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Carpeberlin - Being a visitor - not a tourist

Meinung Meinung
Donnerstag, 05. Juni 2008 13:00 • 

Von: carpeberlin

Grüne Stadt an der Spree?

Landwehrkanal

Berlin wirbt mit seinem Image als grüne Großstadt. Tatsächlich gibt es hier mehr Natur als in den meisten Metropolen: Wälder und Seen, mehr als 2500 öffentliche Grünanlagen und über 400 000 Straßenbäume sorgen für ein gutes Stadtklima, wirken dem Treibhauseffekt entgegen, locken Touristen an und bieten den Berlinern vielfältige Erholungsmöglichkeiten. Außerdem ist die Stadt längst zum Rückzugsgebiet für viele Tier- und Pflanzenarten geworden, die in der Kulturlandschaft keine Lebensräume mehr finden. Von Marianne Weno – Stiftung Naturschutz Berlin

Reichtümer verkommen


Das Grün ist also so etwas wie das „Tafelsilber“ Berlins, und man sollte meinen, dass es sorgfältig geputzt wird. Schließlich gehört es zum Anlagevermögen der Stadt und erhöht ihren Wert als Wohn-, Investitions- und Tourismusstandort. Aber die Kassen sind leer und so läßt man Reichtümer verkommen, die man in Zukunft fast noch nötiger brauchen wird als heute. 80 Millionen Euro im Jahr lässt sich der Senat die Pflege der öffentlichen Grünflächen kosten. Das klingt ganz gut, ist aber nur halb so viel wie noch vor zehn Jahren und viel zu wenig für die Größe der Aufgabe. Die Bezirke verfügen über die Gelder und nutzen sie öfter auch, um in anderen Bereichen Löcher zu stopfen. Das Ergebnis ist an vielen Orten zu besichtigen, kaum an repräsentativen Plätzen in der Innenstadt, aber umso mehr in den Randbezirken, in die sich Touristen selten verirren. Es gibt vier Pflegeklassen. Für die Flächen der vierten Klasse fällt kaum noch etwas ab.

Die Pflege der Grünflächen ist Aufgabe der Bezirke und meist sind die Grünflächenämter dafür zuständig. Dort wurden in den letzten Jahren ständig Stellen abgebaut und durch Ein-Euro-Jobber ersetzt. 5000 sollen es jetzt schon sein, und sie erledigen häufig Arbeiten, die eigentlich Fachkräften überlassen bleiben sollten. In einigen Bezirken wurde die Zahl der festen Mitarbeiter fast halbiert. Auch werden preisgünstige Fremdfirmen mit Pflegearbeiten beschäftigt, die nicht immer sachkundig arbeiten und von den ausgedünnten Ämtern kaum kontrolliert werden.
„Berliner Bürstenschnitt“

Das Ergebnis: 2005 wurden 4.182 Straßenbäume gefällt und 2.520 ersetzt, 2006 war das Verhältnis 3.625 zu 2.726. Es gibt spektakuläre Fälle, die zeigen, wie viel Ahnungslosigkeit bei der „Grünpflege“ im Spiel ist. So wurden in Reinickendorf zehn gesunde Eschen gefällt, weil eine Praktikantin sie für unerwünschte Götterbäume hielt. Aber auch der Alltag in Parks und auf Grünflächen sieht düster aus. Unsinnig genug ist es, wenn jetzt überall röhrende Laubbläser das halb verrottete Laub unter den Gehölzen beseitigen – und mit ihnen die dort lebenden Insekten, Larven und Puppen. Ein anderes Beispiel: Überall sieht man den „Berliner Bürstenschnitt“. Gehölze, die aus Kostengründen über Jahre nicht beschnitten wurden, werden zum Ausgleich nun auf Kniehöhe gestutzt. Eine der Folgen neben dem unansehnlichen Anblick: Immer mehr Nistmöglichkeiten gehen verloren.

Der nächste Streich...

... könnte ein Beschluss im Rat der Bürgermeister sein. In den Bezirken sollen einheitlich zehn Fachämter gebildet werden, um die bisher unterschiedlichen Strukturen zu ersetzen. An sich ein sinnvolles Unternehmen, das nur leider gerade da in die falsche Richtung zu gehen scheint, wo es um die Zukunft der Stadtnatur geht. Geplant ist, die Grünflächenämter aufzulösen. Für Unterhaltung und Neubau von Grün- und Freiflächen soll künftig ein Tiefbau- und Landschaftsplanungsamt zuständig sein. Für Natur- und Artenschutz, Umweltordnungsaufgaben, Umweltplanung und Beratung soll ein neues „Umwelt- und Naturschutzamt“ entstehen. Unerfindlich bleibt, warum nicht ein gemeinsames Amt für alle Grünbereiche zuständig sein kann, und warum ausgerechnet der Tiefbau, bisher allein für das Straßenland zuständig, nun völlig fachfremde Aufgaben mit übernehmen soll.
Gegen diese Pläne wenden sich Umwelt- und Fachverbände sowie Mitarbeiter der Bezirksämter - offenbar vergeblich. Befürchtet wird, dass künftig an die Stelle von Gartenbauingenieuren Fachleute für den Straßenbau entscheiden und Prioritäten zu Lasten der Natur gesetzt werden. Absurd erscheint es, die Pflege der Grünanlagen vom Natur- und Artenschutz zu trennen, da nur beides zusammen die Vielfalt und den ökologischen Wert des Stadtgrüns erhalten kann. So werden sich die Arbeitsfelder beider Ämter oft überschneiden und Reibungsverluste unvermeidlich sein. Für einzelne Entscheidungen könnten künftig zwei oder drei Stellen zuständig sein, wobei die Frage, wer die Kosten trägt, wohl manch gute Idee im Keim ersticken dürfte.
Das Grün in der Stadt zu erhalten und zu entwickeln ist eine langfristige Aufgabe. Sie braucht Konzepte – und Geld, das in Berlin knapp ist. Aber die Alternative für die Zukunft wäre „Die graue Stadt an der Spree.“

Keywords: Marianne Weno, Natur, Stiftung Naturschutz Berlin

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