Romy (Regie: Torsten C. Fischer, mit Jessica Schwarz, Thomas Kretschmann, Maresa Hörbiger u.a.)
Eine Frau zur Ikone zu erheben, bedarf es wenig: öffentliche Tränen, ein unbestreitbares Charisma und ein tragischer Tod. Manches Mal, wenn das Ableben (und die Geburt) von Ikonen so nah beieinander liegt wie im Jahr 1982, ist man beinahe versucht, an Vorsehung zu glauben: innerhalb von nur sechs Monaten verliert die Welt Romy Schneider, Ingrid Bergmann und Grace Kelly. Drei Schauspielerinnen, drei Generationen, drei tragische Enden: Krebs, Autounfall und ein gebrochenes Herz – und eine Welt, die die Trauer um Menschen vereint, die sie gekannt zu haben glaubte.
Auch Männer sterben tragisch, Männer wie James Dean, JFK oder John Lennon. Doch ihr Tod rührt nicht, er verärgert. Wenn die Welt eine Muse verliert, und sei es auch nur eine Projektionsfläche all ihrer Neurosen, Träume und Eitelkeiten, dann geht ein Riss durch ihr Herz, wie zuletzt bei Lady Di.
Im Fall der Ikonen von 1982 haben wir es gleich mit drei Schauspielerinnen zu tun. Was liegt – ist die erste Trauer verebbt und der Wunsch nach neuer Nähe geboren – näher als eine Übersetzung Ihrer Schicksale in das Medium, mit dem sie groß und berühmt geworden sind? Nichts, rufen die einen, alles, schreien die anderen.
Und so ist es auch im Falle Romy Schneider. Gestern Abend war die erste Verfilmung ihres Lebens auf ARD zu sehen, ein so genanntes Biopic, ein Film, der sich zur Aufgabe gemacht hat, einen Eindruck zu hinterlassen, nicht abschließende Fragen zu beantworten, einen unvergleichbaren Menschen zu erklären oder seinen Werdegang erschöpfend zu behandeln. Man sollte ihm also auch nicht vorwerfen, dass er uns das nicht geben kann, was er weder zu geben imstande war noch zu geben gedachte. Doch an seinem Anspruch, „in die Lebensmelodie der Romy Schneider hineinfinden“ – so der Regisseur Torsten C. Fischer – darf man, muss man den Film letztlich messen.
Das Scheitern von „Hilde“ und „Romy“ hat zwei sehr unterschiedliche Ursachen. Beides sind professionell erstellte, teure, ebenso gut recherchiert wie gemeinte Filme – gut, der eine fürs Kino, der andere fürs Fernsehen –, doch beide widmen sich einem überaus charismatischen und widersprüchlichen Menschen, der einmal ein deutscher Weltstar war. Nach dem gestrigen Fernseherlebnis drängt sich mir der Verdacht auf: „Hilde“ scheitert am Buch, „Romy“ an der Darstellerin.
Denn während „Hilde“ eine unglaubliche Makatsch in Szene setzt - in eine weder ihr noch der Dargestellten gerechte Szene zwar, doch immerhin ihr - finden wir in „Romy“ das gegenteilige Ergebnis wieder. Böser Wille ist nicht mit im Spiel, denn man sieht: Jessica Schwarz versucht redlich, „wie Romy zu reden, zu lachen, zu rauchen und zu trinken, aber indem sie imitiert, ohne nachempfindbar zu machen“. In einem Interview resümiert sie über Ihre Ähnlichkeit mit der Darzustellenden: „Wir sind beide Schauspieler voller Leidenschaft mit einer großen Liebe zum Beruf.“ Und doch liegen Welten – sichtbar gewordene Welten – zwischen einer guten Schauspielerin und einer charismatischen, zerbrechlichen und tief erotischen Frau wie Romy Schneider. Diese Diskrepanz darf man letztlich nicht Jessica Schwarz anlasten, sondern einzig und allein ihren Castern - und jenen, die sie zu inszenieren gedachten und ihr dabei nicht selten zu wenig Raum ließen, um der Kopie einen eigenen, einen lebendigen Impuls hinzuzufügen.
So ist aus dieser "Romy" weder eine gute Romy, noch eine faszinierende Filmfigur geworden. Dass ihre Macher (wie vielleicht viele gutmeinende Zuschauer) diese schmerzliche Diskrepanz nicht sehen oder sehen wollten, gar konnten, ist wiederum kein böser Wille. Es ist vielmehr symptomatisch, wen wir zu "Stars" erheben und mit wem wir uns schmücken, was wir im Fernsehen sehen und was wir unter Ausstrahlung und Prominenz verstehen. Dies soll keine Gegenwartsschelte sein, vielleicht ist es eher ein Charakterbild der Deutschen.
Drei Weltstars hatten die Deutschen in der BRD, um das Bild der drei Ikonen vom Beginn des Artikels wieder aufzunehmen: Marlene Dietrich, Hildegard Knef und Romy Schneider. Alle drei haben wir vertrieben, alle drei haben wir beleidigt, alle drei haben wir nach ihrem Tod zu Göttinnen erhoben. „You don’t know what you got until you loose it”, sang John Lennon 1974. Und auf der gleichen Platte fügte er prophetisch hinzu: “Everybody loves you when you're six foot in the ground.”
So wie der Tod eines Stars auch deshalb mit so großer Trauer erfüllt, weil er sich wie ein gebrochenes Versprechen anfühlt, so erfüllt auch der Tod eines anderen Films mit Trauer, der einst den Namen "Eine Frau wie Romy" trug und von dem uns nicht viel mehr geblieben ist als ein Casting, das mehr als ein Versprechen war: