Heute Karl-Marx-Allee früher Stalinallee
Die hohen Gebäude an dieser monumentalen Straße, die vom Friedrichhain zum Alexanderplatz in Mitte führt, beindrucken auch heute noch.
Es ist keine renitente Attitüde, diese Prachtstrasse informell weiter nach dem Namen des ehemaligen Generalsekretärs der KPdSU zu rufen, wie es einige tun.
Aus dem Geist der Stalinzeit und nicht nur das: in seinem Namen und von ihm höchst selbst in Auftrag gegeben und in seinem Geiste verwirklicht, weht auch heute dort noch - sein Geist. Nun, heruntergekommen, versteht sich. Aber doch nicht zu sehr: die Gebäude, die Anlage, alles ist zu massiv, man kann sich nicht entziehen, kann nicht sein Tagwerk so verrichten, als wäre die Kulisse eine Austauschbare.
Ganz wie die Vorbilder der Stalinallee im Stil der Moskauer Prospekte aus der Sowjetära ist das eine Architektur nicht nach des Menschen Maß. Man fühlt sich klein, und, auf eine ungekannte und somit dann eigentlich interessante und erfrischende Art - beklommen.
Die vormalige Magistrale ist entsprechend Peripherie für die beiden pulsierenden Zonen des allgemein „jung“ genannten Bezirks Friedrichshain geworden: das ist nördlich davon der so genannte „Samariter-Kiez“ (um die Rigaer Strasse) sowie die Gegend um den Boxhagener Platz, südlich von ihr.
Eine der Grundideen beim Bau war nicht bloß eine repräsentative Meile im Stil der heraufkommenden neuen Zeit. Vor dem Mauerbau sah man sich in Konkurrenz zum Westberliner Kurfürstendamm, und wollte diesem mit seinem „Café Kranzler“ nicht das Feld überlassen, was (freilich: kreuzbraves) Kaffeehausgehen der frühen 60-Jahre Jugend betraf. Das „Café Sybille“ sollte hierfür im Osten eine ähnlich großzügig-mondäne Adresse sein. Anders als das Vorbild im Westen existiert dieses noch.
Der allgemeine Umgang mit dem Architektur-Erbe in der Karl-Marx-Allee erscheint eher unbeholfen. Nicht wenige Proll-Kneipen und fehlambitionierte Bars im geschmacksverirrten Stil säumen den Boulevard, ohne eine Haltung zu diesem speziellen Ort.
Das minimalistisch-edle „Café Ehrenburg“, nah am U-Bahnhof Weberwiese, ist da eine Ausnahme und es könnte, ja könnte Pilotfunktion haben, was einen inspirierten Umgang mit dieser prekären Strasse angeht. Mit diesem Etablissement, benannt nach dem im großen und ganzen linientreuen Sowjetschriftsteller Ilja Ehrenburg, dessen Porträt auch im Barraum mehr wacht als einfach dort hängt, hatten die Macher eine richtige Intuition. Allein durch den Namenspatron verliehen sie dem Ort eine (semantische) Aufladung, der der ganzen Überstrenge der Umgebung Rechnung trägt, überführen ihn aber geglückt ins Territorium des Nicht-mehr-ganz-ernstzunehmenden.
Wohlverstanden ist diese Einrichtung nichtsdestotrotz (gut humorlos) eine Cocktailbar!
Die neue salonkommunistische Avantgarde bleibt indes weiter aus – harren wir ihr!






























