teil Neuköllns) herumtreibt, und für den das, was sich auf der anderen Seite des Kanals befindet, ein „drüben“ darstellt. Und zwar unzweifelhaft und unter Ablegung aller Scheuklappen, das ist ja unser Punkt.
„Treptow“ nennt man es, aber diese Bezeichnung ist nicht mehr ganz korrekt. „Alt-Treptow“ wäre richtiger: das war der nördlichste und namensgebende Ortsteil des ehemaligen Stadtbezirks „Treptow“, der unlängst im Großbezirk Treptow-Köpenick aufgegangen ist. Das Gefühlte Wissen allerdings interessiert sich für von der Landeregierung durchgeführte Fusionen zur Reduzierung der Verwaltungskosten nicht. Treptow ist der Name des vibes, der jenseits des Landwehrkanals vorherrscht.
Keil in den Westen
Anders als etwa Lichtenberg, Köpenick, Karlshorst und andere Bezirke im ehemaligen Ostteil der Stadt, die ja nicht an den Westen grenzen und denen „frische Zufuhr“ an „Osten“ garantiert ist, grenzt Treptow, wie erwähnt, direkt an das alte West-Berlin. Mehr noch: es ist wie ein vorgerückter Keil im Westgebiet, zu fast zwei Drittel umschlossen von Neukölln und Kreuzberg. Wenn es in anderen Ostbezirken logisch erscheinen kann, dass der Zustand von anno dazumal stabil bleibt, ist es Treptow betreffend ein Rätsel.
Woanders vertieft sich der Osten stückweise. Hier ist er auf einen Satz da. Der Ost-West-Übergang ist hier, hinter der Schlesischen Strasse und am Landwehrkanal, am jähesten.
Man überschreitet die alte Eisenbahnbrücke über den Kanal am Ende des Görlitzer Parks. Die Bauwagenburg „Lohmühle“ ist noch ein letzter Ableger der Altkreuzberger Kultur, exterritorial. Doch in der Lohmühlenstrasse selbst ist die Welt endgültig eine andere.
Sicherlich gibt es schöne Herrschaftshäuser direkt an der Puschkinallee weiter südlich, in denen jetzt auch unlängst hergelotste renommierte Professoren wohnen. Insgesamt aber sind die Bevölkerungsstrukturen von damals intakt. Es gab kein Einsickern von Bewohnern aus den angrenzenden Westgebieten im größeren Maßstab. Es gab kein Überschwappen. Das scheinbar ungerührte Trutzen der neuen Zeit ist bemerkenswert. Man kann gar nicht glauben, wie viel einander nicht beeinflusst.
Sicher gab es in Mitte, Prenzlauer Berg und auch noch im Friedrichshain -bevölkerungsmässig- adäquatere Strukturen, den Zuzug der Unerschrockenen aus dem Westen (erwähnt sei nur: Außenklo, Kohleofen, einfach verglaste Fenster) zu begünstigen: Prenzlauer Berg war bereits vor der Wende ein Viertel von Künstlern, nach der Wende trafen ähnlich ambitionierte Leute aus den alten Bundesländern und West-Berlin dort ein, bis es zum Bezirk der saturierten Jungfamilien wurde. In Treptow: keine Chance. Es ist keinesfalls unser Fetisch, das Nicht-Zusammenwachsen ständig beschreien zu wollen. Nur muss man es h i e r einfach konstatieren.
Der hier an anderer Stelle bereits erwähnte Treptower Park mit seinem Sowjetischen Ehrenmal (Videobeitrag ) ist eine Besonderheit. „Abzuklappern“ gibt es sonst nicht wirklich viel, man müsste als Bewohner der Stadt danach recherchieren und das ist der todsicherste Hinweis darauf, dass eine Sache nicht wirklich der Rede wert ist. Für den Ortsansässigen gilt, dass man von einer Sache, wenn sie interessant ist, mitkriegt, einfach weil sie dann ausstrahlt.
Es sei vorgeschlagen, an einem Flohmarkttag von der Schlesischen Straße über die Brücke zu den Backsteinhallen linkerhand zu laufen und den Trödelmarkt zu besichtigen, im Hochsommer vielleicht einen Abstecher zum Badeschiff zu machen, einem unweit der Konzerthalle „Arena“ befindlichen Schwimmbassin in der Spree; wer nicht bis zum Treptower Park weiterlaufen möchte, kann am Landwehrkanal flanieren: die Kreuzberger Seite wurde früher „das Ende der Welt“ genannt. Von diesem aus reichen mittlerweile zwei Brücken hinüber. Die Abstecher nach Treptow lohnen sich, nicht des dort nicht stattfindenden high-lifes wegen, sondern für einen umfassenderen Eindruck des Flickenteppichs Berlin.
Text: Albert Pank






























