Nachtleben in Kreuzberg 36
Wo spielt die Musik in Kreuzberg 36? CarpeBerlin's Tour durch die Clubs des bekanntlich wildesten Kietz'.
Die Grenzen sind fließend. Muß man aus der einen Kneipe, in der man was gegessen (und getrunken) hat, raus, um woanders weiterzutrinken (ohne was zu essen)? Klar nicht, aber die nächsten Etablissements sind weniger zum Essen da, auch wenn auf dem Tresen Erdnüsse stehen.
Wer am östlichen Ende des Bezirks anfangen will, macht das, vom Schlesischen Tor oder dem S-Bahnhof Treptow kommend, an der Lohmühleninsel, wo zwei Exemplare der an die Kreuzberger Verhältnisse angepaßten Systemgastronomie locken, unweit der Arena und dem Badeschiff des gleichen Betreibers.
Gegenüber liegen sich dort der Freischwimmer und der Club der Visionäre, getrennt vom Flutgraben. Beide hangeln sich am Ufer entlang, wobei der überdachte Freischwimmer sich eher für „was Ruhiges“ eignet, also auch mal ein Stück Kuchen mit Mutti im Winter oder eine sommerliche Hochzeitsgesellschaft (für den Fall, daß es regnet). Bei Sonne gehen wir lieber über die Brücke, um mit dem konstant verfeierten Volk auf den Flößen des Clubs der Visionäre Long Island Ice Tea zu trinken (um aufzuholen) und uns wenig chillige Beats um die Ohren wehen zu lassen. Deswegen lieber hier, weil man es drüben zwar auch hört, sich dort aber schon mal von der unpassenden Musik gestört fühlen kann. Man kann die beiden nicht verpassen, ungezählte Fahrräder können sich nicht irren.
Direkt neben der stark frequentierten Tanke, eher ein Kiosk unter der Flagge Arals, steht in roter Klinkerschürze Heinz Minki, ein wunderschönes Steuerhaus von 1859, wo sich neben prima Nüßchen und Cocktails (drin) auch lecker Pizza und Bier (draußen) verkosten lassen. Einer der Plätze, die es mit süddeutschen Biergärten aufnehmen können, aber natürlich weitaus cooler sind.Getanzt wird hier auch an ausgewählten Terminen.
Später in der Nacht hat man es nur ein paar hundert Meter bis zur institutionalisierten Entscheidungsschwierigkeit. Vorher noch ein schneller Drink im Mysliwska (Nummer 35), aus dem mit der Zeit auch mehrere werden können, weil es da einfach so geil ist.
An der Oberbaumbrücke, im kurzen Teil der Falckensteinstraße, läßt sich trefflich über den passenden Club zur Nacht streiten, am besten bei Buletten und Wodka im San Remo Upflamör, und es stehen zur Wahl: Das Watergate, neben dem Weekend wohl der Club mit dem anderen besten Blick der Stadt. Unabhängig von der Musik muß es einem hier einfach gefallen, und wer auf Elektro steht, dem gefällt wohl auch die Musik. Direkt daneben dampft der 103Club auf unterschiedlich vielen Tanzböden – die Unterteilung des zweistöckigen Hauses ist immer anders, die Musik aber unterscheidet sich im Stil wenig vom Watergate – im Zweifelsfall entscheidet ein Blick auf die Homepages, welche DJs man lieber hat. Oder überhaupt kennt.
Der Dritte im Bunde, oder eher der Außenseiter, ist das Lux in der Schlesischen Straße 41. Neuer als die beiden anderen wirkt es eingesessener, angewachsener, auch die musikalische Stilrichtung ist nicht so einheitlich. Wie es immer so ist bei experimentierfreudigeren Menschen, kann es mitunter passieren, daß der Laden nicht voll ist. Schön privat und rostig ist es aber immer, also nutzt man den Aufenthalt, indem man die Bar kapert, der eigenen Mannschaft Rum spendiert und bißchen rumchillt, um dann weiterzuziehen.
Wer es satt ist, in Berlin seit Jahren immer nur noch Elektro zu hören, dem bleibt der Klassiker, der würdige Herald des alten Bezirksnamens. „Das“ SO 36 in der Oranienstraße 190 am U-Bahnhof Görlitzer Straße ist so schwer einzuordnen, daß man einige Male hingehen muß, um eine Ahnung von der Veranstaltungspolitik zu bekommen. Es gibt nämlich eine.
Neben Partys verschiedenster Ausrichtung lassen die regelmäßigen Veranstaltungen (Kiezbingo, Tanzkurse, Nachtflohmärkte) fast die ganze Woche über keine Atempause zu. Und obwohl es nicht mehr jung ist (schon die Ärzte haben sich hier gegründet) und längst mehr Geld machen könnte (Konzerte ab drei Euro), bleibt es lieber sich selbst treu, egal was um es herum passiert. Eine echte Kreuzberger Pflanze. Hingehen.
Text: Giuseppe Profumo
Gelesen von: Manfred Fenner
Länge: 5:23 minutes (4.93 MB)
Format: MP3 Stereo 44kHz 128Kbps (CBR)
































