Marzahn: Nur Plattenbauten?
Berlin-Marzahn. Dabei denkt jeder sofort an unzählige riesige Plattenbauten, die sich soweit das Auge reicht gen Himmel strecken, an Harz4-Empfänger, die irgendwo herum sitzen und Bierchen trinken oder vielleicht an die Komikerin Ilka Bessin, bekannt unter dem Namen „Cindy aus Marzahn“. Aber weit gefehlt, denn der Berliner Bezirk hat mehr zu bieten.
Eine Reportage von Hendrik Lemke
Dicht an dicht reihen sich die Plattenbauten in der Landsberger Allee gen Himmel. Hier sind sie wirklich überall zu finden und oft überkommt einem das Gefühl vor lauter Betonklötzen zerquetscht zu werden. Marzahn ist die größte Plattenbausiedlung Europas und hat eine Bevölkerungsdichte von 4000-5000 Einwohner pro km². Es gibt große Plattenbauten, etwas kleinere, breite, schmale, moderne, ältere, Plattenbauten mit Blick auf die Straße und welche mit Blick auf hunderte von anderen Hochhäusern. Man findet sie in grau, gelb, rot, rosa, orange, blau, grün und noch unzähligen anderen Farben, manche sind mit Muster, andere wiederum ohne, wieder andere haben Comic-Figuren auf die Seitenwand gemalt, auf manchen sind nur Graffiti, meistens nur irgendwelche Kritzeleien, zu sehen. Ist man erst einmal inmitten eines solchen Plattenbaudschungels, fürchtet man nie wieder herauszukommen. Der Tourist oder Nicht-Plattenbaubewohner fragt sich, wie Menschen so leben können: aufeinander gehockt, in einer kleinen Wohnung, irgendwo im 30. Stockwerk, mit Blick ins Schlafzimmer von den lieben Nachbarn. Harz4-Empfänger sind in Marzahn zwar nicht ganz so zahlreich vertreten wie die Plattenbauwohnungen, doch lag im Jahr 2007 die Arbeitslosenquote im Bezirk Marzahn-Hellersdorf bei ca. 18% und damit ist sie doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt (Feb.'08: 8,6%). Für diese Leute wurden unzählige Kneipen und Imbissbuden zwischen die Plattenbauten gesetzt, damit sie auch nicht verhungern und ein Plätzchen haben, an dem sie den Tag verbringen können. Da ansonsten aber nicht mehr viel Platz zur Verfügung steht zwischen den Hochhäusern, gibt es riesige Center zum Einkaufen, wie beispielsweise das „Eastgate Center“, das drittgrößte Berliner Einkaufszentrum, in dem viele Modeboutiquen, Elektrofachmärkte und Fast-Food Läden untergebracht sind. Auf ein solches Einkaufscenter strömen die Menschenmassen von allen Seiten zu, fast so, als gäbe es dort massenweise Gratissachen zum Mitnehmen. Von dieser Sorte Shoppingcenter gibt es in Marzahn mehrere. Einzelne Geschäfte findet man dort eher selten, höchstens mal an einer der viel befahrenen Hauptverkehrsstraßen.
Und wer nur nach Berlin-Marzahn fährt, um dort „Cindy aus Marzahn“ anzutreffen oder ihr „Geburtshaus“ zu besichtigen, der sollte lieber gleich zu Hause bleiben. Ilka Bessin, die regelmäßig in diese Rolle schlüpft, wurde nämlich 1971 in Luckenwalde, im südlichen Brandenburg, geboren und hat mit Marzahn nur soviel zu tun, als dass sie selber in einer Plattenbausiedlung aufwuchs.
Eine Fahrt mit einer der vielen Straßenbahn- oder Buslinien, die durch Marzahn und Umgebung fahren, ist zu empfehlen, da einem so erst einmal richtig bewusst wird, wie viele Plattenbauten es in Marzahn gibt und wie eng diese oft beieinander stehen. Ausserdem trifft man bei einer solchen Fahrt am Tage nicht auf die Leute, die der Marzahn-Besucher üblicherweise erwartet. Enttäuschung könnte sich breit machen oder Erleichterung, da dies gerade nicht der Fall ist. Ab und zu sitzt man vielleicht dem ein oder anderen, nach Alkohol riechenden, nicht mehr ganz so sauber aussenden Menschen in der Bahn gegenüber, oder es steigt jemand ein, der aussieht, als ob er jemanden gleich um sein Geld erleichtert, aber dann stellt sich doch heraus, dass er, zumindest im Moment, eher harmlos ist. Auch können mal ein paar Mädchen im Bus herumspringen, die so krass geschminkt sind, dass man überlegen muss, ob da jetzt ein paar Papageien vor einem stehen, ein paar Clowns aus irgendeinem nahe gelegenen Zirkus entflohen sind oder ob diese Mädchen irgendeine ansteckende Krankheit haben und man lieber ein wenig Abstand halten sollte. Aber im Großen und Ganzen kann man sich schon beruhigt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in und um Marzahn fortbewegen ohne alle zwei Sekunden angepöbelt zu werden.
Sehr interessant sind auch die Schrebergärten, die immer mal wieder zu hunderten zusammen gerafft zu finden sind und die optisch wie ein Fremdkörper zwischen all den Plattenbauten aussehen.

Durch das viele Grün wirken sie wie kleine Oasen in all dem Grau. Diese Schrebergärten sind Teil der um 1900 entstandenen Kleinsiedlungsbereiche des Dorfes Angerdorf Alt-Marzahn, von dem heute noch die Dorfkirche und die 1994 neu erbaute Bockwindmühle zu besichtigen sind. Die Schrebergärten passen nicht so recht ins Bild und lenken ab von den Plattenbauten, zumindest für einen Augenblick. Noch verrückter, weil unerwartet grün, ist aber der „Erholungspark Marzahn“, der sehr weit im Osten Marzahns liegt. Er ist umzäunt von Plattenbauten und wirkt ebenfalls wie eine Oase oder wie eine Erlösung von all den großen grauen Betonklötzen. Im Erholungspark mit der Ausstellung „Gärten der Welt“ findet man viele kleine Gartenanlagen aus verschiedenen Ländern der Welt, insbesondere Asien. So kann man den Chinesischen Garten, den Japanischen Garten, den Balinesischen Garten, den Orientalischen Garten oder den Koreanischen Garten besuchen. Einen Geruchs-Tast- und Duftgarten, ein großer Spielplatz und ein Hecken-Labyrinth sind dort ebenso zu finden. Vom Aussichtshügel „Ausguck-Marzahn“ hat man außerdem einen wunderschönen Ausblick - auf die Plattenbauten.
Fotos © Hendrik Lemke
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