Was nicht historisch ist, wird passend gemacht
Das Nikolaiviertel ist der historische Kern Berlins. Zu DDR Zeiten wurde die Altstadt ganz nach dem Stil von Disney World nachgebaut. Das ist heute noch zu sehen.
Ehemalige Altstadt und historisches Herz der Stadt, die sich um 1200 um die Nikolaikirche herum langsam entwickelte.
Bis in den zweiten Weltkrieg hinein bewahrte sich hier der mittelalterliche Charakter, die romanische Kirche unterlag zuvor schon, wie es nicht unüblich war, in der Gotik und Ende des 19. Jahrhunderts einigen Veränderungen. Der verheerende Bombenhagel in den letzten Weltkriegsjahren verwüstete dieses Viertel weitestgehend.
Zu DDR-Zeiten jahrzehntelang eine vernachlässigte Brache, besann man sich erst anlässlich der bevorstehenden 750-Jahr-Feier, dass es dem Image des Staates zuträglich sein könnte, sich mit den Anfängen der Geschichte in Beziehung zu setzen.
Was man heute dort bewundern kann, ist womöglich weniger eine rekonstruierte Altstadt, sondern das, was man sich in der DDR unter „Altstadt“ im Zusammenhang mit „getreulicher Rekonstruktion“ vorstellte, beziehungsweise was man unter der Hand von letzterem als Prinzip hielt.
Gäbe es ein Stadttor, müsste dort eine Inschrift einen erratischen Wahlspruch à la „Wat nich historisch is, wird passend jemacht“ verkünden.
Zwar sind die Grundrisse der Altstadt im Großen erhalten geblieben. Was dann schon nicht mehr stimmt, sind die Lokalitäten: eklatantestes Beispiel ist die Gaststätte „Zum Nussbaum“, Stamm-Wirtschaft des Zeichners Heinrich Zille, welche ehemals nie am Kirchplatz zu finden war, sondern vielmehr einige hundert Meter entfernt.
Die Bauherren beherzigten somit Prinzipien, die Walt Disney tatsächlich alle Ehre gemacht hätten. Unterschätzt wurde freilich auch, dass man den Häusern ansieht, dass sie nicht aus Originalmaterialien wiedererrichtet wurden, sondern original Plattenbauweise. Marzahn und Hellerdorf scheinen unter den Fassaden durch.
Von einem Potemkinschen Viertel zu sprechen ist dennoch übertrieben. Das Nikolaiviertel ist nicht nur gut besucht (Stichwort: Reisebusgesellschaften), sondern auch bewohnt, man muss also sagen, dass es angenommen wird.
Letzteres ist verständlich, zum bloßen Dach-über-den-Kopf-haben ein Haus für ein Haus anzusehen, ist legitim, zumal vor allem zu DDR-Zeiten beileibe nicht jede Wohnung über Fernwärme verfügte und mit gut isolierenden Plastikfenstern ausgestattet war. Da ist es sekundär, dass man in einem Klon von einem Fachwerkhaus wohnt, einer Simulation eines historisch adäquaten Nachbaus, in einem Viertel, dass sehr gut mit den üblichen Nippesläden für die etwas unbedarfteren unter den Gästen der Stadt bestückt ist und trefflich eingefasst vom donnernden Straßenlärm der Leipziger Strasse, der wir hier wie nebenbei das Prädikat „Räudigste Berliner Strasse“ verleihen wollen.
Nein, nein, nein, wir sagen: ein Objekt from outer space, aber unfreiwillig eine typische DDR-Hinterlassenschaft, eine Bizarrerie und seltene Blüte. Der Nicht-Sinn fürs Historische als Haltung mitsamt den damit einhergehenden Erfordernissen ist, in DDR-Spielart, selbst Geschichte und Stein geworden.
Text: Albert Pank
Audioguide gelesen von Manfred Fenner
Format: MP3 Stereo 44kHz 320Kbps (CBR)
Länge: 3:53 min
Keywords: Nikolaiviertel, Berlin, Altstadt, Geschichte


































