Kreuzberg 61: Essen und Trinken
Die Bandbreite der Kreuzberger Küche ist in SW 61 genauso groß wie in SO 36 – und ähnlich konzentriert. Wir wollen uns nach dem exotischen Springreiten auf Bodenständigeres konzentrieren, das wird uns aber wohl nicht durchgängig gelingen.
Zumindest fangen wir so an, am westlichen Anfang des Bezirks, im Restaurant e.t.a. hoffmann, das zum Hotel Riehmers Hofgarten zwischen den Bahnhöfen Yorckstraße und Mehringdamm an der U7 gehört. Außer dienstags gibt es hier ab fünf Uhr klassische, aber doch moderne süddeutsche und österreichische Küche zu vergleichsweise moderaten Preisen, meist auch ein günstiges Dreigänge-Menü mit Berliner Pilsner vom Faß. Sollten hier schon alle Plätze besetzt sein, während der Hunger weiter in Richtung Kaiserlich und Königlich marschiert, empfiehlt sich in mittelbarer Umgebung das Austria (Bergmannstraße 30, zehn Minuten zu Fuß), wo Fleisch mit einem ganz großen F geschrieben wird. Pommes und Pasta sind Fremdworte, in die Bresche springen typischerweise: Knödel. Wer trotz genereller Empfehlung keine Experimente machen will, nimmt das Wiener Schnitzel (16,50, reicht für zwei) und spart auf einen der gloriosen Nachtische – bitte unbedingt danach den Marillenschnaps hinabgleiten lassen.
Auf dem Weg dahin ist für jeden was dabei: auf der Bergmannstraßenseite des Mehringdamms (Nummer 47) lädt von 8 bis 24 Uhr das – zu großen Teilen biodynamische - vegetarische Buffet der Seerose zum Sattessen ein. Wen die Vielfalt übermannt, dem gibt Ali gern von allem ein bißchen was auf den Teller – am liebsten mit einem ungefilterten Biobier.
Der „orientalische Imbiß“ – das muß einem erst mal einfallen in dieser Gegend – am Mehringdamm 63 mit der Zeder im Wappen ist was für Kenner und Liebhaber. Wer schon einige Schawarma gegessen hat und denkt, er kenne alle, darf hier eine besondere libanesische Note kennen- und schätzenlernen. Halal!

Die Bergmannstraße selbst ist kein besonders guter Haltepunkt, hier gibt es wenige herausragende Adressen für Imbiß oder Abendessen, nichts also, was woanders nicht besser oder günstiger wäre. Wer hier seinen Kaffee trinkt, tut es wegen der Sonne auf der nördlichen Straßenseite. Es sei denn, er sitzt im Barcomi’s, einer der wenigen amerikanischen Institutionen, die Kaffee und Kuchen richtig gut können. Eat your heart out, Starbuck’s! Cynthia weiß, was man alles falsch machen kann und läßt das einfach bleiben. Jede Bohne wird im Haus geröstet, jede Süßigkeit selbst gebacken. Eng geht es zu, aber im Winter, so nachmittags um zwei, zwischen Holztisch, Wand und Papier, gibt es keinen versöhnlicheren Ort: Drinnen das alte Neu York, draußen das alte Berlin.
Über die Straße, in der Zossener Nummer 19, findet man Eingang im Tibet Haus, das einen klaren Kontrast zu den sonstigen „Asia“-Imbissen setzt. Kein süß-sauer, dafür in Joghurt und Gewürzen mariniertes Ei mit Gemüse und Apfel (Nummer 1 auf der Karte). Hört sich wirklich komisch an, aber es schmeckt so toll… Trotz aller authentischer Speiserei ist einem auch keiner böse, wenn man ein Hefe aus der Flasche dazu trinkt. Wer was Scharfes ißt und dann das Glas ansetzt, weiß bald, warum grüner Tee als Begleiter sein Gutes hat.
Am Südstern, der „stella del sud“, finden Freunde von Pasta, Posta und Pesto doch noch ihren Heimathafen, die Trattoria Noi Quattro. Natürlich werden die Standards geboten, davon abgesehen experimentieren die Köche aber auch gern: Hummer auf Artischockenragout und wildere Kombinationen, dazu gute Weinempfehlungen. Für die Qualität der Speisen und Getränke ist es preiswert, und wer sich lieber zufrieden als satt ißt, weiß, wovon die Rede ist.
Zufrieden ist man auch nach einem Besuch des französischen „Restaurant le cochon bourgeois“, dem bürgerlichen Schwein in der Fichtestraße 24. Der Bauch nicht zu voll, dafür das Geschmackszentrum geladen bis zum Anschlag – Obacht, der Geldbeutel könnte leer sein nach dem Besuch, aber wie das bei gutem Wein so ist: nicht die Menge des Alkohols macht die Wirkung, sondern der Geschmack. Unbedingt reservieren, denn auch im anscheinend nicht so sehr zum Gaumenluxus passenden Umfeld findet man spontan selten einen Platz. Sollte dem so sein, dann empfiehlt sich ein Schritt ums Eck. Die Alternative Fleischerei in der Körtestraße 20 hat nicht nur feine Weißwürste, sondern auch noch einen Imbiß, in dem jede Semmel, Entschuldigung, Schrippe, mit bestem Senf bestrichen wird, bevor sie den köstlichen Inhalt umschließen darf.
Text: Guiseppe Profumo
Keywords: Kreuzberg 61, Austria, Orientalischer Imbiss, Alternative Fleischerei Südstern































