KAISERSCHMARRN - die Kolumne "Schön überheblich"
Von Malte Oberschelp
Deutschland im Halbfinale! Und jetzt erwarten alle die Revanche gegen Kroatien. Das muss sich aber erst heute gegen die Türkei beweisen. Kroatien könnte dabei an der eigenen Selbstüberschätzung scheitern. Also doch gegen die Türken? Für Berlin wäre das ein Fest.
Erinnert sich noch jemand an das Viertefinale Deutschland gegen Kroatien bei der EM 1996? Dieses Spiel war, was man gemeinhin knüppelhart nennt. Gleich nach ein paar Minuten trat Jürgen Klinsmann einem enteilenden Gegenspieler von hinten die Beine weg. Man habe demonstrieren wollen, dass man sich nichts gefallen lässt, begründete der Kapitän. Die Kroaten machten sich dieses Motto ebenfalls zu eigen – schließlich besaßen sie damals einen Trainer, der es mit der Fußball-ist-Krieg-Metapher ziemlich ernst meinte. Höhepunkt des Abends war eine Aktion von Slaven Bilic, der im Mittelfeld auf Christian Ziege herumsprang. Am Ende gewannen die Deutschen mit 2:1.
Ebenjener Slaven Bilic ist mittlerweile Kroatiens Nationaltrainer. Als solcher hat er seinem Team eine ruhigere Gangart verpasst, ohne auf den guten Fußball der Ära Boban und Prosinecki zu verzichten. Nachdem die Kroaten in der Qualifikation spektakulär England hinter sich gelassen hatten, gelten sie – vor allem bei sich selber – als Mitfavorit auf den Titel. Ein paar Anhaltspunkte dafür gibt es sogar: Josip Simunic spielt im Nationalteam regelmäßig besser als bei der Hertha, Mladen Petric ist ein richtig guter Mann, und außerdem hat man den einzigen Stürmer auf der Welt im Team, der eine Nierentransplantation überstanden hat. Nicht zu vergessen den blutjungen Spielmacher Luka Modric, der nach der EM für bescheidene 28 Millionen Euro nach Tottenham wechselt.
Und nach dem ersten, schwachen Spiel gegen Österreich haben die Kroaten ja auch erfolgreich Revanche genommen für die Niederlage von 1996. Die Deutschen waren ihnen beim 1:2 in fast allen Belangen unterlegen. Nimmt man auch noch die unterirdische Leistung im entscheidenden Gruppenspiel gegen Österreich hinzu, muss man auf jeden Fall sagen: Die Türken werden eine viel größere Herausforderung sein als die Deutschen. Sie haben genau das getan, was eigentlich Jogi Löws Elf im schwachen Spiel gegen Kroatien machen wollte: wirklich bis zur letzten Minute gekämpft – ein 0:1 und ein 0:2 gedreht – und teilweise sehr ansehnlich gespielt.
Der klassische Spielverlauf müsste deshalb so aussehen: Kroatien geht nicht 1:0 oder 2:0, sondern mit 3:0 in Führung. Der leichte Hang zur Selbstüberschätzung – siehe oben – führt jedoch leider dazu, dass die Türken das Ding noch in den letzten zehn Minuten drehen. Und im Halbfinale, gegen Deutschland, wird Berlin dann für eine Nacht zur Hauptstadt Europas.
Malte Oberschelp gehört zu den fünf Deutschen, die jedes Fußballbuch lesen. Früher, bei RUND, wurde er dafür bezahlt. Malte lebt in Friedrichshain, wo er viel über den kulturellen Wert des Fußballs nachdenkt.
































