KAISERSCHMARRN - die Kolumne "Noch ist die EURO 2012 nicht verloren"
Von Andreas Mix
Möönsch, schon wieder einen Tag ohne Spiel bei dieser EURO! Zeit, schon mal über die nächste – in vier Jahren – nachzudenken. Weil aber Polen und die Ukraine mit ihrem Gastgeberstatus scheinbar überfordert sind, denken wir schon mal über eine Alternativlösung nach…
Was bislang Gerücht war, ist jetzt Tatsache: Deutschland und Polen werden gemeinsam die Fußballeuropameisterschaft 2012 ausrichten. Das bestätigte der UEFA-Kommunikationsdirektor William Gaillard Carpe Berlin. Der große Verlierer ist die Ukraine, die mit Polen das Turnier ausrichten sollte. „Die anhaltenden politischen Schwierigkeiten haben den Terminplan gefährdet. Uns ist die Entscheidung sehr schwer gefallen, aber wir tragen die Sorge für ein großes Fußballfest“, so Gaillard. In Kiew nimmt man die Niederlage sportlich. Iwan Fedorenko, Vizepräsident des Ukrainischen Fußballverbands, gibt sich kämpferisch: „Wir werden jetzt zu Hause aufräumen, um dann 2016 wieder anzugreifen.“
Entsetzen löste die Entscheidung der UEFA in Polen aus. „Erst beginnen sie den Krieg und jetzt wollen sie uns auch noch die EM wegnehmen. Macht der Revanchismus der Deutschen denn vor gar nichts halt?“, fragt der ehemalige Deutschlandbeauftragte der polnischen Regierung in einem Beitrag für das Wochenmagazin „Wprost“. Bis zuletzt versuchte Präsident Lech Kaczynski zu verhindern, dass Deutschland Mitausrichter der EM wird. Als Alternative brachte das polnische Staatsoberhaupt Georgien ins Spiel, doch als Kaczynski von einem Berater erfuhr, dass die georgische Nationalmannschaft von dem Deutschen Klaus Toppmöller trainiert wird, nahm er davon Abstand. Für Muszynski ist das ein weiterer Beleg dafür, dass Deutschland seine Stellung als Hegemonialmacht in Europa ausbauen will. „Daran sollten wir uns ein Beispiel nehmen und polnische Trainer gezielt vermitteln.“ Angeblich soll auf Betreiben des Polnischen Fußballverbands Waldemar Podolski, ehemaliger Spieler in der polnischen Liga und Vater von Lukas Podolski, neuer Trainer der moldawischen Auswahl werden. Für Empörung sorgt unterdessen ein Interview von Lothar Matthäus in der polnischen Tageszeitung „Rzeczpospolita“. Der deutsche Redkordnationalspieler, derzeit Trainer beim israelischen Erstligisten Maccabi Netanya, brachte sich selbst als Nachfolger von Leo Beenhakker ins Spiel, der wegen des schwachen Abschneidens der polnischen Mannschaft bei der EM stark kritisiert wird. Im möglichen Engagement für den polnischen Verband sieht Matthäus eine Geste der deutsch-polnischen Aussöhnung: „Wer einen Lothar Matthäus kennt, der weiß, dass er auch dorthin geht, wo es weh tut.“
Dass politische Gründe bei der Entscheidung für Deutschland eine Rolle gespielt haben, wollte die UEFA nicht bestätigen. „Wir glauben an die Völker verbindende Kraft des Fußballs“, so Gaillard. Beobachter sehen darin einen Hinweis auf den Medienkrieg in den deutschen und polnischen Boulevardblättern im Vorfeld des Vorrundenspiels der beiden Mannschaften. In Deutschland freut man sich schon das sportliche Großereignis. „Mit der WM 2006 haben wir bewiesen, dass wir ein freundlicher und kompetenter Gastgeber sind“, so DFB-Präsident Theo Zwanziger. Als Spielorte stehen bereits Berlin, Leipzig, Hannover und Hamburg fest. Große Euphorie herrscht auch im Axel Springer Verlag. Dort hat man eine deutsch-polnische Arbeitsgruppe eingesetzt, die die Berichterstattung in den hauseigenen Boulevardzeitungen Bild und Fakt koordinieren soll. „Die Chance lassen wir uns nicht nehmen“, frohlockt ein Springer-Mitarbeiter. Als Kommentator konnte Springer den in beiden Ländern populären Kabarettisten Steffen Möller gewinnen. Offizielle EM-Beauftragte Deutschlands werden Franz Beckenbauer und die Präsidentschaftskandidatin Gesine Schwan. „Ihr Wahlkampf wird dann halt auf beiden Seiten der Oder stattfinden, aber das ist für sie kein Problem“, verrät ein enger Mitarbeiter Schwans. Beckenbauer und Schwan planen eine Rundreise durch alle sechzehn polnischen Woiwodschaften, um für die gemeinsame Ausrichtung der EM zu werben. Das Auswärtige Amt hat die polnischen Behörden bereits um eine Liste der Hubschrauberlandeplätze gebeten. „Der Pole an sich hat nichts gegen die Deutschen. Und vom Fußball versteht er auch etwas“, erklärt Beckenbauer. Die Vorfreude über die Fortsetzung des Sommermärchens lassen wir uns auch nicht von Lech Kaczynski verderben. In das große deutsch-polnische Projekt willigte er nur unter der Auflage ein, dass die Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen Erika Steinbach nicht zum Eröffnungsspiel nach Warschau geladen wird. Kanzlerin Merkel signalisierte bereits Verständnis dafür. „Wenn der Ball rollt, soll die Politik schweigen“, so Merkel.
































