KAISERSCHMARRN - die Kolumne "Fußball aus der Dose"
Von Malte Oberschelp
Noch zweimal Schlaf vorholen – heißt es in Berlin, wo die Nacht nach dem Halbfinale am Mittwoch gegen die Türkei schlaflos wird. In jedem Fall. Bis dahin liegen auch noch zwei spielfreie Tage vor uns, die mit Fußball aus der Konserve auch nicht zu retten sind.
Der Fußballfan schaut gerne zurück. Dorthin, wo die großen Erfolge liegen,
wo die Spieler noch echte Kerle waren und Ernst Huberty die "Sportschau"
ansagte. Das Gute daran ist: Diese Zeiten kommen garantiert nicht wieder.
Weshalb der nostalgisch veranlagte Fan nie in die Verlegenheit geraten
wird, den Mythos mit der Wirklichkeit abzugleichen.
Das gleiche gilt für Fußballspiele. Einen Sieg vorausgesetzt, erscheint
selbst der müdeste Kick spätestens beim Nachspiel in der Kneipe schon viel
besser gewesen zu sein, als er jemals war. Die Erinnerung verklärt, und
einige Jahre später ist aus einem völlig unverdienten Sieg ein triumphaler
Sturmlauf der eigenen Mannschaft geworden.
Wer gerne in solchen Erinnerungen schwelgt, sollte sich nicht die DVDs der
EM-Klassikersammlung anschauen, die seit Wochen an den Kiosken verkauft
werden. Es geht dabei meist um Spiele mit deutscher Beteiligung seit der
EM 1972. Wer sich auf das Abenteuer einlässt, muss darauf gefasst sein,
dass so mancher überlebensgroße Held im leisen Surren des DVD-Spielers auf
Originalmaß zurückschrumpft.
Nehmen wir doch gleich die EM 1972, die erste an der Deutschland teilnahm.
Das damalige Team gilt heute als absolute Über-Mannschaft, die nicht nur
den Titel holte, sondern auch das erste Mal im Wembley-Stadion gewann. In
diesem Spiel gegen England wurde vor allem Günter Netzer zum Mythos, der
aus der Tiefe des Raumes kam. Doch schaut man sich das Spiel an, ist die
deutsche Mannschaft bei weitem nicht so stark gewesen. In der ersten
Hälfte spielte sie tatsächlich gut und ging in Führung. Doch nach der
Pause ging gar nichts mehr. Auch Netzer, der zuvor einige schöne Sololäufe
gezeigt hatte, schaffte keine Entlastung mehr. England glich verdient aus.
Den 3:1-Sieg verdankte die deutsche Mannschaft nur zwei glücklichen Toren
in den letzten zehn Minuten.
Bei der EM 1980 ist es eher umgekehrt. Wer an die Ära Jupp Derwall denkt,
dem fällt als erstes das Skandalspiel in Gijon bei der WM 1982 und Toni
Schumachers Foul gegen Patrick Battiston ein. Doch zwei Jahre zuvor waren
die heute geschmähten Spieler das einzige gute und offensive Team der EM
in Italien. Im Finale sieht man einen Bernd Schuster in Höchstform - kein
Wunder, dass ihn gleich er FC Barcelona kaufte.
Auf so unterschiedliche Weise können Erinnerungen trügen.
Malte Oberschelp gehört zu den fünf Deutschen, die jedes Fußballbuch lesen. Früher, bei RUND, wurde er dafür bezahlt. Malte lebt in Friedrichshain, wo er viel über den kulturellen Wert des Fußballs nachdenkt.
































