Hamburger sind keine Berliner
Alle Welt liebt Berlin: Die Schwaben, Russen, Polen, Türken, Latinos, Amis, Italiener, sogar die traditionsbewussten Rheinländer. Bloß die Hamburger kommen hier nicht klar. Warum bloß? Vielleicht findet sich eine Antwort auf einer Reise in die Hansestadt.
Von Olaf Sundermeyer
Die Weltgemeinschaft läuft sich im Internet zufälliger über den Weg als auf der Straße. So traf ich neulich auf der weltberühmten Seite von Spiegel-Online auf einen Kollegen, der seit einigen Monaten in Berlin lebt. Vorher wohnte er in Hamburg. In Berlin sind wir uns bislang persönlich nicht begegnet. Auf jeden Fall behauptete er in seiner Kolumne im wichtigsten deutschen Nachrichtenportal, dass er „eigentlich lieber in einer Stadt leben würde, die schön ist“. Keine Frage: Er vermisst Hamburg, weil Berlin für die Hamburger nicht funktioniert. Warum wohl? Vielleicht weil Hamburg die einzige tatsächliche Großstadt ist, die ihren dörflichen Charakter bewahrt hat. Und den haben dort wahrscheinlich sehr viele Menschen lieb gewonnen, zu denen wohl auch Jörg Pilawa gehört. Der gibt fürs Erste, also für die ARD, zwar den Johannes Baptist Kerner („Ich bin ein Air Berliner“), also eine moderierende Wunderwaffe mit ständigen Auftritten in der Hauptstadt. Aber zuhause ist er in Bergedorf, einer Art Spandau im Südosten Hamburgs. Im Zug dorthin lese ich ein Interview mit Jörg Pilawa, wo er auf die Frage, welche Zeitung er liest antwortet: „Die Süddeutsche Zeitung und die Bergedorfer Zeitung, mein Heimatblatt.“ In Hamburg angekommen reihen sich also die Termine aneinander, ist ja schließlich ´ne Medienstadt. Der Job bringt gelegentliche Besuche an der Alster mit sich. Und natürlich kennt jeder in der Hamburger Medienszene jeden. Alle haben schon mal hier und dort gearbeitet und jeden kennen gelernt. Am Abend dann, am Bahnhof Bergedorf, triffst Du sogar noch den Pressesprecher eines großen Boxstalls, der „schon lange“ in Bergedorf wohnt. Ach so! Dachte außer meinem Kumpel, dessen schönes Gästezimmer ich heute nutzen darf, wohnt hier niemand. Aber Hamburg ist eben ein Dorf. Morgens dann kommt der Kumpel pfeifend vom Bäcker und schmeißt die Brötchen auf den Tisch, dazu die Süddeutsche Zeitung und die Bergedorfer Zeitung. Sach mal, sach ich: Weißt Du eigentlich, dass der Pilawa in deiner Nachbarschaft wohnt? Klar, sagt mein Freund; manchmal treffe ich ihn auf dem Spielplatz. Auf Hamburger Spielplätzen sind die Mütter fesch, tragen Designerjeans und machen gerne auf Freizeit. Mit so New-York-Yankees Basecaps, die sie über ihre blondierten Pferdeschwänze stülpen, die nur ganz leicht wippen, wenn sie diese wilhelminischen Kinderwägen mit den riesigen Rädern vor sich her schieben, die bloß in Geländewagen der Marken BMW, Audi, Volvo oder Mercedes passen. Und die müssen natürlich dunkelblau sein, oder schwarz. Viele dieser Mütter haben gespritzte Lippen. Fällt mir auf. Außerdem tragen sie Sonnenbrillen zum Gegenwert eines Campingurlaubs auf Kreta. Keine Frage: Hamburger Frauen unterscheiden sich deutlich von den Berlinerinnen. Vielleicht, weil denen die Männer fehlen, die sich diesen versnobten Stil an ihren Frauen leisten können. Vielleicht, weil die Berliner Frauen auf andere Dinge wert legen. Ich werde dieser Frage nachgehen. Auf dem Weg zum Bahnhof denke ich darüber nach. Auf Gleis acht dann, wo der ICE um 16:05 Uhr nach Berlin-Südkreuz fährt, ist schon Berlin. Keine Hose über 100 Euro, Rucksäcke statt Samsonite Koffer; Schlipse gibt es nur auf den anderen Gleisen. Nach dem Ausstieg am Ostbahnhof rauscht dann ein Mädel im Parker auf einem alten schwarzen Mountainbike vorbei; neben ihr läuft ein Labrador. Sie schnauzt mich an, obwohl ich gar nicht auf dem Radweg stehe, aber in ihrem Weg. Herrlich diese Stadt!
































Wenn ich die ganze Zeit in Charlottenburg abhängen würde, wäre mein Berlinurteil vielleicht das gleiche wie Dein Hamburgurteil...
Ein zugezogenenr Hamburger