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Sonntag, 31. August 2008 12:22 • 

Von: carpeberlin

Rausch im Osten - Konsumverhalten in der DDR

Welche Drogen wurden in der DDR konsumiert? Was war erlaubt, was illegal, was wurde geduldet? Über das Genuß- und Suchtverhalten im anderen Deutschland gibt es so einiges zu berichten.

Ochsenblut und Eselsmilch, danach Quick-Cola mit Acesal. Was nach Szenegerede über pharmakologische Eskapaden von Jugendlichen klingt, ist es nur in engem Sinne, denn: einerseits handelt es sich hier natürlich um Drogen, andererseits aber um staatlich gebilligte.

Alkohol spielte trotz der mangelnden Qualität der Darreichungsformen eine nicht unerhebliche Rolle in der Gesellschaftsstruktur der deutschen Demokratischen Republik, und das war auch vom ZK nicht ungern gesehen – ein quantitativer Versorgungsmangel trat jedenfalls nicht auf. Im Nachhinein ergibt sich der Eindruck, daß, wo doch die DDR immer eine Spur grauer wirkte als ihre Anrainerstaaten, bunter Alkohol wenigstens einen Abend schönfärben konnte. Oder zwei, oder drei...

Der Rest war verordnetes Schweigen – bis auf ein Lied, in dem Veronika Fischer sang: „Auf dieser Wiese haben wir gelegen und wir haben Gras gekaut“. Ob das tatsächlich Cannabis war, ist nicht vollständig gesichert. Wurde das Wort Droge gebraucht, so immer nur im Sinne von „Rauschgift“ als Metapher für das verderbte imperialistische Ausland, das möglichst bald daran ersticken solle. Süchtige im nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet  waren in der DDR-Anschauung weniger Opfer psychoaktiver Substanzen als des menschenverachtenden Ausbeutungssystems, und da es so was in der DDR nicht gab, waren Betäubungsmittel nur für Unfallopfer vonnöten. Eine Begegnungsstätte von Jugendlichen und Drogen gab es: in derStaatsbürgerkunde. Religion, sagt Marx, sei Opium für das Volk. Im real existierenden Sozialismus war beides überflüssig geworden – und genauso die Tatsache, daß Marx selbst gerne mal zum Pfeifchen gegriffen hatte. Es gab aber einen ganz profanen Grund für die Absenz des teuren Zeugs in der DDR: als Markt taugte sie einfach nichts. Welcher Westler hätte schon für einen Koffer voller Ostmark seine Reisefreiheit riskiert?

So beschränkte sich der Gebrauch bewußtseinsverändernder Stoffe auf Gruppen, die direkt mit ihnen in Berührung kamen: einige Mediziner wurden Morphinisten und funktionierten dennoch gut, Künstler mit Kontakten zur Prager Szene hatten schon mal was zu kiffen auf Tasche, und was die weitgereisten Studenten aus den sozialistischen Bruderstaaten alles einführten außer guter Musik, war hinter vorgehaltener Hand mindestens Stoff für Legenden.

Als dann alles vorbei war mit dem Staat, der so gut auf seine Bürger aufpaßte, ging die Schere auf: nicht nur übernahm Springer die Macht auf den Titelseiten, die bald von einer „Drogenwelle“ kündeten, die das ganze alte Land überschwemmen könnte (nach kurzer Zeit attestierte man der Bevölkerung übrigens eine „überraschende Immunität“ vor dem Rausch). Auch in der Realität gab es zwei Gruppen von Menschen. Zum einen weibliche Mitt-Zwanziger aus dem Berliner Speckgürtel, die sich fürchteten, in der Westdisco eine Cola mit „Schuß“ zu bekommen und fortan für den sympathischen Spender an der Kurfürstenstraße unterwegs zu sein. Diese Menschen haben nach wie nichts mit Drogen und wenig mit dem Leben in der Stadt zu tun. Zum anderen hatte natürlich auch die DDR experimentierfreudige Jugendliche, die den geistigen Errungenschaften des Westens aufgeschlossen gegenüberstanden, und von denen sind auch heute noch einige drauf.
Vor der Wende, in der DDR,  gab es keine Drogen, danach, in den „Neuen Bundesländern“, viele Opfer, die der Medien und die der Substanzen.

Text: Guiseppe Profumo
Gelesen von Manfred Fenner
Format: mp3
Länge: 4:30 min


Keywords: Transkription, Sucht im Osten, Relikte der DDR

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