Karneval im Regen
Heute beginnt der Karneval der Kulturen. Keinem Fest in Deutschland gebührt das Attribut „multikulti“ mehr. Längst hat er die Loveparade auf dem Veranstaltungskalender verdrängt: Als das Event mit den meisten Besuchern in Berlin. Unser Schülerpraktikant (15) erinnert sich noch gut ans vergangene Jahr, als er und tausende andere pudelnass wurden.
Von Hendrik Lemke
Auf der Fahrt zum Karneval der Kulturen war es richtig schönes Wetter, mit ein wenig Sonnenschein. Die Bahn war sehr voll, nicht dass sie das sonst nicht ist, aber an diesem Tag war sie besonders voll - und alle Leute hatten das gleiche Ziel: Kreuzberg. Wir näherten uns immer weiter mit der U1 der Haltestelle Hallesches Tor und mit jeder Station wurde der Himmel grauer. Und dann: Zwei Minuten vor der Ankunft fing es an zu regnen. Und das war kein Nieselregen oder etwas in dieser Art. Ein monsunartiger Regen machte hunderte von Menschen verschiedenster Nationen pudelnass. Ich versuchte den Ausgang der U-Bahn zu erreichen, was reichlich missglückte, da in diesem Augenblick hunderte von Menschen von draußen in genau diese Station hetzten, um sich vor dem Regen zu retten. Es ging nicht mehr vor und nicht mehr zurück, wir standen alle so dicht beieinander, dass es schwer fiel zu atmen und man das Gefühl bekam jeden Moment erdrückt zu werden. Lautes Gerede, auf allen möglichen Sprachen, war aus jeder Ecke zu hören. Manche grölten herum, beschimpften das Wetter oder beschwerten sich über den starken Wind. Ich bekam mit, wie ein Mann und eine Frau, die sich direkt neben mir an die Wand pressten, ihre Freunde verloren hatten. Ständig schauten sie sich um. Irgendwie schien jeder hier jemand anderen, einen Freund, einen Sohn, eine Mutter, zu suchen. Alle waren nass, und fingen allmählich an zu frieren. Bis der ganze Schacht am Niesen und Husten war. Vorne, im Eingangsbereich zur U-Bahn, füllte sich eine Pfütze immer weiter mit Regenwasser, so dass die Leute drum herum sprangen, und es immer enger wurde. Und dann endlich, nach einer halbe Stunde, hörte es endlich auf zu regnen und ich ließ mich mit der Menschenmasse nach draußen treiben, durch die große Pfütze, die nun bereits den gesamten Eingangsbereich einnahm. Knöchel tief . Nach einer weiteren halben Stunde waren alle Zelte, die vom Wind entweder beschädigt oder weg geflogen waren, wieder aufgebaut und die Sonne schien wieder. Sie trocknete unsere nassen Klamotten und Füße. Man konnte denken, den Regen nur geträumt zu haben, und der Karneval der Kulturen begann von neuem.
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