„Ein Gespenst geht um in Berlin – das Gespenst der Anarchie. Alle Mächte des alten Berlin haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet, der Investor und der Kapitalist, der Senat und der Regierende Bürgermeister, neoliberale Radikale und deutsche Polizisten."
So oder so ähnlich könnten es sich die Kämpfer des R.A.W.-Geländes, der Aktion "Mediaspree versenken" und anderer, vergleichbarer Bürgerinitiativen und Anwohner-Widerstände auf die Fahnen schreiben, ganz im Sinne des Kommunistischen Manifests von 1848. Nicht, weil sich der Pöbel zusammenfindet, um die Reichen und Mächtigen zu enteignen. Nicht, weil man mit Gewalt darum kämpfen möchte, das System zu stürzen, dessen marktradikale Kehrseite uns nicht erst durch abstürzende Börsenkurse immer bewusster wird.
Nein. In Berlin geht es derzeit darum, Freiräume zu erhalten. Es geht also um Verteidigung, nicht um Angriff. Man wird genervt entgegenhalten: Diese Anarchisten, diese Radikalen, die sind doch schon aus Prinzip kontra, weil sie endlich wieder demonstrieren und Steine werfen können. Außerdem, so der Generalvorwurf, sind sie es doch, die sich konservativ verhalten. Statt sich zu bewegen, mit der Zeit zu gehen, Chancen zu nutzen und zu verschönern, klammern sie sich an ihre Ruinen und Bombenlücken, an ihre Todesstreifen und Mauerzüge und halten sich dabei noch für fortschrittlich!
So wird man sagen und so muss man klagen darüber, dass in Berlin noch viel zu viele Menschen nicht verstanden haben, worin Berlins Stärke eigentlich liegt. Berlin ist nicht Paris, schrieb einstmals ein junger Architekturjournalist und gewann damit in den 90er Jahren sogar einen Preis. Doch was man einst verstand, gilt heute als überholt. Berlin, so das Credo, muss schicker, schöner, größer, reicher, geiler werden, um jeden Preis. Es kommen ja so viele Leute hierher, wie stehen wir denn sonst da mit unserer vernarbten Stadt?
Der Fehler, den die Verantwortlichen begehen, liegt auf der Hand: Berlins Schönheit liegt in Berlins Traute zur Hässlichkeit. Wer heute Geschäftshäuser, Mehrzweckhallen und artig verlegte Strandpromenaden entstehen lassen will, weil sie schlicht "besser aussehen" ("sauberer" wäre der korrekte Ausdruck), wer "Brachland wieder in die Stadt zurückführen" und Lücken schließen will, der übersieht, dass er damit der Besonderheit Berlins den Hals umdreht. Freilich wird Berlin auch topsaniert nie beliebig werden, seine Brüche werden trotz Schlossbau und O2-World nicht auszuradieren sein. Aber es steht zu befürchten, dass dieses neue und schicke Berlin sich selbst verengt mit jedem alternativ genutzten Freiraum, den es ins Umland verbannt.
Deshalb: Weil wir uns für ein echtes Miteinander von Gucci & Kik, Neue Nationalgalerie & Tacheles, Staatsoper & RAW-Tempel einsetzen, weil wir daran glauben, dass diese Stadt groß genug ist für all diese Lebensformen, und weil das Switchen zwischen ihnen nirgends so einfach gelingt wie hier, geografisch wie finanziell, kämpfen wir für den Erhalt der alternativen Lebenswelten im Herzen Berlins.
Der wahre Berliner ist ein Ungezogener. Nicht aus Schlachtlust, nicht aus Dummheit, nicht aus Weltfremdheit. Zu oft hat er erlebt, wie die Verantwortlichen ihre Macht missbrauchten, wie auf seinem Rücken ausgetragene Verbesserungen letztlich zum Totalverlust führten.
Derzeit ist es das RAW-Gelände, das um seinen Erhalt bangen muss. Im CarpeBerlin-Interview hierzu: Udo Glaw von "RAW Tempel e.V". und der Bezirksbürgermeister von Kreuzberg/Friedrichshain, Dr. Franz Schulz. Reinhören - es lohnt sich!