KAISERSCHMARRN - die Kolumne "Kulissenschieber der EURO"
Von Malte Oberschelp
Verliert die Schweiz heute gegen die Türkei, dann ist sie raus. Aus einem Turnier, dass grad erst Fahrt aufnimmt. Es hat ohnehin den Anschein, als spielten die Schweizer lediglich Kulissenschieber im alpenländischen Spielort der EURO.
Hat sich die Schweiz wirklich auf die EURO gefreut? Zweifel sind angebracht. So stark wie selten kochte bei den Eidgenossen jüngst die Diskussion über die vielen Gastarbeiter im Land hoch. Gemeint sind in erster Linie natürlich die lieben Nachbarn im Norden, die man unterhalb des Rheinknies gerne als „Schwaben“ zusammenfasst. Zehntausende Deutsche arbeiten mittlerweile in der Schweiz, sie gelten gemeinhin als laut, arrogant, besserwisserisch – und jetzt kommen auch noch elf Fußballspieler und ein Tag und Nacht herumgrölendes Fankorps in Invasionsstärke dazu.
Als hätten die Schweizer nicht schon genug Sorgen, die am Selbstbewusstsein nagen. Die kolossal pleite gegangene Swissair gehört jetzt der Lufthansa und macht plötzlich wieder Gewinn – nur dass davon nichts im Land bleibt. Der Franken, dessen Wechselkurs jahrzehntelang unverrückbar war wie das Matterhorn, ist so stark gefallen, dass allmählich sogar die Deutschen zum Einkaufen über die Grenze kommen. Und die Großbank UBS musste wegen der US-Immobilienkrise Anteile an ein arabisches Emirat verkaufen. Zugegeben, liebe Schweizer, schön ist das nicht – aber wenigstens war es nicht die Deutsche Bank.
Und die Nationalelf – liebevoll „Nati“, sprich: „Nazi“ genannt – ist auch nicht mehr so stark wie sie einmal schien. Von der großen Euphorie während der WM 2006, als die Schweiz mit prima Fußball ins Achtelfinale vorstieß, ist nicht mehr viel übrig. Trainer Köbi Kuhn hat die Mannschaft mit vielen personellen und taktischen Rochaden eher verwirrt als weiterentwickelt. Man denke nur an das 0:4 gegen Deutschland in Basel. Kuhn persönlich hat an die Teutonen auch nicht die besten Erinnerungen: Als bei der WM 1966 das erste Gruppenspiel gegen Deutschland anstand, wurde er suspendiert, weil er mit ein paar jungen Engländerinnen einen Ausflug nach Sheffield unternommen hatte.
Immerhin haben große Teile der Schweizer Bevölkerung viel versprechende Alternativen, sollte es mit der eigenen Mannschaft nicht so klappen. In der französischsprachigen Region um Genf und Lausanne munkelte man schon öfter, dass es bei Treffern der Equipe Tricolore verhaltene Torschreie in den Wohnzimmern gab. Der Kanton Tessin könnte in ähnlicher Weise zur Squadra Azzurra überlaufen.
Doch bei allem Übel hat die EURO für die Schweizer auch ihr Gutes: Irgendwann ist sie vorbei, und dann wird Ottmar Hitzfeld neuer Nationaltrainer. Wenigstens ein Deutscher, auf den sich die Eidgenossen richtig freuen.
Malte Oberschelp gehört zu den fünf Deutschen, die jedes Fußballbuch lesen. Früher, bei RUND, wurde er dafür bezahlt. Malte lebt in Friedrichshain, wo er viel über den kulturellen Wert des Fußballs nachdenkt.


































