Spaziergang Kreuzberg
Diese Audio-Tour führt uns vom U-Bahnhof Kottbusser Tor zum S-Bahnhof Warschauer Strasse durch den ehemaligen Bezirk SO 36.
Diese Audio-Tour führt uns vom U-Bahnhof Kottbusser Tor zum S-Bahnhof Warschauer Strasse durch den ehemaligen Bezirk SO 36.
Kreuzberg 36, der alte deutsche Bürgerschreck, hat Konkurrenz aus den eigenen Reihen bekommen. Die Wende hat den Bezirk zuerst links liegenlassen, dann verkehrstechnisch an die frühere Hauptstadt der DDR angeschlossen, so daß er teilweise nicht mehr wußte, wo ihm der schlecht frisierte Kopf stand. Kurz vor dem Abrutschen in die Normalität aber kam der Aufschwung der Berliner Republik auch hierher, und dank der traditionell guten Durchmischung seiner Bewohner hat er sich mittlerweile weitgehend stabilisiert. Das ging nicht ohne den Verlust einiger alter Qualitäten – die Zeit geht eben auch an einem alten Zausel nicht immer spurlos vorbei. Dennoch behauptet der Bezirk seine Eigenständigkeit, und das zwischen so unterschiedlichen Nachbarn wie Mitte, Friedrichshain und Neukölln.
Bis zur Öffnung der Mauer endete Berlin hier blind an der Grenze, umgeben von Beton und Osten, und die meisten der Zugezogenen hatten wenig Lust („Bock“), mit dem Rest Berlins oder Deutschlands zu kommunizieren. Die Underdogs, die es sich bis Ende 1989 in der Sackgasse der Freien Welt schön unbehaglich gemacht hatten, also die schwäbischen Punker, Wehrdienstflüchtigen und Deutschlandverweigerer, lösten sich ganz langsam vor unseren Augen in Luft auf, wurden immer weniger und verschwanden irgendwann vollständig. Bis auf die älteren schwäbischen Punker, die waren im Gegensatz zur jüngeren Leichtfraktion schon zu stark angewachsen, um mit dem einsetzenden Strom über die Spree in den Friedrichshain gespült zu werden. Wir finden sie gut und wollen, daß sich noch ein paar Braunschweiger dazugesellen, gern auch ein paar aus dem Vogtland.
Der Bezirk SO 36 war schon immer ein wenig ranziger als 61, linker, einsiedlerischer. Vielleicht auch ein wenig lauter und wütender. Wer lange nicht hier war, wird merken, daß die sichtbaren Auswirkungen dieser Charaktereigenschaften langsam verblassen (bis auf ständig neue Graffiti, aber das ist nun wirklich nichts Exklusives, bis auf die Tatsache, daß die Sprüche manchmal geistreicher sind als anderswo: „Deutschland austrinken“, „haucht rasch“). 36 ist normaler geworden, trinkt im Vergleich mit dem Rest Deutschlands aber immer noch rascher aus.
Unsere Tour startet an einem der nervösen Zentren, dem Kottbusser Tor. Erreichbar mit den U-Bahnlinien 1 und 8, möchten wir eher die Anfahrt mit der U1 empfehlen, denn dann muß man nicht durch das für Uneingeweihte abschreckende Zwischenkellergeschoß, in dem sich die armen abgestürzten Seelen der Gegend mit sich selbst herumärgern. Von der U1, der Hochbahn, kommend, ist alles schon viel übersichtlicher. Schon die Einfahrt ist beeindruckend, aber nicht in der Art, wie sich das die Erbauer des „Neuen Kreuzberger Zentrums“ vorgestellt haben. Versprochen: früher, in den Sechzigern, sah alles noch viel schlimmer aus, der zweifach gestaffelte Betonklotz ist seitdem architektonisch behutsam entschärft worden, wobei immer noch wenig subtil darauf hingewiesen wird, wo man sich befindet. Grell leuchtet nachts die immergrüne Neonschrift auf der Wohnbetonbrücke über die Adalbertstraße hinweg. Dieser Brocken, der sich wie eine steinerne Faust um das Gebiet des ehemaligen Stadttores Richtung Cottbus schließt, läßt sich nur verstehen, wenn man weiß, daß er als eine Art Schutzschild des Viertels vor der damals geplanten Autobahntangente war – freilich mit menschlichem Besatz.
