Doping in Denkerkreisen. Gespräch mit dem Autor Martin Krauß über sein Buch "Wer macht den Sport kaputt?"
Im Kreuzberger Verbrecher Verlag erscheinen Bücher abseits des Mainstream. Ohne Geld und große Worte schafft es der Verlag, profilierte Autoren zu verlegen. Sie sind ein wichtiger Teil jener Atmosphäre, die Berlin zu einem Ort macht, der sich tatsächlich demokratisch nennen darf. Jetzt erschien dort der kontroverse Titel „Wer macht den Sport kaputt? – Doping, Kontrolle und Menschenwürde“ der beiden hiesigen Autoren Rolf-Günther Schulze (Redakteur Deutsche Welle TV) und Martin Krauß (freier Journalist und ehemaliger Chef vom Dienst des eingestellten Fußballmagazins „Rund“).
Nach der Lektüre kam im Café „Marx“ am Kreuzberger Spreewaldplatz dieses Gespräch mit Martin Krauß zu Stande…
Carpe Berlin: Oh Mann! Euer Doping-Buch haut gleich nach Erscheinen richtig rein. Sogar der „Focus“ hat´s gelesen, wo Lektüren, die länger als ´ne nutzwertige U-Bahnfahrt dauern sonst keine Rolle spielen. Das liegt wohl auch daran, dass der Berliner ARD-Journalist Hajo Seppelt, der das Thema Doping zum Berichterstattungsgegenstand im Ersten erhoben hat, sein Fett weg kriegt. Ihm wird unter anderem etwas „Hasspredigerhaftes“ attestiert, das ihm zum „Anti-Doping-Imam der ARD“ macht. Wie soll der normale Sportfan diese Kritik einordnen?
Martin Krauss: Hajo Seppelt wird in einem anderen Beitrag auch gelobt. Es ist halt ein Sammelband. Diedrich Diederichsen, der ja als Poptheoretiker bekannt ist, nennt Seppelt eben so, wie du es zitiert hast. Und was der Sportfan damit macht ist wie im richtigen Leben – seine Sache. Er findet es entweder falsch oder richtig, oder es ist ihm egal.
Carpe: In dem Buch sammeln sich Autoren, die einen …sagen wir … stark intellektuellen – vielleicht zu verkopften – Zugang zum Sport haben. Sind die Leser der Sport-Bild eigentlich alle Idioten?
MK: Definitiv nein. In der Sport-Bild oder der Bild finden sich, das zugeben zu müssen schmerzt, manchmal kritischere Artikel über die Zumutungen gegenüber Sportlern bei Antidopingkontrollen als in der so genannten Qualitätspresse. Dass bei Sportlerinnen die Scheide mit einem Spiegel ausgeleuchtet wird, fand sich – und zwar mit kritischem Unterton – tatsächlich in der Bild. In dem ARD-Film des Kollegen Seppelt, „Mission Sauberer Sport“, der die Dopingkontrollen zeigen wollte, finden sich solche Zumutungen gegenüber Sportlern und Sportlerinnen nicht.
Carpe: Das Buch ist nicht ohne Grund vor den Olympischen Spielen in Peking erschienen: Was wollt ihr damit erreichen? Und: Wer soll es lesen?
MK: Vor Peking und vor der Tour de France! Beides Ereignisse, die unter Dopingverdacht stehen, den man, wenn man sich umhört, eher als Dopinggewissheit verstehen kann. Unser Buch mit dem durchaus offenen Titel „Wer macht den Sport kaputt?“ richtet sich an die Leser, die Angst haben, dass unter dem Mantel des Antidopingkampfs der Sport kaputt geht.
Carpe: Nehmen wir an, dass Seppelt oder andere in Peking auf einige Dopingfälle stoßen. Dass sie möglicherweise beweisen können, wie in China eine Art strukturelles Staatsdoping – ähnlich wie früher in der DDR – existiert. Wie sollte das Internationale Olympische Komitee (IOC), wie sollten die Medien in Deutschland damit umgehen?
MK: Das sind mir zu viele Konjunktive: Bislang hat sich gezeigt, dass wer Doping sucht, auch Doping findet. Also wird was gefunden werden, keine Sorge. Das gilt unabhängig davon, ob es sachlich betrachtet wirklich schlimm ist. Dass in China Staatsdoping herrscht, wird stets behauptet. Interessant ist, dass wer sich analytisch diesen Strukturen nähert, sie nicht findet. Es gibt viel mehr in dem autoritären System in China ein starkes Interesse an Antidoping. Und die autoritären Strukturen passen ganz gut zu den Antidopingmaßnahmen, die im Westen gefordert beziehungsweise realisiert werden.
Carpe: Neben Seppelt ist auch der Sportchef der Berliner Zeitung, Jens Weinreich, ein prominenter Name unter den Dopingrechercheuren. Weil sein Name in Eurem Buch nicht auftaucht, stelle ich die Frage. Seine Zeitung hat im vergangenen Sommer wegen der Dopingskandale die sportliche Berichterstattung über die „Tour de France“ vermieden. War das die richtige Entscheidung?
MK: Das war ja kein Alleingang des geschätzten Kollegen Weinreich: Auch andere Blätter, beispielsweise in der Schweiz, hatten sich zurückgezogen. Später kamen mit ARD und ZDF ja auch größere Medien hinzu. Die Entscheidung aber, nicht über ein Weltereignis wie die Tour zu berichten, halte ich für grundfalsch. Zum einen, weil es ja nicht der Maßstab der Berichterstattung sein kann, ob man ein Ereignis befürwortet oder nicht – wenn’s das wäre, gäb’s keine Kriege, keine Nazis, keinen Terror mehr, zumindest in den Nachrichten, man hätte sich die Welt schön geschwiegen. Zum anderen ist es absurd, in dem Moment, in dem ein Skandal eskaliert, zu sagen, es sei von nun an die Aufgabe des kritischen Journalismus nicht mehr zu berichten.
Carpe: Auch die Finalspiele der Deutschen Eishockey Liga (DEL) in der vergangenen Woche wurden massiv von der Berichterstattung über den Berliner Spieler Florian Busch begleitet. Der Nationalspieler von den Eisbären Berlin hatte eine unangemeldete Dopingkontrolle verweigert. Ist dieser Fall es Wert, ihn zum Seitenaufmacher zu hieven?
MK. Das soll, wie im Grunde alles, doch jeder Leser, jeder Medienkonsument, jeder Fan für sich entscheiden. Ich persönlich finde die Frage, ob Florian Busch in ein Röhrchen gepullert hat, während ein Kontrolleur ihm aufs Geschlechtsteil glotzt, nicht sehr interessant. Ich habe auch, ehrlich gesagt, nicht den Eindruck, dass Kollegen, die dies in den Mittelpunkt ihrer DEL-Berichterstattung rücken, wirklich Ahnung von Eishockey haben.
Sein Bier hat Martin Krauss mit Olaf Sundermeyer getrunken
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