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Leben Leben
Mittwoch, 24. September 2008 12:40 • 

Von: carpeberlin

Kreuzberg 36 : Essen und Trinken

Alternative Fleischerei am Südstern

Das kulinarische Angebot von Kreuzberg 36 ist so vielfältig, wie seine Bewohner. Allerdings handelt es sich hier um schnelles, aber deswegen nicht gleicht schlechtes Essen.

... und er dreht sich doch

Kreuzberg ist in Berlin und ganz Deutschland das Mekka der Imbißkultur, keine Diskussion. Was mit „Döner“ anfing, erfuhr bald eine Ausweitung auf Falafel, und noch heute ist dabei einiges von zweifelhafter Qualität. Für anderes gilt und galt immer: „unser Döner ist super, mit Soße spitze!“.
„Gedreht“ (die wörtliche Übersetzung von Döner) haben sich die Spieße in Deutschland seit etwa 1970 genauso wie lange vorher in der Türkei; das Gericht, das wir unter diesem Namen kennen, ist aber eine Kreuzberger Eigenentwicklung. Im Heimatland gibt es beispielsweise keine Joghurtsauce zum Einweichen des Fladens. Gibt es eine Art, das Stück zu essen, ohne sich zu bemachen – oder hat jeder Budenbesitzer einen Cousin mit Wäscherei?

Schnell war der Markt aufgeteilt und gesättigt, dann begann, auch dank der anflutenden arabischen Konkurrenz, die Phase der Differenzierung: man aß Schawarma statt Döner, und wenn schon Döner, dann lieber Dürüm.

Vegetarier, die es satt waren, nur schlechte „Ali Baba“- Trockenbreiklumpen serviert zu bekommen, tauchten vom Falafelsprungbrett aus ein in Teigtaschen mit Haloumi (fritierter Käse aus Milch von Kühen, Schafen oder Ziegen), Tabouleh (Petersiliensalat) und Makkali (gegrilltes Gemüse).

Kreuzberg 36

Als Entwickler der Schnitte mit Fleisch, Salat und Sauce („beide oder alle drei, alles komplett?“) gilt Mehmet Aygün vom Restaurant Hasir in der Adalbertstraße 10, und wenn es wirklich das Original ist, dann können sich viele andere eine Scheibe davon abschneiden. Das gilt nicht nur für den Drehspieß, sondern sieben Tage in der Woche rund um die Uhr auch für die anderen (Fleisch)Gerichte. Wer tiefer eintauchen möchte in die authentische Küche, der macht das am besten frühmorgens mit einer Iskembe Çorbasi (Achtung: Pansensuppe), einem der besten Katermittel der Stadt. Keine Sorge, die nüchternen Jungs hinterm Tresen sind schielende, rote Augen um diese Uhrzeit gewöhnt.

Auf der anderen Straßenseite (Nummer 93) steht bis morgens um zwei der libanesische Gegenentwurf zur Verkostung. Maroush wartet mit köstlichen vegetarischen Gerichten, Spießen von Rind- und Hühnerfleisch und nicht zu süßen Nachtischen auf. Die sämige rote Sauce, die in kleinen Töpfchen auf den Tischen steht, bricht alle Aromarekorde, ohne dabei zu scharf zu sein – man ist versucht, sie auch auf die Dattel-Feigen-Stangen zu schmieren. 

Ähnlich wie dem Döner- ging es auch dem Chinamann. 

Pionierphase, Ausbreitung, Diversifizierung. Heute gibt es kaum noch chinesische Imbisse, und in der Folge traten Verwirrungen auf wie „Wok-Döner“, „Mekong-Sushi“ und „Schlacht-Köstlichkeiten“. Empfehlenswert ist der traditionelle (also richtig echt japanische) Sushi-Schuppen Hakata in der Oranienstraße 200. Für ihn wie für Musashi, den Traditionalisten am Kottbusser Damm 102, gilt: gutes Essen statt Tand. Die Misosuppe hier lebt wirklich, und zwar sehr gut, alle Fische sind von bester Qualität, und der itamae weiß im Gegensatz zu vielen anderen, seine Klinge zum Wohl des Gastes zu führen. Die Zubereitung braucht Zeit, aber die verstreicht beim Studium der Straße von ganz allein. Sushi war in Japan nie ein Hauptgericht und soll nicht unbedingt sattmachen. Wer danach also noch eine kleine Delle im Magen verspürt, rutscht eine Bank weiter und läßt sich vom belgischen Süßkram der Cassonade (Nummer 199) die letzte Lücke füllen.