Wir durchqueren ihn, sicheren und dennoch gemessenen Schrittes. Dazu überqueren wir, von der Hochbahn kommend, an der westlichen Seite des Kreisverkehrs die Skalitzer- und gleich darauf die Reichenberger Straße. Nun haben wir die Wahl, ob wir die Folgen der Planung von innen oder nur von hinten sehen wollen. Unser Ziel ist die Dresdener Straße, und entweder wir laufen zwischen den Ringen der Burg hindurch, von der sich die Planer vorstellten, sie würde zu einer lebendigen Kleinstadt in der Großstadt. Kiezgefühl läßt sich aber nicht aus dem Boden stampfen, und so riecht es dank der mangelhaften Entlüftung weniger nach Imbiß als nach Urin. Wer das vermeiden will, biegt in der Reichenberger Straße erst nach der zweiten Reihe rechts ab, passiert das „Möbel Olfe“ und findet sich unvermittelt in einer der schönsten Sackgassen der Stadt. Liebevoll gestaltete Fassaden, großes und kleines Kino, prima Cocktails: das ist die Kulisse, in der man auf eine der frisch aufpolierten Perlen des Kiezes zugeht: den Oranienplatz.
Man kann die Geschichte dieses Platzes auch nach Ende des Umbaus lesen, das spricht für die Sorgfalt, mit der hier vorgegangen wird. Er ist von der Oranienstraße linsenförmig in eine nördliche und eine südliche Hälfte sowie eine Mittelinsel zerschnitten, die Einzelteile haben aber seit dem Umbau an Charakter hinzugewonnen. Wo vorher Einöde und prolliges Abhängen vorherrschten, füllen sich die Flächen mittlerweile mit Leben, das Gelände wird mehr und mehr angenommen. Die Struktur des Platzes kommt nach rund achtzig Jahren wieder zur Geltung. Bis 1926 gab es eine weitere Schnittlinie, den ehemaligen Stichkanal, dessen Verlauf man heute noch folgen kann. Er wird nach Norden und Süden von der grünen Allee markiert, in der es auch in brütender Hitze noch erträglich zugeht. Wer es schade findet, daß man den Kanal gegen einen ausgetretenen Waldweg eingetauscht hat, dem sei gesagt, daß das Wasser hier leider nie richtig floß. Das Gefälle zwischen Landwehrkanal und Spree, zwischen denen er vom Stararchitekten Peter von Lenné angelegt war, reichte dazu einfach nicht aus, und so schob sich eine stinkende Brühe träge an den Straßenzügen vorbei, die hier des Wasserwegs wegen „Damm“ getauft wurden. 1926 wurde er mit dem Aushub der U8 zugeschüttet. Wer mag, macht einen Abstecher nach Norden, wo wieder - sauberes - Wasser steht. Das Engelbecken, umfaßt vom Rosengarten mit Baldachin und einladenden Bänken, spiegelt die Michaelskirche an seinem Ende ins Auge des Betrachters, beinahe so, wie sich der Architekt Barth das damals vorgestellt hat. Sein geplanter „Indischer Garten“ wollte die heutige Ruine optisch als Anklang des Taj Mahal nutzen.
Zurück am Platz führt der Weg weiter die bestimmende Meile des Bezirks hinunter. Die Oranienstraße ist von allem etwas: südeuropäischer Boulevard, Einkaufszentrum, Wohngebiet. Wer bei Boulevard allerdings an breite Bürgersteige, Platanen und mediterrane Mittagsruhe denkt, wird enttäuscht. Hier ist es nur am frühen Sonntagmorgen nicht zu eng, und wer die Vorliebe vieler Anwohner für gut muskulierte Mittelklassewagen kennt, kann sich denken, daß die Straße trotz 30er-Zone immer noch eine der beliebtesten Rennstrecken der Stadt ist. Dennoch strahlt sie ein eigenes Flair aus, bietet sie doch Läden für sämtliche Bedürfnisse, ohne dabei auf Filialen von Discounterketten angewiesen zu sein. Vergeßt Karstadt! Einmal die Straße runter und wieder rauf, dann hat man alles, was man zum Leben braucht.
Die Dichte an Kaffeehäusern und Restaurants, Imbissen und Kneipen ist wahrscheinlich unerreicht, wenn man von der Tourismusinitiative der Friedrichshainer Simon-Dach-Straße einmal absieht, und das sollte man eh tun. Auch in der Oranienstraße ist nicht alles gut, aber im Gegensatz zu anderen Städten kann man, streetwise und intuitiv, die Spreu vom Weizen trennen.
