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Carpeberlin - Being a visitor - not a tourist

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Donnerstag, 28. August 2008 15:50 • 

Von: carpeberlin

Spaziergang durch den Friedrichshain

Strassenecke Rigaerstrasse- Samariterstrase. Mann und Auto überkreuzen mit Kopfstein gepflasterte Strassenecke

Im Friedrichshain

Warum Friedrichshain? Diese CarpeBerlin Tour erklärt warum das jüngste der Berliner Szeneviertel so beliebt ist.

Der Friedrichshain ist der „jüngste“ der drei so genannten Szeneviertel im früheren Ost-Berlin. Das heißt nicht unbedingt, das er erst jüngst dazu avanciert ist: zu Adressen, wie der Simon-Dach-Straße werden seit Jahren Reisegruppen aller couleur gelotst.

Doch hat man den klaren Eindruck, dass die Leute jünger sind: kein Wunder, sind erschwingliche Wohnungen für Studenten leichter zu haben: die Sanierung der Gebäude ist noch nicht so weit fortgeschritten.

Ansonsten haben Mitte und Prenzlauer Berg früher als der Friedrichshain nach der Wende Zuzug (von meist: jungen Leuten) aus den alten Bundesländern erfahren. Diese Leute haben sich irgendwann etabliert und ihr Viertel mit ihnen. Das der Friedrichshain sich demgegenüber als letzte Hochburg für den progressiven Altberliner Underdog-Geist sieht (wie er vor der Wende klassischerweise in Kreuzberg gepflegt wurde), ist nicht völlig unberechtigt: Der Bezirk weist die höchste Dichte an Punkern auf, viele Studenten geben sich als „politisch“ und „links“ aus – nicht vorstellbar übrigens in Mitte und Prenzelberg, deren „Gründerzeit“ in die unpolitischen 1990er Jahre fiel. Anders als der Prenzlauer Berg, schon vor der Wende als Literaten- und Künstlerviertel bekannt, war der Friedrichshain damals noch ein traditionelles Arbeiterviertel.

Weiter dürfte dem unbefangenen Besucher auffallen, dass der Friedrichshain „ostiger“ wirkt als die anderen beiden genannten Viertel. Ein sehr unspezifisches, manchen dümmlich oder sogar überflüssig erscheinendes Attribut. Die Faktoren, die diesem vagen Gefühl zugrunde liegen sind wahrscheinlich: die Bevölkerungsmischung, der Stil der verschiedenen Läden, Galerien und Projekträumen, vielleicht auch die noch nicht so vorangeschrittene „Aufhübschung“ der einzelnen Quartiere (wie etwa im Prenzlauer Berg). Derber gesagt: die Abgerissenheit aus alten Tagen.

Spätestens jetzt, wenn wir unsere Friedrichshain-Tour im Bezirksmittelpunkt am Frankfurter Tor beginnen wollen, muss noch einmal klar gesagt werden, worüber bis jetzt die Rede war, nämlich nur vom Friedrichshainer Kiez. Kiez ist ein Berliner Terminus und bezeichnet meist das Zentrum eines Stadtviertels, immer aber die Gegend, wo nicht nur gewohnt, sondern öffentlich gelebt und gefeiert wird, kurzum: den Ort, wo die Musik spielt. Im Friedrichshainer Fall liegt dieser nicht zentral.

Steigen wir mit der U-Bahn vom Alexanderplatz in Fahrtrichtung und auf der Südseite aus, treten wir auf die Frankfurter Allee und vor das Frankfurter Tor. Hier sind wir im Kreuzungspunkt zweier Friedrichshainer Welten, einer östlich und einer westlich gelegenen, die beide wenig mit einander zu tun haben.
Auf der südöstlichen Seite, auf der wir uns befinden, beginnt der eigentliche Kiez, er wird nach Norden durch die Frankfurter Allee, nach Süden durch den Stadtbahnabschnitt zwischen den S-Bahnhöfen Warschauer Straße und Ostkreuz begrenzt. Auf der schmaleren nordöstlichen Seite liegt der nach einer Kirche benannte „Samariterkiez“, sozusagen ein Seitenkiez Dieser hat durchaus eigene Merkmale. Die Rigaer Straße dort war lange Jahre eine Hausbesetzerhochburg. Heute erfreut sich die Gegend um sie herum vor allem bei jungen Familien größter Beliebtheit.

