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Sonntag, 22. Juni 2008 09:41 • 

Von: Relikte der DDR

„Der böse Westen“: Abhöranlage Teufelsberg, der schwarze Kanal

Abhöranlage auf dem Teufelsberg

Relikte der DDR 17/20

Im Kampf um die Ideologie, das Terrain, die Menschen; im symbolischen Tauziehen der Blockmächte um jede einzelne Berliner, deutsche und überhaupt jede Seele auf der ganzen Welt ergaben sich besondere, abstruse, für die verqueren Verhältnisse aber beinahe zwingend logische Karrieren. Im Brennglas des Streites um die Macht in der Welt, dessen Fokus auf Berlin lag, wurde die Geschichte manchmal bis zur Lächerlichkeit gebeugt.

 

Zwei der Karrieren sind zu vergleichen: die des Teufelsberges am westlichen Ende der Stadt und die von Karl-Eduard von Schnitzler, einem nur oberflächlich betrachtet kurzsichtigen Menschen.

Ganz unten, würde man rund 50 Meter tief graben, fände man, geplant als eine der Säulen der bald zu beachtenden Welthauptstadt „Germania“, die nach dem Kriege gesprengten Überreste der „Wehrtechnischen Fakultät“, die über den Rohbau nie herauskam. Entbeint und in Gebäuden überall in der Stadt verbaut, wurde ihre Reste bald verschüttet: ab 1950 lagerten hier bald 26 Millionen Tonnen Häusertrümmer und machten den Teufelsberg neben den Müggelbergen zur höchsten Erhebung des Stadtgebietes.

Während der heißen Phase des Kalten Krieges, ungefähr ab 1957, wurden die ursprünglichen Pläne für ein Freizeitgelände endgültig fallengelassen, zu eng war schon der Griff der US-Armee, die die prominente Stelle im flachen Berliner Land nutzte, um ihre Lauscher auszufahren – zuerst zur Sicherung der drei Luftkorridore, dann in einigen Erweiterungsstufen nach allem, was man von hier aus hören konnte – auch westdeutsche Telefonate. Bis zu 1500 Personen lagen hier auf Horchposten. Tief ins Gebiet des Warschauer Paktes erstreckte sich die Reichweite dieser letzten Bastion des Westens im Märkischen Schutt – und obwohl das Abhören des feindlichen Funkverkehrs die Hauptaufgabe war: fernsehen mußten die GIs auch.

Jeden Montag abend, 1519 Folgen lang, stand „Der schwarze Kanal“ auf dem Programm – von der Regierung der DDR gedacht als Polemikgrundlage für ihre treuen „Multiplikatoren“, also Journalisten, Lehrer und NVA-Offiziere, die ja sonst nie den bösen Knopf fürs Westfernsehen auf ihrem Gerät drücken würden - gern gesehen aber auch von allen Westlern, und das hing vor allem mit dem Präsentator zusammen. Karl-Eduard von Schnitzler bot Westfernsehen in verdaulichen Häppchen, versehen mit propagandistischen Kommentaren, die die Ausschnitte selber als Teil der skrupellosen West-Propaganda entlarven sollten. Subtiler ging’s damals eben nicht.

Bis zum Anfang der Siebziger Jahre als Pflichtveranstaltung betrachtet, schmälerte sich der Einfluß der Sendung auf die Meinung der DDR-Bürger nach allzu offensichtlichen Entstellungen der Originalbeiträge, die Schnitzler im Westen auch den wenig rühmlichen Beinamen „Sudel-Ede“ einbrachten.

Im „Tal der Ahnungslosen“, also der Gegend rund um Dresden, wohin das Westfernsehen trotz höchster Sendeleistung der Masten an der Mauer nicht durchdrang, war „Der Schwarze Kanal“ kurioserweise die einzige Möglichkeit für die Bürger, wenigstens Ausschnitte der Nachrichten von ARD und ZDF zu sehen. In diesen Anstalten gab es übrigens parallele Entwicklungen, einmal die Sendung „Die rote Optik“ von Thilo Koch, zum anderen das „ZDF-Magazin“. Unter diesem bemerkenswert neutral gehaltenen Namen schoß Gerhard Löwenthal aus Mainz zurück, bewehrt mit einer ähnlich monströsen Brille und schwerstmöglicher Artillerie. Aus der Ferne betrachtet müssen die beiden beinahe wie zähnefletschende Hündchen ihrer ideologischen Herren erscheinen, die sich in ihrem Gebell ähnlicher werden als ihnen lieb sein kann. Bei allem: harmlos waren beide nicht, auch wenn das Ping-Pong-Spiel mit dem gegenseitigen Faschismus-Vorwurf skurrile Züge hatte, die selbst heute noch belustigen können.

Zu beachten wäre noch die letzte Sendung des „Schwarzen Kanals“ am 30. Oktober 1989 - in nur knapp fünf Minuten war alles erledigt:

"Guten Abend, meine Zuschauerinnen und Zuschauer, liebe Genossinnen und Genossen. Diese Sendung heute wird nach fast 30 Jahren die kürzeste sein, nämlich die letzte.“

Text: Giuseppe Profumo


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