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Montag, 30. Juni 2008 14:11 • 

Von: carpeberlin

KAISERSCHMARRN - die Kolumne "EM 2012 auf der Kippe"

Von Olaf Sundermeyer

 

Nach der gelungenen EM 2008 stehen die Ausrichter der EM 2012 im Zweifel. Deshalb reist Uefa-Präsident Platini nun zu einem Kontrollbesuch nach Polen und in die Ukraine

Vor der Abreise nach Warschau hat Michel Platini seinen Gastgebern eine klare Botschaft geschickt. „Wenn es in Kiew und Warschau keine Stadien gibt, findet die EM dort nicht statt“, sagte der Uefa-Präsident in Wien. Dass die Bedingungen in Polen und der Ukraine andere sein würden als in Österreich und der Schweiz, dürfte die Uefa schon im April vergangenen Jahres gewusst haben, als sie das Turnier 2012 nach Osteuropa vergab. Aber mit dem beinahen Stillstand der Vorbereitungen hat sie wohl nicht gerechnet. Das Projekt EM 2012 hat sich in einem Netz aus Vetternwirtschaft, politischer Profilierung und mangelnder Erfahrung verheddert. Es geht um Korruption, um die Sicherheitsfrage, und um die Infrastruktur, wie funktionierende Verkehrsverbindungen, Hotels und Stadien, die dem Uefa-Standard entsprechen. In Warschau und in Kiew, wo Eröffnungsspiel und Finale der EM 2012 stattfinden sollen, kann Platini zwei traurige Orte besichtigen. An der Weichsel wurde der Bauplatz von Unkraut und politischem Zwist überwuchert, und in Kiew steht der Modernisierung des Olympiastadions und seiner Fluchtwege der Rohbau eines Einkaufszentrums im Weg. Vor dem Abriss müssen erst Entschädigungsforderungen geklärt werden. So brach angesichts des Kontrollbesuches von Platini in beiden Ländern hektische Betriebsamkeit aus. Die polnische Regierung hat dieser Tage die Finanzierung des Nationalstadions beschlossen. Und in der Ukraine hat das Sportministerium die Zusammenarbeit mit einer taiwanesischen Baufirma gekündigt. Wegen „juristischer Probleme“. Politische Beobachter in Kiew berichten von einem Profit-Interesse einzelner Personen an der EM, ein gemeinsamer Wille um den Projekterfolg sei nicht zu erkennen. Zum Organisationskomitee gehört etwa der Schwergewichtsboxer Vitali Klitschko, der noch im Mai bei der Wahl zum Kiewer Bürgermeister gescheitert war. Oder Grigorij Surkis, Chef des ukrainischen Fußballverbandes, und als Mitglied in der Uefa-Exekutive der engste Vertraute Platinis in Osteuropa. Er schielt schon lange auf das Präsidentenamt.

Wie Surkis war auch der polnische Verbandspräsident, Michal Listkiewicz, ein Unterstützer Platinis bei dessen Wahl ins höchste Uefa-Amt - einige Monate vor der Vergabe der EM 2012. Sein Verband ist von einem Korruptionsskandal in der Liga erschüttert. Gegen mehr als 100 Personen wird wegen verkaufter Spiele ermittelt. Der profilierteste Vereinstrainer sitzt in Untersuchungshaft, mehrere Schiedsrichter, Manager, sowie der gleichnamige Sohn des ehemaligen Nationaltrainers Jerzy Engel wurden ebenfalls verhaftet. Im polnischen Fußball hat Korruption Methode. Und auch der Sportminister der abgewählten Regierung von Jaroslaw Kaczynski soll kassiert haben: Bei der Auftragsvergabe von Sportstätten. Dass so etwas bei den Stadionbauten für die EM 2012 passieren könnte, schließt der aktuelle Minister Miroslaw Drzerwiecki aus. Immerhin gibt er zu, dass „die Parlamentswahlen in Polen und der Ukraine bei der Vorbereitung der EM 2012 wenig hilfreich waren“. In beiden Ländern wurde im vergangenen Herbst gewählt. In Warschau etwa war die – später unterlegene – Kaczynski-Regierung damit beschäftigt, die Vergabe der EM 2012 als ihren Sieg zu verkaufen. Währenddessen wurden die tatsächlichen Probleme aufgeschoben, auch die Sicherheitsfrage. Premierminister Donald Tusk, der selbst Fußball spielt, und als Fan von „Lechia Gdansk“ das Gewaltproblem aus dem eigenen Stadion kennt, warnte kürzlich in einem Interview: „Wenn wir mit der Plage derjenigen Anhänger nicht fertig werden, die in den Stadien randalieren, und rassistische Schlachtrufe skandieren, ist es besser, wenn wir die EM 2012 erst gar nicht organisieren“. Der polnische Vizemeister Legia Warschau ist noch von der Uefa mit einer Sperre auf Bewährung belegt, wegen eines Gewaltexzesses seiner Anhänger im UI-Cup beim litauischen Club Vetra Vilnius. Der Vorfall gilt als Indiz dafür, dass Polen über keine so genannte Hooligandatei verfügt, die grenzübergreifend funktioniert. Zusätzlich verläuft zwischen Polen und der Ukraine ein wichtiger Teil der EU-Außengrenze. Inzwischen glaubt eine deutliche Mehrheit der Polen selbst nicht mehr daran, dass ihr Land die Vorbereitungen zur EM 2012 rechtzeitig schafft. Das ergab eine aktuelle Meinungsumfrage. Der Raum für Spekulationen über mögliche Ersatzkandidaten ist groß. Platini nennt sie allesamt „Gerüchte“. Es gebe „keinen Plan B“. Und ein Uefa-Sprecher ergänzt, dass man „noch nicht“ über Alternativen nachdenke. Eine Entscheidung soll Ende September fallen, bei der Sitzung des Exekutivkomitees in Bordeaux.

 

 

Olaf Sundermeyer durfte für RUND über Fußball schreiben. Ansonsten kommt das Thema für einen Dortmunder in Berlin viel zu kurz. Hier verkommt Fußball zur Kür. Als Pflicht schreibt er Reportagen für die F.A.Z., denn wer kann vom Fußball schon leben?

 

 

 

 

Keywords: Fußball, euro 2008, Deutschland, Olaf Sundermeyer

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