Auf der anderen, westlichen Seite der Warschauer Straße, die die Frankfurter Allee kreuzt, erheben sich die 70 Meter hohen Ecktürme zum Eingang der Karl-Marx-Allee, der früheren Stalinallee, die sich schnurgerade Richtung Mitte und Alexanderplatz erstreckt. (Wir haben uns an anderer Stelle bereits im Rahmen einer Audio-führung mit dieser sozialistischen Prachtstraße aus dem Geist der Stalinzeit befasst). Entlang der Allee sollte, den Plänen der sozialistischen Stadtplaner nach, das Leben stattfinden – doch lässt sich Beseelung und Belebung schlechterdings nicht befehlen: In heutigen Tagen wird die Karl-Marx-Allee von der Szene völlig links liegen gelassen. Denkmalgeschützt, fristet sie als gigantomanisches Kuriosum ein eher tristes Dasein. Nördlich und südlich von ihr, also in ihrem Hinterland, eignet den Strassen und Plätzen nichts von dem, das wir gleich auf dem Kiez antreffen werden. Hier wird offensichtlich nur gewohnt, die Bevölkerung wirkt wenig durchmischt. Der beliebte „Volkspark Friedrichshain“, ganz im Nordwesten des Bezirks, grenzt schon direkt an das Bötzowviertel im Prenzlauer Berg und kommt wegen der Entfernung für Bewohner des Friedrichshainer Kiezes für einen Feierabendspaziergang weniger in Betracht.

Gehen wir jetzt auf der Frankfurter Allee Richtung Osten, laufen wir immerhin noch auf einem 250 Meter langen Abschnitt der früheren Stalinallee und können kurz die Architektur des so genannten „Sozialistischen Klassizismus“ bewundern, die wir jenseits des Frankfurter Tors in einer Longversion geboten bekommen hätten.

An der Kreuzung zur Niederbarnimstraße, wo wir unsere Friedrichhainer Kiez-Tour beginnen, können wir, beim Ende des Häuserensembles im bekannten Zuckerbäckerstil, die architektonisch nüchterne Fortsetzung der donnernd lauten Frankfurter Allee verfolgen. Doch wir biegen ein in die Niederbarnimstraße und sehen uns unter den hohen Linden dieser freundlichen und geschäftsreichen Strasse unversehens bereits mitten auf dem Friedrichshainer Kiez.

Die periphere Lage zum Kiezmittelpunkt gereicht der Niederbarnimstraße zum Vorteil – man spürt, diese Strasse ist belebt, beparkt, und es reiht sich nicht, wie andernorts, ein kreativer Laden an den nächsten: es ist vielmehr ein glaubhaftes Ineinander von stylishem Klamottengeschäft, alteingesessener Buchbinderwerkstatt, schickem, aber nicht überkanditelten Café - und dann wieder der Filiale einer Drogeriekette.

Insofern unterscheidet sie sich von Simon-Dach-Straße, der bekanntesten Straße auf dem Friedrichshainer Kiez. Sie erreichen wir nach 250 Metern, wenn wir, ohne unsere Richtung zu verändern, die Boxhagenerstraße überqueren. Der 100 Meter lange nördliche Abschnitt ist noch nicht der touristische Teil der Strasse, ihn erreichen wir, wenn wir die kreuzende Grünberger Strasse überqueren. Die sanierten Altbauten, die lichtdurchlässigen hohen Bäume, die schmale Fahrbahn mit dem Kopfsteinpflaster und die unzähligen Kneipen mit ihren Bänken in zweiter und dritter Reihe auf den breiten Bürgersteigen machen aus der Simon-Dach-Straße die bekannteste Kulisse des Friedrichshain der Nachwendezeit.
In den Augen einiger wird der Charme der Strasse durch die hohen Touristenaufkommen erheblich gemindert. Tatsächlich wirkt die Simon-Dach-Straße überzüchtet. Auch die Cafés und Kneipen sind bei näherer Betrachtung weniger originell als andernorts im Kiez.

Nach 200 Metern haben wir die Wühlischstraße erreicht und gehen nach links in sie hinein. In den letzten Jahren hat sich der vordere Abschnitt dieser Straße zu einer Adresse für Klamottenläden gemausert – nicht nur für Friedrichshainer Streetware.

Nach 250 Metern biegen wir nach links in die Gärtnerstraße ein, um im Zentrum des Friedrichshainer Kiezes eine kleine Schleife zu laufen: nach 100 Metern haben wir ihn dann erreicht, den Boxhagener Platz, der gefühlte Mittelpunkt des Viertels.

Biegen wir links in die südlich des Platzes verlaufende Krossener Straße, finden wir unmittelbar an der Ecke die Kneipe „Feuermelder“, eine Friedrichshainer Institution. Geradeheraus, ohne Allüren: für Anwohner die zentrale Adresse um abends laut zu quatschen und ein paar Bier zu trinken. Ein paar Meter daneben: die Bar Stereo 33; understater Schick, loungig aber intim und dennoch: underground. Solche Adressen für elektronische Musik kann man sich nur in Berlin vorstellen. Der allabendliche DJ wirkt hier nicht aufgesetzt. Der Boxhagener Platz ist bunt in dem Sinne, dass hier alles seinen Platz hat: die zentrale Lage ist kein Gewähr, dass hier nur die finanzstärksten, zugkräftigsten und ausgeklügeltsten Projekte am Start wären.