Wem der Sinn nach großer Suppe steht, der muß noch ein paar Meter weiterlaufen. In der Wiener Straße 61 hat To Loc mittlerweile zwei Ladengeschäfte nebeneinander gemietet – der Andrang ist verständlich. Das einzig kryptische an dem Laden ist die Herkunft der Rezepte, denn vietnamesisch ist dort längst nicht alles, und „Indochina“, wie auf der Karte vermerkt, hören wir aus verschiedenen Gründen nicht gern. Das Essen ist vor allem frisch, höchst aromatisch und gut begrünt. Wer es scharf mag, kriegt genau das auf Wunsch, wer seine Geschmacksknospen lieber pflegt, darf das auch.

Panasiatisch ist nicht zu Unrecht ein Synonym für Einfallslosigkeit und Gleichmacherei geworden, wenn aber die Elemente verschiedener regionaler Küchen so gekonnt nebeneinander stehen wie hier, dann bitte sehr!

Dem konsequenten Vegetarier westlicher Prägung empfiehlt sich ein Schritt über die Straße, wo im Yellow Sunshine (Nummer 19) Burgermenüs fleischliche Konsistenz ohne tierisches Leid bieten.


Auf der Oranienstraße und in ihrer näheren Umgebung lassen auch einige „pan-indische“ Geschäftemacher mit rückbeleuchteten Tresen heiße Gußeisenpfannen zum Gast zischen. Der sitzt auf dem sowieso schon viel zu engen Gehsteig unter Heizpilzen und wundert sich, daß soviel Tandoori auf dem Teller mittags so wenig Geld kostet – bevor er es gegessen hat. Der Begriff „Billig-Inder“ kommt nicht von ungefähr. Soll es denn vom Subkontinent sein, empfehlen an dieser Stelle entweder einen Ausflug in die Görlitzer Straße (bitte verlinken zu Görlitzer Park im generellen Kreuzberg-Artikel)(da wolltet Ihr sowieso immer schon mal hin). Bei Sha-Jahan in der Nummer 41 bekommt man montags auch mal k e i n Lamm, weil es gerade noch für morgen vorbereitet wird. Wer es anders kennt, sei überrascht und belehrt: das ist ein Zeichen für Qualität. Ebenfalls empfehlenswert ist das Mumbai-Haus in der Skalitzer Straße 94 a. Nicht die übliche Mensa-Abspeisung und auch nicht diese typische Matsche-Pampe von Hühnchen im Koma.

Auch die thailändische Küche hat einen authentischen Statthalter im Quartier, direkt daneben. Der Besitzer des Chai-Yo (Skalitzer Straße 95 a) mag nicht eben thailändisch anmuten, seine Frau ist aber, und sie ist eine begnadete Köchin. Beide können sie mit der alten Espressomaschine zaubern. Kaffeekönig von Kreuzberg? Auf jeden Fall eine Referenz, mit der sich alle anderen messen müssen.

Zu allem Überfluß wird im alten Postamt in der Skalitzer Straße auch bald der erste MacDonalds Kreuzbergs eröffnet werden, um eine bestehende kulinarische Lücke zu füllen. Heute schon stellt sich also die Frage, ob der nächste erste Mai für ihn der letzte sein wird.

 

Text: Giuseppe Profumo

Keywords: Kreuzberg 36, Essen und Trinken, Döner, Berlin, Sushi, Hakta, Ali Baba, To Loc, Chai-Yo, Mumbai Haus, Yellow Sunshine

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