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Mittwoch, 22. Oktober 2008 12:49 • 

Von: Jan Gerrit Strack

Monotekktoni – Different Steps To Stumble

Monotekktoni

Monotekktoni

Tonia Reeh präsentiert ihr viertes Werk auf Sinnbus

„Are you afraid of HIV? Do you wanna fuck with me?“ Mit diesen Zeilen beginnt eine der besten Underground-Platten des letzten Jahres mit Namen: „Love Your Neighbour? No, Thanks“. Verantwortliche Künstlerin: Tonia Reeh. Es ist diese Mischung aus Elektro, Trash und einem herausragenden Songwriting, das zwar erkennbar an PJ Harvey geschult ist, aber bereits früh eine eigenen Sprache gefunden hat. Mit Bands wie „Das Zuckende Vakuum“ und „Masonne“ erprobte die Künstlerin diese spezielle Fertigkeit, ihrem Inneren ein Ventil zu verleihen. Damals noch ohne Synthies zu Dritt in „klassischer“ Rockbesetzung, die singende Tonia Reeh an der Gitarre. Die komplexe Rhythmik dieser frühen Arbeiten durchzieht auch das heutige Werk der Frau, die ihrer ersten Platte den Namen „Tonfalle“ gab. Ein etwas unentschlossenes Produkt, das man als interessantes Resultat einer Findungsphase einordnen kann.

Bereits die zweite Scheibe „How to Reduce Power Consumption to a Minimum“ verkörpert den Stil, den Tonia Reeh von nun an perfektionieren wird: Polyrhythmische Elektro-Bastarde, mit allerhand Störgeräuschen versetzt und mit einer intensiven Stimme, die stets durch diverse Verzerrer gejagt wird. Von der Technik her der Berliner Untergrund-Legende Atari Teenage Riot nicht unähnlich, doch Monotekktoni bietet soviel mehr. „Chemicals“, der Opener der zweiten Platte, besticht durch treibende Beats, dynamische Keyboard-Läufe und den hymnischen Text über das Trinken chemischer Ausdünstungen. Brutal, detailverliebt, tanzbar, melodiös, verstörend. Noch steht dieser Song in seiner Qualität einsam neben anderen, die, obwohl sie eine gute Platte füllen, es doch nicht mit ihm aufnehmen können.

Gleich vier großartige Stücke präsentiert Monotekktoni auf dem Sampler „4 Women No Cry, Volume 2“. Eine LP-Seite lang bezaubert die Reeh mit ihren bis dato poppigsten Liedern, ohne sich dabei untreu zu werden. Für Neueinsteiger sicherlich die perfekte Einstiegsdroge. Ende 2006, Anfang 2007 befindet sich die Künstlerin auf ihrem vorläufigen Höhepunkt und veröffentlicht ihre beste Platte „Love Your Neighbour?“. Stücke wie „Civilisation Kills Sex Magick“, „Hands up“ und „Dynamite“ zerfetzen gängige Hörerwartungen genauso wie sie sich im Gehörgang festsetzen. Euphorisierend, im Zwiespalt von verletzen und verletzt-werden pendelnd, kurz: ein Meisterwerk. Wie macht man nun nach einem solchen Höhepunkt der eigenen Schaffenskraft weiter?

Zuerst einmal produziert man zügig neues Material. Tonia Reeh ist rastlos, sagt das Info ihres Labels Sinnbus. Sei´s drum, wenn dadurch Songperlen wie „I´m a Wheelchair“ dabei herauskommen, dem melancholischen Schlussstück des neuen Werks „Different Steps to Stumble“. Die analogen Synths summen zum eindringlichen Sprechen Tonia Reehs und erschaffen eine Atmosphäre, wie sie nur wenige Gleichgesinnte in ihrer Konsequenz produzieren können. Die Platte beginnt mit drei recht eingängigen Stücken, wobei „Chinese Afterburner“ mit seinem hysterischen Gesang am ehesten den Anschluss an den Vorgänger schafft. Nach dem schwachen „Dirty Paradise“ folgt mit „Fuck The Engine“ ein Song, der auch allein zur Gitarre oder zum Klavier vorgetragen bestens funktionieren würde. Er eröffnet den experimentellen Teil der Scheibe, der mit dem Stück „Nicht Stolpern Bitte“ wohl das gewöhnungsbedürftigste Stück der Platte bereithält. Die Mischung aus deutschem und englischem Gesang funktioniert, macht aber auch die Problematik deutlich, wo es nach dem Meisterwerk des letzten Jahres hingehen soll. Mit „Different Steps to Stumble“ löst Tonia Reeh diese Aufgabe solide. Sollte ihr das mit ihren weiteren Werken in diesem Umfang gelingen, kann man sich immer wieder auf sehr gute Platten einer Ausnahme-Künstlerin freuen. Ob sie allerdings noch einmal ein Werk wie „Love Your Neighbour..“ veröffentlicht, bleibt offen.


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