Die uniformierte Stadt
Von Olaf Sundermeyer
Vor 52 Jahren wurde die Nationale Volksarmee gegründet. Ihre Befehle erhielten die kommunistischen Krieger aus Strausberg. Das Militär hat die Stadt vor den Toren Berlins mehr geprägt, als Politik es je vermochte. Inzwischen hat die Bundeswehr das Erbe angetreten.
Strausberg - An der Klapptheke von Karolas Imbiss-Bude am zugigen S-Bahnhof Strausberg Stadt: "Peter, so luschig wie das bei euch in der Bundeswehr damals zuging, war das bei uns hier nicht. Da ging alles zack, zack, und wer das nicht wollte, dem hat der Spieß das Leben zur Hölle gemacht", sagt einer, der im Jahr, in dem seine Erzählung spielt - 1968 -, wahrscheinlich noch keinen Bauch hatte.

Damals war Strausberg noch DDR. "Und in der ganzen DDR war Strausberg ein absolutes Reizwort", sagt ein anderer Ehemaliger der Nationalen Volksarmee (NVA), die am 1. März 1956 gegründet und von hier aus befehligt wurde, aus dem "Ministerium der Nationalen Verteidigung" (MfNV). Strausberg stand für Befehl und Gehorsam und Stechschritten in steingrauen Uniformen. Das Militär war hier schon immer allgegenwärtig. Auch die Wehrmacht und die preußische Armee saßen schon hier. Zu DDR-Zeiten waren die Streitkräfte Arbeitgeber für 10.000 Menschen in der Stadt. Heute noch liegen 40 Prozent aller Arbeitsplätze in der 26.000-Einwohner-Stadt hinter Stacheldraht. 17 Dienststellen der Bundeswehr, von der "Akademie der Bundeswehr für Information und Kommunikation" bis zum "Logistikzentrum der Bundeswehr - Materialkontrollzentrum 4".
Peter, der Wessi, weiß das alles. Er nickt stumm und lässt die nächste Armeeanekdote seines Gegenübers über sich ergehen: "Kenn'Se Musikbox? Kenn'Se nich, wa?" - "Also pass uff: Wenn ein Neuer auf die Stube kommt, wird er erstmal in den Spind gesperrt. Durch die Lüftungsschlitze wird dann ein Groschen geworfen, und die anderen schütteln solange, bis der Neue anfängt zu singen." Bundeswehr-Peter ist wenig beeindruckt. "Kenn ich. War bei uns auch so."
Und dann hält eine S-Bahn und öffnet ihre Türen: Beide halten inne und schauen den kichernden Mädchen mit den neckischen Täschchen hinterher, auf denen in Siebdruck "Fanfarenzug Strausberg" steht.
"Die Hauptstadt der Bundeswehr"
"Ja, unsere Weltmeister, die stehen ja auch irgendwie in der militärischen Tradition", sagt Bürgermeister Hans Peter Thierfeld im Brustton. Denn Strausberg ist Weltmeister. Im Fanfarenzugspiel. An der Wand im Büro des parteilosen Bürgermeisters hängt neben der Partnerschaftsurkunde mit der Bundeswehr in altdeutscher Schrift ein Foto der Weltmeister in weißen Trikots; deutsche Mädchen in weißen Kniestrümpfen rahmen den Bundespräsidenten Horst Köhler und Thierfeld ein. "Das war im vergangenen Jahr, als er uns hier in der Barnim-Kaserne besucht hat", sagt er. "Hans Peter Thierfeld ist als Soldat nach Strausberg gekommen." In der dritten Person hört er sich an wie Winnetou. Und irgendwie ist er ja auch ein Krieger; als Hauptmann der Reserve nimmt er noch gerne an Übungen teil, "das ist schön kameradschaftlich". Zwölf Jahre lang diente Thierfeld als Soldat auf Zeit, seit vier Jahren nun als Bürgermeister. "Früher war Strausberg die Hauptstadt der NVA - heute ist es die Hardthöhe-Ost. Etwas übertrieben gesagt, ist es die Hauptstadt der Bundeswehr."
