KAISERSCHMARRN - die Kolumne "Englische Pfeifen"
Von Malte Oberschelp
Na gut, Ballack hat sich vor dem 3:1 gegen Portugal aufgestützt. Der Schiri fand´s nicht so schlimm. Denn bei dieser EURO wird englisch gepfiffen. Ballack kennt das schon, und Luiz Felipe Scolari wird sich als Trainer des FC Chelsea dran gewöhnen müssen.
Die Messlatte lag hoch. Nachdem der englische Schiedsrichter Graham Poll bei der vergangenen WM ein und demselben Spieler drei Gelbe Karten verpasst hatte, mussten die Schiedsrichter in Österreich und der Schweiz schon einiges auf den Platz bringen, um Poll zu überbieten. Drei Gelbe Karten? Zwei Rote? 15 Minuten nachspielen lassen, bis die favorisierte Mannschaft gewinnt?
Doch nichts dergleichen. Es ist eher umgekehrt: Die Leistungen der Schiedsrichter bei der EM sind wenn auch nicht fehlerfrei, dann doch auf hohem Niveau. Es ist auffällig – gerade im Vergleich zur Bundesliga – wie viele denkbar knappe Abseitsstellungen richtig entschieden werden. Noch angenehmer: Bei der EM wird nicht jedes Mal automatisch gepfiffen, nur weil sich ein Spieler am Mittelkreis nach einer leichten Berührung hinfallen lässt. In der Bundesliga gilt genau das Gegenteil. Auch deshalb sind die EM-Spiele schneller.
Und wenn es mal eine Fehlentscheidung gibt, dann wird sie spätestens von Urs Meier im ZDF-Studio wieder revidiert. Der „Experte“ und Ex-Schiedsrichter hat es in den Jahren seines Bildschirmwirkens selten fertiggebracht, einen seiner ehemaligen Kollegen eines Fehlers zu überführen. Vor ein paar Tagen behauptete er anlässlich eines Italien-Spiels doch glatt, der Elfer im Achtelfinale gegen Australien sei wirklich einer gewesen. Jürgen Klopp fuhr im einfach über den Mund und analysierte weiter. Dafür lieben wir ihn.
Aus den allgemeinen EM-Niveau ist nur der österreichische Schiri mit dem schönen Namen Konrad Plautz ausgeschert. War sein erster Auftritt im Spiel Spanien – Russland noch einigermaßen erträglich, hat er in der Partie Schweiz – Portugal dann alles nachgeholt. Klarer waren bei diesem Turnier noch keine Elfmeter, als die beiden, die er Portugal verweigerte. Dazu verweigerte er dem Favoriten ein astreines Tor wegen angeblichem Abseits und krönte seine Leistung mit einem Elfmeterpfiff, der keiner war – diesmal für die Schweiz.
Symptomatisch eine Szene, in der ein portugiesischer Ellenbogen für eine schweizer Platzwunde an der Stirn sorgte – Plautz pfiff nicht einmal Foul. Man darf auf den Erlebnisbericht unter www.konradplautz.com gespannt sein, der nach dem ersten Spiel noch so euphorisch ausfiel. Im „kicker“ bekam er jedenfalls die Note 5,5. Seinen Einsatz im Viertelfinale hat Plautz sich jedenfalls selber verbaut.
Malte Oberschelp gehört zu den fünf Deutschen, die jedes Fußballbuch lesen. Früher, bei RUND, wurde er dafür bezahlt. Malte lebt in Friedrichshain, wo er viel über den kulturellen Wert des Fußballs nachdenkt.
