Wir passieren die Adalbertstrasse, riskieren einen Blick nach rechts auf die Rückseite des Zentrums Kreuzberg (von hier sieht es noch deplazierter aus) und machen uns auf zum Heinrichplatz. Wo die Mariannenstraße kreuzt, öffnet sich das Gelände im 45-Grad-Winkel und schließt sich hinter vier kleinen Inseln wieder. Wo man, auf den Pollern sitzend, in relativer Ruhe großstädtisches Gefühl genießen kann, finden sich am ersten Mai die Kontrahenten der traditionellen Räuber- und Gendarm- Festspiele, um wie verabredet die alljährliche gegenseitige Hatz zu beginnen.
Der Oranienstraße folgend treffen wir auf die Skalitzer Straße, der man nicht auf den ersten Blick ansieht, daß sie keine Autobahn geworden ist. Der Weg hinüber in die Wiener Straße ist beschwerlich, aber möglich. Am besten funktioniert es unter dem U-Bahnhof Görlitzer Bahnhof hindurch, und Unkundigen sei ans Herz gelegt, nicht bei Rot zu gehen, denn wo sechs Straßen aufeinandertreffen, kann dauernd und von überall her was kommen. Im besten Fall wird man dann wütend angehupt. Berliner haben keine Zeit.
Der U-Bahnhof war bis zum Zweiten Weltkrieg die Anbindung der BVG an den eigentlichen Görlitzer Bahnhof, auf dessen Grund wir uns jetzt zubewegen. Rechts die neue Moschee (mit Drehtüre aus Glas!), links die Feuerwache, die sich vor Graffiti mit Graffiti schützt, Traditionsimbisse und Läden mit schönem alten und neuen Tand.
Wir erreichen den Spreewaldplatz, früher der Vorplatz des zerstörten Görlitzer Fernbahnhofes – ähnlich wie noch heute in London gab es in Berlin rund um die Stadt verteilt Kopfbahnhöfe, von denen der berühmteste heute wohl der Anhalter Bahnhof ist, wegen der prächtig sanierten Ruine seines Portikus. Was vom Görlitzer Bahnhof übrigblieb, ist ein Park, der mit dem Schutthaufen der ehemaligen Schalterhalle beginnt. Wir laufen am Spreewaldplatz links, also wieder in Richtung Hochbahn, und sehen auf der anderen Seite die Emmauskirche, die auf Entwürfe des gleichen Architekten zurückgeht wie der Bahnhof selbst. August Orth hatte Mitte des neunzehnten Jahrhunderts rechts und links der Skalitzer Straße ein Backsteinensemble geschaffen, von dem nach einer Bombennacht im Februar 1945 nur der Turm der Kirche ohne bleibende Schäden blieb.
Der Eingang zum Park ist auch mit verbundenen Augen aufgrund des Duftes des Hühnerimbisses zu finden. Bei günstigem Wind versorgt er die ganze Umgebung mit Brataroma, und wer im Mekka der Griller, dem hinteren Teil des Parks, seine Utensilien vergessen hat, der findet am Stand Trost und Ersatz. Hungrig sollte man nicht hineingehen, ist der Park doch die deutsche Versuchsküche, wenn es um Gerichte geht, die auf offenem Feuer zubereitet werden.
Nach dem Eintritt befindet man sich im Freizeitkreuzberg, durch ein Brennglas betrachtet. Man begegnet der typischen Mischung aus Joggern, Skatern und Freaks, mit Einsprengseln aus Abhängern, die manchmal so tun, als hätten sie Fragen an die Passanten. Wenn man sich nicht drum kümmert, geht man einfach weiter; wer einen tieferen Einblick in die Lebensrealität der Anrainer gewinnen will, kann sich auch gern auf ein längeres Gespräch festketten lassen. Dann sollte man aber ein paar Mollen (Halbliterflaschen Bier) im Reisegepäck haben und die auch bereitwillig teilen.
Auch hier haben in der letzten Zeit zwei neue Lokale aufgemacht, wo früher besprühte Güterschuppen standen, die letzten übriggebliebenen Hochbauten des Bahnhofs. Gegenüber übrigens eine typisch Kreuzberger Schnurre: Die Nachbildung der Sinterterassen von Pamukkale in der Türkei geriet nicht so originalgetreu wie gedacht, denn der verwendete portugiesische Kalkstein erwies sich als nicht frostfest. Nach dem ersten Winter war die teure Landschaftsskulptur kaputt, lebensgefährlich und seither kann man den darum herum aufgestellten Bauzäunen beim Korrodieren zusehen.