Neben den beiden vorgenannten Bars finden sich hier ebenso Billig-Imbisse wie merkwürdig aus der Zeit gefallene Galerien, die etwa mit Aquarelle gewissermaßen nach Art des Hauses aufwarten – alles jenseits von Kunstentwicklung und Kunstmarkt. Ein derartiges Nebeneinander erzeugt jedoch den diskreten Charme des Friedrichshain. Wir wollen nach 50 Metern jetzt die Krossener Straße überqueren und einmal gerade über den Platz laufen. Kinderwagen, Rentner und Trinker finden sich hier einträchtig, auch wenn letztere Gruppierung untereinander gerne mal im üblichen Schnauzton kommuniziert. Haben wir den an den Seiten mit hohen Bäumen bepflanzten Platz überschritten, liegt die nördlich des Platzes verlaufende Grünberger Straße vor uns. Schräg links vor uns ein besetztes Haus, auf dem „Zielona Góra“ steht, der heutige polnische Name des ehemals deutsch-schlesischen Grünberg: für die Bewohner sicher Ausdruck des Misstrauens gegenüber dem, was sie Deutschland nennen. Wir biegen an der Grünberger wieder nach rechts und laufen auf der Nordseite des Boxhagener Platzes wieder zurück zur Gärtnerstrasse, überqueren sie und gehen rechts auf ihrem Bürgersteig exakt in die Richtung, aus der gekommen sind. Die Krossener Straße, die wir dann wieder erreichen, gehen wir diesmal links hinein.
Nach wenigen Schritten haben wir den Eindruck, dass die bunte Kiezherrlichkeit auch schon zu Ende ist. Läden, Kneipen, Galerien sind nicht mehr zu finden. Wenn wir jetzt unverdrossen weitergehen, stoßen wir nach 150 Metern, nach der zweiten Kreuzung, rechterhand auf die Knorrpromenade. Ohne Übertreibung muss sie für die schönste Straße im Friedrichshain gelten. Ohne Durchgangsverkehr, mit Bäumen, die noch weit in den Sommer bunt blühen, wirkt die Knorrpromenade verwunschen und herausgehoben zugleich. Die großbürgerlichen Häuser aus der Gründerzeit, individuell gestaltet und mit großzügigen Loggien, sollten sich schon damals von den Mietskasernen im Arbeiterbezirk Friedrichshain abheben. Am Ende der Straße fassen Torpfeiler die Straße ein – hier sind wir wieder auf die Wühlischstraße getroffen, deren unteres Ende, an dem wir uns jetzt befinden, nicht mehr die Modezeile Ausgangs der Simon-Dach-Straße ist. Wir biegen nach links auf sie ein und erreichen nach etwa 200 Metern die Holteistraße. Wir queren zuerst sie und dann die Wühlischstraße und setzen unserem Weg in Richtung Ostkreuz an, dem Abschluss unserer Tour. In der Holteistraße haben wir zur rechten eine umgebaute alte Schulturnhalle, die heute als öffentlicher Veranstaltungsort und Bar genutzt wird; zur linken haben wir das alte Schulgebäude selbst, in dem jetzt Wohnungen entstehen. Ein typisches Berliner Umnutzungsprojekt, scheint uns: in dieser Stadt werden nicht nur Fabriketagen bewohn- und bespielbar gemacht.

Nach 70 weiteren Metern erreichen wir dann die Sonntagsstrasse, die uns direkt zum Ostkreuz führt. Wir biegen links auf sie ein und bemerken schnell, dass sich Kneipen häufen, je näher man ans Ostkreuz kommt. Nach 200 Metern, an der Kreuzung der Lenbachstraße und der Zebrano-Bar ist man dann bereits am Ziel. Bis weit nach der Wende war das Ostkreuz Synonym für Ostberliner Tristesse. Aber dieses Quartier hat sich rasant verändert. Der Platz vor der verworrenen angelegten S-Bahn-Station ist neu gestaltet worden, Kinderspielplätze, Grünflächen und Sitzbänke finden sich hier. Neben der Simon-Dach-Straße und dem benachbarten Boxhagener Platz ist das Ostkreuz mittlerweile so etwas wie ein zweites Zentrum auf dem Kiez geworden.

Man hört die S-Bahnen ein- und auslaufen – aber selbst das hat dieser Tage etwas gelindes bekommen. Über allem thront das „Wahrzeichen“ des Ostkreuzes, der fast 100 Jahre alte Wasserturm direkt auf dem S-Bahn-Gelände. Die geschwungene, schiefergedeckte Spitze wirkt wie eine preußische Pickelhaube. Sommerabends ist der sonnendurchflutete Platz, im Sound der Züge und dem Stimmengewirr aus den vielen Cafés einer der angenehmsten und entspanntesten der Stadt. Hier ist füglich verdämmern, selbst- und weltvergessen: denn das bliebe ohne Konsequenz – die Ringbahn ist hier vor der Tür und fährt wochenends rund um die Uhr; und nach Westberlin sind es, der Name „Ostkreuz“ deutete es gar nicht an, auch nur zwei Stationen.

Text: Albert Pank
Gelesen von: Manfred Fenner

Länge: 14:25 Minuten (16.5 MB)
Format: MP3 Mono 44kHz 160Kbps (CBR)


Keywords: Transkription, Audioguide, Friedrichshain, Spaziergang Friedrichshain

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