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Berlin-Kompressor
Dienstag, 09. September 2008 17:26 • 

Von: Berlin-Kompressor

Draußen hilft nur Volksmusik

Berlin ist die Hauptstadt der Jugend, ein Asyl auf der Flucht vor geriatrischer Gewalt

Von Olaf Sundermeyer

Ein kleiner Ausflug außerhalb des Berliner S-Bahn-Rings reicht aus, um zu erfahren, wie friedlich es ist im Innern von Europas „Hauptstadt der Jugend“ eigentlich ist. „Ich wusste ja noch gar nicht, dass es in der S-Bahn auch Sitzplätze für Rücksäcke gibt“, keift da eine Alte in Adlershof (Bezirk Treptow-Köpenick), wo die eher rückblickende Lebenswirklichkeit des gemeinen PDS-Rentners auf die eher vorausschauende Welt eines neu errichteten Universitätscampus trifft, einen Studenten an, bevor dieser einen Augenblick Zeit hat, verängstigt seinen Rucki vom Sitz zu nehmen. Im Bus dann stürmt ein Alter mit Tunnelblick in den Gang, schließt bei brütender Hitze sämtliche gekippte Fenster, dass es nur so knallt – und blökt dabei in einem Ton, der an Vorwurf nicht zu überbieten ist: „Hier zieht´s!!“.

Und wer – unflätiger Weise – vor einem Eiscafé im bürgerlichen Wilmersdorf sein Fahrrad vor der gestaffelten Sitzreihe abstellt, bekommt schnell die geballte Ladung geriatrischer Energie einer dieser Zweizentner-CDU-Witwen zu spüren: „Junger Mann, was fällt ihnen überhaupt ein, Ihr Fahrrad mir mitten vor die Nase zu setzen? Wenn das jeder machen würde!“.

Ganz zu schweigen von diesen drängelnden gehetzten Rentnern, die an der Kasse bei Plus oder Kaisers - am laufenden Band sozusagen – die Geduld verlieren. Was ist bloß los mit all diesen aggressiv-frustrierten-rechthaberischen alternden Menschen, die auf eine Weise Angst und Schrecken verbreiten, dass man sprachlos ist? Warum verteilen sie permanent das Gefühl, Alles besser zu wissen, und dass „die Jugend“ bloß aus dummen - sich nicht einmal richtig vermehrenden – Maden besteht, die sich an den Resten des Wohlfahrtsstaates labt? Das ist wohl eines der letzten großen Geheimnisse unserer Zeit. Dabei könnte es doch so schön sein, das Zusammenleben in einem Land, wo Kriege und Mauern aus den Köpfen der Menschen dorthin verschwinden, wo sie hingehören – in die Geschichtsbücher. Aber machen wir uns nichts vor: An diesen Alten ist kein Vorbeikommen, schließlich lebt man in einer Demokratie, wo die Mehrheit den Ton angibt und inzwischen haben die Alten eben schleichend die Macht übernommen. Bis das beschriebene Geheimnis geklärt und eine Lösung gefunden ist, bleibt nur das vorübergehende Asyl in die Hauptstadt der Jugend, irgendwohin, am Prenzlauer Berg, in Mitte, Kreuzberg, Neukölln oder in Friedrichshain.

Außerhalb müssen wir uns dem Diktat der Alten noch beugen – oder eben lächelnd damit umgehen. Wie das am besten geht, zeigt ständig die ARD: Dort machen sich junge Leute für die Alten grinsend zum Kasper und profitieren noch davon. Etwa Florian Silbereisen, dieser hochgeföhnte moderierende Rentnerversteher, der im gut bezahlten Pakt mit der Mehrheitsdiktatur die Alten so lange mit Volksmusik einlullt, sie mit dieser Audio-Droge gefügig macht, bis sie schunkeln. In diesem Zustand tun sie keinem etwas an! Wer also den gewaltfreien Raum des Berliner S-Bahn-Rings verlassen will, sollte – zum Schutz – eine Dosis Volksmusik bei sich tragen, die bei drohender Gefahr schnell abspielbar ist. Bis geschunkelt statt gemeckert wird.

Olaf Sundermeyer schreibt manchmal Reportagen für die FAZ, macht gelegentlich Fernsehen für den RBB und pendelt dabei zwischen Berlin und Warschau. Im richtigen Leben interessiert sich der gebürtige Fan von Borussia Dortmund für internationale Küche. An dieser Stelle schreibt er manchmal auf, was ihm am Herzen liegt.

Keywords: Berlin, S-Bahn, Volksmusik, Olaf Sundermeyer, Kolumne

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