Den ehemaligen Bahnsteigen folgend, lassen wir den Sportplatz links liegen und bewegen uns auf die Kuhle zu, der „36er Arena“. Zur Schau gestellt wird weniger was man hat als was man kann. Einige der Frisbeespieler hier behaupten, weiter als 70 Meter weit werfen zu können…Und selbst wenn das nicht stimmen sollte, ist es doch eine Freude, den eigentlich Erwachsenen zuzusehen, wie sie hinter deplazierten Scheiben herrennen.
Den Unebenheiten des Geländes ist es zu verdanken, daß in der Senke nicht gegrillt wird. Am südlichen Rand jedoch hält sich in dem kleinen Wäldchen eine unbeirrbare Fraktion von Wintergrillern, die im Schein ihres Ganzjahresfeuers ein Bild abgeben, wie man es eher von Obdachlosen aus U.S.- amerikanischen Fernsehserien kennt. Trotz aller Befürchtungen sind die Bäume dort nie Opfer der Flammen geworden.
Der Park, der im nationalen Vergleich weniger grün ist als andere, bietet seine eigene Aussichtsplattform, ganz am Ende des Geländes. Dort befand sich früher der Drehteller für Lokomotiven, heute kann man von der Erhebung aus ganz Kreuzberg 36 überblicken und die backsteinernen Kirchtürme zählen – vorausgesetzt, der Wind steht günstig und bläst den Rauch tausender Feuerstellen aus der Sichtachse.
Der Blick auf die andere Seite, über den Landwehrkanal, geht nach Ostberlin. Wer die Route des Spaziergangs verlassen möchte, kann, dem ehemaligen Gleisverlauf folgend, der grünen Bresche durch Treptow folgen. Sie endet allerdings blind, daher ist sie eher bei Joggern beliebt.
Von der Aussichtsplattform kommend, gehen wir entlang der verschraubten Parkwege in Richtung Görlitzer Straße.
Wir verlassen den Park am Ausgang zur Falckensteinstraße und finden uns im Wrangelkiez. Bis vor ein paar Jahren noch weitgehend vernachlässigt, ist er seit 2005 oder 2006 eine höchst beliebte Wohngegend, und so langsam werden die ursprünglichen Bewohner durch Nachziehende ersetzt. Sie werden von den verbliebenen „Volvo-Fraktion“ genannt, können aber eigentlich nichts dafür, daß sie durchschnittlich viel Geld verdienen, Familie haben und eben auch ein Auto brauchen, vorzugsweise mit Laderaum für einen Tag an einem der Brandenburger Seen, die sollen ja teilweise sehr schön sein.
In der Wrangelstraße selbst, die wir queren, muß man aber kein Archäologe sein, um die originale Bewohnerstruktur ausfindig zu machen. Immer noch sind nämlich rund ein Drittel der Menschen hier auf Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe angewiesen, und einige davon sammeln sich morgens pünktlich um acht vor dem Supermarkt, an dessen Nordwand bezeichnenderweise gesprüht steht: „This is not America“. Nun, wir hoffen es. Auch im Namen der Katholischen Pfarrgemeinde St. Marien-Liebfrauen zwei Häuser weiter, wo Armenspeisungen und Notübernachtungen angeboten werden, in Laufweite der Milchschaumberge hipper Cafes und von Clubs, die so viel an Eintritt verlangen, wie so manche Handwerkerwitwe im Nebenhaus pro Woche zum Leben hat.
Nach Überquerung der Schlesischen Straße, am Ende der Falckensteinstraße, können wir umbraust vom Durchgangsverkehr nach Friedrichshain vier Blicke von zwei Brücken genießen: links von der Oberbaumbrücke, Richtung Zentrum, ist ein verdichtetes Bild der Stadt zu erkennen, das mit der Spree als Unterlage geradezu romantisch wirken kann, gesetzt den Fall, es nieselt nicht vom nebelverhangenen Himmel. Gutes, altes Berlin! Dem Spreeverlauf in die andere Richtung, zu Berg, blickend, dominieren die „molecule men“, die „Treptowers“ und das höchste Gebäude der Stadt, das Allianzhaus. Willkommen in der Welt der Hochfinanz, du langsame Stadt.
Nach dem nächsten Anstieg stehen wir auf der Warschauer Brücke und haben wieder die Wahl: In Richtung Alexanderplatz sieht auf einmal alles nicht mehr so einladend aus, denn die ausufernden Gleisanlagen werfen das Licht anders auf die Szenerie – wer aber mit einem kleinen Schrecken im Nacken in die S-Bahn oder die U1 steigen will, dem sei der Blick von der Warschauer Brücke in Richtung Osten empfohlen.

































