Summer of 89
Für den informierten Fußballfan steht der Gewinner des DFB-Pokalfinales in Berlin schon fest: Bayern München. Die meisten Fans werden aber aus Dortmund anreisen, wo Berlin in diesen Tagen mit „Hoffnung“ – auf eine bessere Zukunft – übersetzt wird. Ein BVB-Fan erinnert sich an den Sommer, als seine Borussia zuletzt in Berlin im Finale stand.
Von Olaf Sundermeyer
Ahnungslos schön war der frühe Sommer `89 in Berlin: Als noch niemand wissen konnte, dass sich die Welt ein paar Wochen später ändern würde. Gravierend, politisch, historisch, mit der Globalisierung vor der Tür. Mit Starbucks, der Championsleague, Mc Donald´s in Moskau, dem Sony Center in Berlin-Mitte, Handys in Hosentaschen, dem world wide web und allem drum und dran. Es war der letzte Sommer der gemütlichen westdeutschen Bundesrepublik; und die Erinnerung daran ist so greifbar und konserviert wie die Sauerkirschen aus jenen Wochen vor neunzehn Jahren - im Einmachglas zuhause im kühlen Keller der Eltern. Damals stand die Mauer noch: Genau zwei Jahre nachdem US-Präsident Ronald Reagan seinen sowjetischen Amtskollegen Michail Gorbatschow am Brandenburger Tor aufgefordert hatte: „Open this gate (…) Tear down this wall!“. Der evangelische Kirchentag spülte jugendliches Leben aus der westdeutschen Provinz in die Stadt: Ungläubig standen dann die Gläubigen am 4. Juni vor der riesigen Leinwand Ecke Ku´Damm/Joachimsthaler Straße: Als die irren Bilder von der Niederschlagung der Demokratiebewegung auf dem „Platz des himmlischen Friedens“ aus Peking von CNN ins behütete West-Berlin übertragen wurden. Ein paar Monate später dann kehrte die Provinzjugend nach Berlin zurück, weniger ahnungslos, um sich selbst nach dem 9.November `89 als Elementarteilchen an den Mantel der Geschichte zu heften. Noch aber sind wir im Juni desselben Jahres, als Berlin noch weit davon entfernt ist, Regierungssitz eines vereinigten Deutschlands zu werden. Der regierende Bürgermeister heißt Walter Momper (der mit dem roten Schal, den heute keiner mehr kennt). Aber wichtiger noch sind die Heroen des Ku´Damms: Harald Juhnke, Rolf Eden und Dieter Thomas Heck heißen die Männer mit Vorbildfunktion. Kann sich heute keiner mehr vorstellen, der nicht heimlich Videos der ZDF-Hitparade hortet oder Mitglied im CDU-Kreisverband Charlottenburg-Wilmersdorf ist. Gegenüber vom „Bahnhof Zoo“ wird in der inzwischen platt gemachten Kneipe „Zum Dortmunder“ Union Siegel-Pils ausgeschenkt, und die Tage bis zum DFB-Pokalfinale am 24. Juni sind sorglos und schön. Der Dortmunder Fußballbundesligist BVB gehört zu dieser Zeit zum unspektakulärsten, was die Liga zu bieten hat. Das Gesabbel vom „einzigen deutschen börsennotierten Fußballclub“ ist zum Glück noch nicht aktuell. Und es stehen noch keine „Scheißmillionäre“ auf dem Rasen. Auf der Südtribüne im heimischen Westfalenstadion erstarrt das Blut beim Klang des Namens „SS-Sigi“, dessen Neonazi-Gruppe „Borussenfront“ seinerzeit eine echte Bedrohung für die erdige Fankultur und die Demokratie in Dortmund darstellt, das sich zu dieser Zeit noch als Arbeiterstadt betrachtet, und von Willy Brand pathetisch als „die Herzkammer der deutschen Sozialdemokratie“ verraunt wird. Am 24. Juni also waren sie alle in Berlin: Die westfälischen Kirchentagsgänger, Fußballnazis, Arbeiter, Sozialdemokraten, künftige Börsenheinis – und natürlich die Borussenmannschaft, zu der seinerzeit ebenso ein weibischer aber verdammt schneller Andreas Möller gehört, wie ein unbeholfener Sauerländer, dessen zwei Tore den BVB zum Pokalsieger des Jahres `89 machen, und der deshalb bis heute als Stadionsprecher seines Vereins die Anhänger vollquatschen und mit fürchterlicher Ga-Ga-Musik zudröhnen darf. Norbert-der-Held-von-Berlin-Dickel selbst spricht von „einheizen“. „Ker man war datt schön, als wa dammals die Berliner Kneipen leergesoffen ham“; so hört sich die westfälische Erinnerung an den Frühsommer `89 an. Nun ist es also an der Zeit, dass sich der gemeine Borussenfan einen neuen Falk-Plan „Berlin“ kauft, sich darauf einstellt, dass Berlin inzwischen Hauptstadt – und vom Ruhrgebiet aus gesehen doppelt so groß ist wie damals. Und wer schlau ist, schaut schon mal nach, wer aus dem Jahrgang ´89 inzwischen alles in Berlin lebt. Der Rest muss ein Hotel buchen. Denn „auffm Bannof schlafen“ funktioniert heute nicht mehr, weil die Deutsche Bahn längst kein Wohltätigkeitsverein mehr ist. Der BVB übrigens auch nicht. Im April 2008 ist die Welt eine andere.





























