Nichts geht über Bärenmarke...
Berlin ist allmählich zu einer Handelsmarke geworden. Das Ampelmännchen, der Berliner Bär – oder schlicht der Schriftzug „Berlin“ sind mehr als ein Souvenir: Berlin ist schick.
Von Olaf Sundermeyer
Steht ne knackige Paarunddreißigjährige, nennen wir sie elegant, also eine Dame, am Check-in im Flughafenterminal von Mexiko-Stadt, in der Rechten den Samsonite-Trolly, in der Linken eine Flasche Evian (Ist Ihnen das auch schon aufgefallen? Wasserflaschen gehören zum Standardaccessoire urbaner Frauen, die sich jenseits des Vordiploms datieren); dabei schwingt lässig eine Umhängetasche über die Schulter. So eine, auf der Louis Vuitton (für dessen Gepäck machen sogar die Rolling Stones und Michail Gorbatschow Werbung!) oder so´n Quatsch stehen könnte. Steht aber „Berlin“ drauf, „Berlin“, ganz oft „Berlin“. Es ist dieses standardisierte „Berlin-Logo“, wie sie es auf Kaffeetassen, T-Shirts oder auf Wollmützen drucken, die es für 9.90 Euro im berlinstory-shop „Unter den Linden“ zu kaufen gibt. Sag´ ich also zu der Frau: „Wo haben Sie denn die Tasche her?“ Sagt sie etwa nicht: Aus ´nem Souvernirladen oder vom Flughafen, sondern: „Die hat mir mein Verlobter von einer Dienstreise aus Europa mitgebracht. Das ist eine Marke! Berlin ist eine Marke“, sagt sie stolzierend, so wie sie mit gespitzten Lippen Louis Vuitton flöten würde. Da hat der Verlobte Ihnen aber einen Bären aufgebunden, bin ich versucht zu sagen, und schäme mich für diesen flachen bildhaften Kalauer.
Deshalb schweige ich, stricke aber insgeheim weiter an einer Assoziationskette, die das Warten am Check-in verkürzt. Berlin? Marke? Bär aufgebunden? „Bärenmarke“ denke ich und fange an zu summen: „Nichts geht über Bärenmarke hmhmhmhm, hmhmhmhm … zum Kaffeeee?“ Watt hat ´n dite mit Berlin zu tun? Also dann: „…über Bärenmarke von der Spreeee“. Ich bin begeistert und denke über eine mögliche Übersetzung nach, die das Gespräch mit der paarunddreißigjährigen Dame lustig verlängern würde. Die hat ihren Trolly aber längst aufgegeben und kramt auf dem Damenklo wohl gerade ihren Lippenstift aus der Bärentasche. Vielleicht säuft sie auf dem Klo auch in großen Schlucken die Evianflasche aus, weil sie die nicht durch die Sicherheitsschleuse kriegt. Ich frage unterdessen nach, wie viele Sitze der Flieger hat, um anschließend die Wahrscheinlichkeit auszurechnen, mit der die Markenbewusste Eviantrinkerin neben mir Platz nimmt, wo ich ihr dann meine Übersetzung der „Bärenmarke von der Spree“ vorsingen kann. Dabei fällt mir ein, dass es wohl nicht viele spanische Muttersprachler gibt, die wissen, was die Spree ist. Muss ich also einen Relativsatz einbauen (Spree, die durch die Hauptstadt fließt). Aber dann ist der Rhythmus im Arsch. Mist! Dabei kommt mir der Gedanke, dass Berlin sich international noch besser vermarkten ließe, wenn es beispielsweise am Amazonas läge. Den kennt schließlich jeder. Aber haben Sie schon mal von einer Marke gehört, die „Iquitos“ heißt, so wie die größte Stadt an diesem Fluss?































