KAISERSCHMARRN -die Kolumne "Als wir noch deutsch spielten"
Von Andreas Mix
Vor dem Spiel gegen Kroatien heute reden alle von Christian Wörns und Davor Šuker, WM 1998. Schöner ist es aber, sich der Erfolge zu erinnern. Bei der EM zuvor in England wurden die Kroaten geschlagen. Damals reichten die deutschen Tugenden noch zum Sieg.
„Immer wenn Deutschland sein erstes EM-Spiel gewonnen hat, wurde es am Ende auch Europameister“. Diesen Satz brachte Béla Réthy beim Polenspiel am vergangenen Sonntag gleich mehrfach an. Seither drängt sich der Vergleich mit 1996 auf. Und sollte Deutschland heute gewinnen, werden wir ein Feuerwerk der ´96er Analogien erleben. Dabei lag im EM-Sieg von 1996 gegen Kroatien bereits der Keim für den späteren Abstieg des deutschen Fußballs. In keinem Spiel wurde das so sichtbar wie im Viertelfinale gegen Kroatien. Es war der letzte Triumph der Tugenden, die im Fußball als deutsch gelten.
Auch sechs Jahre nach dem WM-Erfolg hatte kein grundlegender personeller Neuaufbau in der Nationalmannschaft stattgefunden. Der strukturkonservative Berti Vogts baute auf sechs Stammspieler, die schon 1990 zum Aufgebot gehörten. Zum Kopf der Mannschaft entwickelte sich jedoch Matthias Sammer. Angeblich erkor der Bundestrainer den Dresdner bei einem langen gemeinsamen Spaziergang während des US-Cups 1993 zum kommenden Führungsspieler. Neben Sammer, der als Libero offensiv vor der Abwehr spielte, glänzte der Bremer Dieter Eilts. Seine Rolle als „Staubsauger“ im Mittelfeld beschränkte sich im Wesentlichen auf das Ablaufen und Erobern von Bällen. Damit glich er mehr einem Wasserträger aus den siebziger Jahren wie Herbert Wimmer als einem modernen Sechser, der das Angriffsspiel aus der Defensive eröffnet.
Kroatien, das erstmals an einer EM teilnahm, hatte sich vorzeitig fürs Viertelfinale qualifiziert. Im letzten Vorrundenspiel bot Trainer Miroslav Blažević eine B-Elf auf, die gegen Portugal 0:3 verlor und damit den Gruppensieg verschenkte. So kam es in Old Trafford am 23. Juni zum ersten Duell zwischen Deutschland und Kroatien seit 1942. Damals war der Ustaša-Staat Verbündeter des NS-Regimes und damit einer der wenigen möglichen Fußballgegner. Das schien Blažević entfallen sein, als vor dem Spiel von den „deutschen Stukas und Messerschmidts“ sprach, die es mit „Kamikazefliegern“ abzuwehren gelte. Mit seinen verbalen Ausfällen („Fußball ist wie Krieg, und manchmal stirbt auch einer.“) brachte er dem Team ein Jahr nach dem Ende des blutigen Unabhängigkeitskampfs jedenfalls keine Sympathien ein. Dass die Begegnung streckenweise in eine munterere Treterei ausartete, war aber nicht allein die Schuld der Kroaten. Bereits nach fünf Minuten senste Sammer Mario Stanić in feinster Mark von Bommel-Manier um. Kurz darauf erhielt auch Jürgen Klinsmann für ein Foul an Goran Vlaović die Gelbe Karte. Klinsmann brachte die Deutschen mit einem verwandelten Handelfmeter in Führung, doch noch vor der Halbzeit musste der Kapitän nach mehreren rüden Attacken der kroatischen Abwehrspieler ausgewechselt werden. Im Spiel verloren die Kroaten zunehmend die Nerven. Negativer Höhepunkt war der Tritt von Slaven Bilić, dem heutigen kroatischen Nationaltrainer, nach dem auf dem Boden liegenden Christian Ziege. Während Bilić nicht einmal verwarnt wurde, flog Igor Štimac nach einem Foul an Mehmet Scholl in der 56 Minute vom Platz. Kurz zuvor hatte Davor Šuker, der nach der EM zu Real Madrid wechseln sollte, den Ausgleich erzielt. Nun schlug die Stunde von Matthias Sammer. Unermüdlich trieb er die Mannschaft nach vorn. Seine Energieleistung krönte er mit dem Treffen zum 2:1, den er im bezeichnenderweise im Nachsetzen erzielte. „Sammer und der Schiedsrichter bringen Deutschlands ins Halbfinale“, titelte die „Gazzetta dello Sport“. Es war ein Sieg, wie er deutscher nicht sein konnte: Ehrgeiz, Kampfkraft und Ausdauer siegten über die spielerische Klasse der Kroaten, die mit Zvonimir Boban vom AC Milan über einen der besten Kreativspieler Europas verfügten. Die Zeit des reinen Kraft- und Kampffußballs war jedoch vorbei. Zwei Jahre später gingen die Deutschen bei der WM in Frankreich gegen eine nahezu identische kroatische Elf mit 0:3 unter. Die spielerischen und taktischen Defizite, die dabei offenbar wurden, konnten erst Jahre später aufgeholt werden. Den Niedergang hätte auch Matthias Sammer nicht aufhalten können. Ein Jahr nach seinem vielleicht besten Spiel musste der letzte reine deutsche Willensfußballer seine Karriere in der Nationalmannschaft verletzungsbedingt beenden.
Andreas Mix lebt im Wedding, ist deshalb aber noch lange kein Hertha-Fan. Lieber spielt er selbst. Ansonsten schreibt der Historiker Hintergründiges, für das Feuilleton der Berliner Zeitung. Auch da gibt es Menschen, die Fußball mögen.


































