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Mittwoch, 11. Juni 2008 17:06 • 

Von: carpeberlin

Mission Lavendel. Die Gartenpiraten sorgen für mehr Grün in Städten

Gartenpiratin Julia Jahnke

Von Kathrin Bräuer

 

Im Schutz der Nacht schlagen sie zu. Ihr Ziel: öffentliche Brachflächen. Ihre Waffen: Lavendel, Goldregen oder Tulpen. Ihre Mission: trostlose Innenstädte in blühende Oasen verwandeln. Das "Guerilla Gardening" hat nun auch die deutsche Hauptstadt erreicht.

Graue Häuserwände, dazwischen matschige Brachflächen, und an den Bäumen am Straßenrand stapelt sich der Hundekot. Der Weg zur Arbeit nervt, und ein Blick aus dem Fenster frustriert. Doch es regt sich Widerstand gegen das Grau in den Großstädten - grüner Widerstand. Das Phänomen, das dafür sorgt, dass Straßenbäume plötzlich von liebevoll gestalteten Beeten umrahmt sind, gibt es in Städten wie London oder New York schon länger. Es sind normale Bürger, die verwilderte Parkanlagen und ungepflegte Blumenkübel eigenständig mit Spaten, Blumenerde und Setzlingen bepflanzen.


In New York seit über 30 Jahren
Obwohl die Verschönerung offiziell verboten ist - denn ohne öffentliche Genehmigung wird man durch das Pflanzen von Blumen zum Straftäter -, lassen sich immer mehr Aktivisten davon nicht abhalten. In dunklen Nächten graben sie trotz Verbotes Verkehrsinseln um, legen Blumeninseln an. Mit einem Mal sind Bauminseln, im Fachjargon Baumscheiben, nicht mehr von Müll, sondern von Ziersträuchern und Blütenpracht umgeben.
Der Trend heißt Guerilla Gardening. Auch in Berlin sind illegale Verschönerer als Gartenpiraten unterwegs auf einen Blumenfeldzug. Begonnen hat es bereits vor über 30 Jahren in New York. Anwohner ärgerten sich über verwilderte Grundstücke. "Waren die Grundstücke eingezäunt, warfen sie so genannte Samengranaten über den Zaun, das sind Klumpen aus Erde und Samen", erzählt Julia Jahnke, Autorin eines Buches über Guerilla Gardening.

Wie man ein richtiger Gartenpirat wird
Jahnke gehört auch zu den Berliner Gartenpiraten. "Wer ist die Öffentlichkeit, wenn nicht wir. In diesem Sinne denke ich, das Brachland gehört allen Bürgern der Stadt und deswegen haben wir auch das Recht, diese Baumscheiben zu bepflanzen." Weil die Anwohner gegenüber der Stadtverwaltung eine schwache Position haben, kam der Vergleich mit Guerilla-Kriegern auf; daher auch der Name der Bewegung. Über das Internet tauschen sie Erfahrungen mit Gleichgesinnten auf der ganzen Welt aus.
Die Berliner Gartenpiraten, die sich nach dem Vorbild vom Guerilla Gardening gegründet haben, findet man zum Beispiel im Internet auf der Seite Grüne Welle(Externer Link - Öffnet in neuem Fenster) Julia Jahnke, die die Website ins Leben gerufen hat, gibt dort Tipps, wie man zum Gartenpirat wird, wo man beginnt (Bauminseln, Brachflächen und ungenutzte Pflanzenkübel in der Nachbarschaft), welche Pflanzen sich eignen (zähe Gewächse und schnell wachsende Blumen) und wie man sein Gärtchen schützt (mit einem kleinen improvisierten Zäunchen). Auch auf anderen Seiten wird man fündig, nur heißt das Stichwort dann "Wildgärtnern" oder Ähnliches.

Eigeninitiative in Grenzen ist willkommen
Obwohl es prinzipiell verboten ist, wild Samen auszustreuen, kommt das Bedürfnis der Bürger nach schöneren Straßen und Parks der Stadt entgegen. Hans-Gottfried Walter vom Grünflächenamt begrüßt das Engagement vieler Berliner Wildgärtner. Er hilft unbürokratisch, während die Polizei schon mal Probleme macht. "Wir wollen das nicht verhindern oder behindern", so Walter, "das ist schön, wenn es so ist. Wir sind jederzeit bereit, das zu unterstützen. Was wir natürlich nicht wollen, ist, dass es sich verselbstständigt."
Das Tiefbauamt Neukölln reagiert auf die wilden Verschönerer mit einem Regel-Flyer über die Bepflanzung von Baumscheiben. Angepflanzte Blumen sollten nicht höher wachsen als 50 Zentimeter, und die Beschneidungsarbeiten dürfen nicht behindert werden. Auch wenn die Initiative der Bürger meistenteils gelobt wird, gibt es doch neben der Straßenrand-Idylle manchmal auch handfesten Ärger.

Rosenkrieg in Friedrichshain
Das spanische Wort "guerrilla" ist die Verkleinerungsform von "guerra"; es bedeutet "kleiner Krieg". Und um einen Kleinkrieg handelt es sich auch bei der Schließung der Rosa Rose, einem illegalen Garten, den sich die Anwohner in der Kinzigstraße (Friedrichshain, Berlin) auf einem verwilderten Grundstück selber angelegt haben.
Jahrelang lag das Grundstück brach. Doch der Anblick von kaputten Kühlschränken und alten Kleidern störte die Anwohner. Sie fingen an, Beete anzulegen. Nach und nach kamen immer mehr Menschen dazu. Ein Lehmofen und eine Theke wurden gezimmert, Gartenpartys und Kinderfeste fanden statt. Für eine Besucherin mit Rollstuhl legte man extra ein Hochbeet an; der Garten stand für jeden offen.
Doch auf die Legalisierungsversuche der Nutzer wurde nicht reagiert. Jetzt wurde das Grundstück verkauft, und der Garten Rosa Rose zerstört. Nun sind die Anwohner auf der Suche nach einer neuen Möglichkeit, einen Garten anzulegen, um auch in der Stadt eine kleine Augenweide zu haben.

Am 20. April 2008 lief in der ZDF-Sendung "sonntags. TV für's Leben" der folgende Beitrag, auf dem dieser Artikel beruht:

http://sonntags.zdf.de/ZDFde/inhalt/21/0

Keywords: Gartenpiraten, Kathrin Bräuer, ZDF, Mission Lavendel

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