KAISERSCHMARRN - die Kolumne "Hecho en Inglaterra"
Von Andreas Mix
Vor einigen Tagen begründete an dieser Stelle Kaiserschmarrn-Autor Martin Krauß, warum Spanien niemals ein großes Fußballturnier gewinnen wird. Hier nun eine Erklärung FÜR den EURO-Favoriten Spanien.
Emma machte mich schon vor der EURO stutzig. Unter diesem Namen gewann der BVB-Fan in den letzten drei Jahren alle Bundesliga- und WM-Tippspiele, an denen ich teilnahm. Emmas Favorit für die Europameisterschaft ist Spanien. Ich war also gewarnt. Wirklich überzeugt haben mich dann aber die Auftritte des Teams von Luis Aragonés. Viele halten ihn für den iberischen Rehhagel: Ein aus der Zeit gefallener Kauz, der in Pressekonferenzen Anekdoten erzählt und Journalisten schurigelt. Doch anders als Rehhagel lässt Aragonés einen modernen Offensivfußball spielen. Bekanntlich beherrschten spanische Mannschaften bereits das Kurzpassspiel als in Deutschland noch der Sechzigmeterpass als große Fußballkunst gepriesen wurde. Doch inzwischen versteht es die „Seleccion“ nicht bloß den Ball über fünfundzwanzig Stationen im Mittelfeld kreiseln zu lassen, sondern auch gefährlich vors Tor zu bringen. Liegt der plötzliche Erfolg an der Ausbootung von Raúl? Der Star von Real Madrid war in den letzten Jahren der Antitalisman in Person für die spanische Nationalmannschaft. So schoss er im Viertelfinale gegen Frankreich bei der EM 2000 in letzter Minute einen Foulelfmeter übers Tor und Spanien damit aus dem Wettbewerb. Dass Aragonés den Rekordnationalspieler und -torschützen trotz einer formidablen Saison nicht nominierte, zahlt sich bislang jedenfalls aus. Mehr noch jedoch die Aufstellung der Auslandsspanier. Die Migration im spanischen Fußball ist gegenläufig zu den sozialen Wanderungsbewegungen. Jahrzehntelang exportierte Spanien Arbeitskräfte und importierte Fußballer. Die machten die Primera División zu einer der stärksten Ligen Europas. Seit einigen Jahren haben sich die Verhältnisse jedoch geändert: Spanien ist Einwanderungsland geworden und exportiert erfolgreich Fußballer, bevorzugt nach England. Allein im Kader vom FC Liverpool, der vom Madrilenen Rafael Benítez trainiert wird, stehen fünf Spanier. Drei von ihnen gehören zu Aragonés’ Aufgebot. Mit Xabi Alonso und Fernando Torres sind auch zwei Leitungsträger darunter. Ein weiterer, Cesc Fàbregas, spielt bei Arsenal. Sie alle kombinieren Spielstärke und Lauffreude mit einem robusten Zweikampfverhalten. So schoss Torres bereits in seinem ersten Jahr in der Premier League vierundzwanzig Tore. Die junge spanische Mannschaft hat also ein ganz anderes Gesicht als ihre misserfolgsgewöhnten Vorgänger. Vom Meister Real Madrid kommen bloß zwei und vom FC Barcelona drei Spieler. Das größte Kontingent stellt der FC Valencia, der eine Grottensaison spielte. Sollte Spanien sich im Viertelfinale gegen die wiedergeborenen italienischen Verwaltungsfußballer durchsetzen, so wären sie mein Titelfavorit – und Emma gewänne wieder einmal ein Tippspiel. Wer es dagegen mit Martin hält, der mag sich an die WM 2006 erinnern. Da fegte Spanien in der Vorrunde die Ukraine, Tunesien und Saudi Arabien vom Platz und scheiterte dann kläglich an Frankreich, das mit Mühe die Vorrunde überstand.
Andreas Mix lebt im Wedding, ist deshalb aber noch lange kein Hertha-Fan. Lieber spielt er selbst. Ansonsten schreibt der Historiker Hintergründiges, für das Feuilleton der Berliner Zeitung. Auch da gibt es Menschen, die Fußball mögen.
