"Am 2.Oktober 1990 bin ich - mit der Wende - nach Strausberg gekommen und habe einen Tag später am großen Appell teilgenommen." Als Bundeswehrsoldat erlebt Thierfeld das Ende der NVA, das mit diesem Appell besiegelt wird. "Mein damaliger Chef war General Schönbohm." 50.000 NVA-Soldaten wurden an diesem Tag dem neugeschaffenen Bundeswehrkommando Ost in Strausberg unterstellt, von einem auf den anderen Tag wurden aus Feinden Kameraden. Per Befehl. So einfach ist das. Rainer Eppelmann, der als erster ziviler Verteidigungsminister der DDR die Abrüstung der NVA 1990 hier politisch umsetzte, sagt rückblickend: "Es war einfacher als wir es uns vorgestellt hatten, weil es viele Ähnlichkeiten gab, im Menschlichen, wie in der Dienstauffassung."
Der Spazierweg vom Bürgermeister in Richtung Vorstadt geht über das wohl noch preußische Trottoir der August-Bebel-Straße. Neu- und Altbauten stehen Spalier wie die Grabsteine auf dem nahen Kriegsgräberfriedhof. In der Karl-Marx-Straße ("die Thälmann geradeaus und die nächste hinter der Rosa-Luxemburg dann rein") findet man schließlich Rolf Barthel. "Bei uns haben ja bei weitem nicht so viele aus Hitlers Armee gedient wie im Westen", erzählt er. Barthel ist Jahrgang '32, und die Idee mit dem antifaschistischen Staat hat ihn zur Waffe gebracht.
"Wir hätten ja nur zurückgeschossen"
Als Kind war er ein Pimpf in Hitlers Jugendorganisation. "'Nie wieder!' hieß danach unser Motto. Dafür mussten wir den Sozialismus verteidigen. Die ganze Stadt war damals voller Uniformen, das ist ja heute nicht mehr so."
Der studierte Historiker ging als junger Mann zunächst zur Kasernierten Volkspolizei (KVP). Kurz nach ihrer Gründung folgte er der NVA nach Strausberg - ins Ministerium, "wo es so einen großen Sandkasten gab mit dem Kriegsschauplatz Europa". Barthel erlebt die Kuba-Krise und den Prager Frühling, Zeiten, in denen die NVA unter erhöhter Gefechtsbereitschaft stand. "Aber uns allen war immer klar, dass der Feind aus dem Westen zuerst schießt - wir hätten ja nur zurückgeschossen." Über die Formulierung muss er selbst lachen.
Der Major a.D. hat einen scharfen Verstand, eine ungebrochene Überzeugung und ein Haus, das ordentlicher als eine Rekrutenbude vor dem Stubendurchgang ist: Alles liegt auf Kante, so wie die Ausgaben des "Neuen Deutschland" aus den vergangenen Tagen. Strausberg ist auch die Stadt der roten Rentner. "Die meisten der ehemaligen Armeeangehörigen wählen die PDS-Punkt-Linkspartei, und viele Offiziere sind Mitglied", sagt Barthel. Traditionell stellt die PDS hier die stärkste Fraktion.
Im Laufe ihrer Geschichte, von den Anfängen der DDR bis zum großen Strausberger Appell, dienten zweieinhalb Millionen Menschen in der NVA. Barthel glaubt daran, dass sich bald etwas ändern muss in Deutschland, verbittert ist er nicht, und das wirtschaftliche Klagelied muss er auch nicht singen. "Schließlich sind wir Offiziere rentenmäßig vergleichsweise gut versorgt."
Aber für die aktiven Soldaten auf dem Gelände des ehemaligen Verteidigungsministeriums ist die Rente längst nicht sicher: Vor der Barnim-Kaserne an der Prötzeler Chaussee bläht sich zwar noch stolz die deutsche Fahne im Wind, aber wohl nur auf der echten Hardthöhe, im Bonner Verteidigungsministerium, weiß man, wie lange die Soldaten hinter diesen Mauern noch Arbeit finden.
































