Die wilden Kerle vom Kreuzberg
Postleitzahlen: "36 brennt, 61 pennt". Eine persönliche Nachkriegsgeschichte im alternativen, politischen Szenekietz' Kreuzberg.
Der Schreck der Alten saß immer schon tiefer als der der Kinder. Wo wohnen die wilden Kerle? Hier, anscheinend: Willkommen in Kreuzberg!
Kaum ein westdeutsches Elternpaar entließ seine Sprößlinge gerne nach Berlin, das galt jedenfalls bis zur Runderneuerung der Stadt, seitdem sie Regierungssitz ist. Noch weniger gern lasen sie Briefe, deren Absender den Postleitzahlenzusatz SW 61 oder gar SO 36 hatte. So hießen die beiden Teile Kreuzbergs bis Juli 1993. Als frischer Berliner, zum Sommersemester angereist, hatte ich gerade einmal drei Monate das hochherrschaftliche Gefühl, dazuzugehören. Ich dachte, jetzt endlich offiziell auf dem Weg zu sein, einer der Menschen zu werden, vor denen mich meine Eltern immer gewarnt hatten. Und gewarnt sollten wir sein, aber anders als gedacht: „Fünf ist Trümpf!“ lautete die Propaganda…dann platzte Postministers Schwarz-Schilling und seines niederen Handlangers („Rolf“!) bürokratische Bombe und riß viele tiefe Gräben, die Stadt lag im Chaos des fünfstelligen Leitzahlen-Craquelés. Gräben warfen sich auf, zu viele für uns damals. Die Konsequenz für mich: ich schrieb keine Briefe mehr und ärgerte mich über jeden, der meinen neuen, althergebrachten Stolz schon im Postkasten unterminierte: wie sollte man sich von den Daheimgebliebenen abheben, als Typ aus 10967?
So ging es wahrscheinlich allen, auch wenn heute 10999 und 10997 wieder Synonyme sind für ein letztes Stück vom alten heiligen Schein. Auch Leute, die, um einen Job zu bekommen, aus Kreuzberg und Berlin weggezogen sind, bezeichnen sich teilweise noch als „Alt-Einundsechziger“, wobei sie sich dabei mit der zweitbesten aller Erinnerungen zufriedengeben müssen. Hieß es doch so schön, wahr und gut: „36 brennt, 61 pennt“. Sie trösten sich heute wie damals damit, im „Nobelkreuzberg“ gewohnt zu haben, haha, mit dem Außenklo auf der halben Treppe und dieser Plastikfolie vor den Einfachfenstern, damit die Wärme des einzigen Kachelofens der Wohnung auch länger als zwei Stunden hielt. Diese Noblesse ist zugrunde gegangen, schön war’s von heute besehen doch, wildromantisch, immer eine frierende Frau unter den Decken im Hochbett, Körperhygiene lieber im Schwimmbad erledigt, weil die Pumpe der Aufstelldusche in der Küche gerade vom rot gefärbten, sehr langen Haupthaar verstopft war.
Auch, wenn sich die Demarkationslinien der Gesinnung heute nicht mehr an Postleitzahlenbezirken orientieren und sich das alte 36 gerade auf der finanziellen Überholspur einordnet, weiß jeder, wo er zuhause ist, wenn die alten Begriffe fallen. Anders ist es bei Schöneberg, Neukölln („war das irgendwas mit vierzig?“) und vor allem in den östlichen Bezirken. Deren alte Zustellnummern stehen nicht mehr für eine Identität, wahrscheinlich taten sie das nie. Vielleicht hatten sie es auch nicht nötig?
Geschichtlicher Hintergrund und 1. Mai
Die Identität Kreuzbergs ist historisch gesehen relativ neu, der Bezirk existiert nämlich erst seit 1920 und war Produkt einer Mischehe aus Tempelhof, südlicher Friedrichstadt und noch unbebauten Gebieten südöstlich. Damals hieß er auch Hallesches Tor. Hier wohnten arme Arbeiterfamilien seit Ende des Neunzehnten Jahrhunderts Neubauten trocken und ruinierten sich mit ungelöschtem Kalk in den Lungen die Gesundheit, um später anderen, nicht ganz so armen Menschen Platz zu machen.
Nach dem Bau des „antifaschistischen Schutzwalls“ war der Bezirk auf einmal die Sackgasse der Freien Welt, SO 36 von drei Seiten eingeschlossen vom Osten – und immer noch ärmlich. Die Mieten waren im Keller, echte Berliner wollten da kaum wohnen, wenn sich nicht schon immer da wohnten, und so schoben sich neue arme Leute in die Lücke: Gastarbeiter und Studenten. Dann ging alles richtig los, es waren die späten Sechziger, man studierte, demonstrierte für und solidarisierte sich mit allem Möglichen. Bald fielen in Berlin Schüsse, Kreuzberg sollte zur Feste der alternativen Lebenskultur werden – und in der Tat, genauso kam es. Nicht ohne Grund hört man hier besonders oft die schwäbische Mundart, denn wer eine Pubertät in der Nähe von Heilbronn eintauschen konnte gegen das hier, gegen dieses Paradies aus nichts machen und nichts machen lassen, der tat es auch meistens.
So waren die Verhältnisse eine gute Zeit lang recht stabil, die Demographie über einen Kamm geschert: ein Drittel alte Alteingesessene, ein Drittel Studenten und ein Drittel Türken. 1987 wurden der Maifeiertag zum ersten Mal brutalisiert, und das ist auch gut zwanzig Jahre später noch so. Als Fanal der antikapitalistisch-antiimperialistischen Gesinnung brannte der Bolle-Supermarkt an der Mariannenstraße Ecke Skalitzer ab. Er wurde nie wieder aufgebaut und auch heute noch ist das Stück Land eine seltsame, eingezäunte Brache – mit Spielplatz. Es markiert eine Art Ground Zero der vermeintlichen Revolution, lange bevor es diesen Begriff im Deutschen gab. Und anders als an anderen Stellen dieser Art wachsen dort Bäume statt Steine. Auch dafür steht Kreuzberg: Idyllen in der lauten Stadt, Begrünung von Ruinen, zu Oasen transformierte Katastrophen. Wahrscheinlich haben die zugereisten Schwaben einen entscheidenden Anteil daran, und es wird ihnen wohl nicht gedankt.
Jeden Tag können Zehntausende BVG-Reisende einen Blick von der Hochbahn auf den ehemaligen Platz der Randale werfen. Also bloß nicht Zeitung lesen zwischen Kottbusser Tor und Görlitzer Bahnhof, sondern nach Norden blicken, schaudern und die Ambivalenz des Platzes schauen. (Wen es interessiert: das deutsche Autohaus davor war bis vor ein paar Jahren noch ein italienisches, dann brannte es ebenfalls am ersten Mai, sozusagen aus Solidarität, wie böse Menschen in dieser Nacht auf der Flucht vorm Einsatztrupp sangen. Wir fanden das doof, denn die riesenhafte Alfa- und Fiatwerbung von „Automobile MOREsco“ war in trüben Novembernächten das einzige Zeichen von Liebe, das über uns angestrahlt wurde, mit Halogen). Noch im Jahr 2000 später fuhr ich, in der Berliner Terminologie stolz wie Bolle (uiuiui) ein altes Damenrad der Exfreundin meines damaligen Mitbewohners, dessen Rücklicht im Flammenschein des Siebenundachtziger Infernos zu einem dekorativen Plastikschmuck umgeschmolzen worden war – und alle meine Freunde mußten sich das regelmäßig von April bis Juni anhören.
Text: Giuseppe Profumo
Gelesen von Manfred Fenner
Länge: 8:07 minutes (7.43 MB)
Format: MP3 Stereo 44kHz 128Kbps (CBR)
Foto: Carolin Wackerhagen
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