Denn sie wissen sehr wohl, was sie tun
Seit den 20er Jahren, verstärkt jedoch seit der Nachkriegszeit galt es in beiden Teilen Deutschlands als schick, Gebäudefassaden vom „verlogenen“ Stuck seiner Bauherren zu „befreien.“ Damals war das verständlich. Doch das Klopfen geht weiter, gegen besseres Wissen.
„Von überall her hämmert und klopft es, allerorts sinken Gesimse und Kapitelle in den Staub, wohin man nur blickt, hauchen Karyatiden und Amoretten unter puristischen Schlägen ihr Leben aus...“ Als Wolf Jobst Siedler 1964 mit seinem reich bebilderten Essayband „Die gemordete Stadt“ vor den Folgen eines „putzsüchtigen Modernisierungswillens im Verein mit haushälterischer Rechenkunst“ warnte, verhöhnte man seinen Ansatz zunächst als rückständig, romantisierend, ja reaktionär. Ein „Requiem auf Putten“, und sei es noch so liebevoll, „ironisch“ formuliert, konnte in der Epoche von Solitär und Betonbrutalismus nur mit wenig Verständnis rechnen.
Siedlers Warnungen verpufften, und die 60er und 70er Jahre führten fort und vollendeten, was Krieg und Modernismus in den Jahrzehnten zuvor begonnen hatten. Allein in Berlin-Kreuzberg fielen bis 1975 an die 1400 individuell gestalteter Fassaden dem schmucklosen Einheitsputz zum Opfer, und so mancher Eigentümer, dessen Großvater einst Stuckateure von Rang beschäftigt hatte, um seine Kunstsinnigkeit unter Beweis zu stellen, bemühte nun Meißel und Hammer, um für das eigene Renommee das scheinbar selbige zu tun.
Doch wer den Zeitgeist heiratet, wird bald ein Witwer sein, heißt es, und schon Mitte der 70er Jahre führten Aktionen wie das Europäische Denkmalschutzjahr unter dem Motto "Eine Zukunft für unsere Vergangenheit" zu einem Bewusstseinswandel im Umgang mit dem gegipsten Kulturgut. Nicht zuletzt durch die Auseinandersetzung mit den politischen Ursachen und Folgen des nationalsozialistischen Deutschlands gelang es den Denkmalschützern, den Stuck zu entdämonisieren – und ihm die Bürde einer Gesellschaft abzunehmen, die hinter jeder prächtigen Fassade verlogene Bürgerlichkeit wähnte.
Getreu dem schon 1971 formulierten Ruf des deutschen Städterats „Rettet unsere Städte jetzt!“ ging man dazu über, auch Privathäuser als unverzichtbaren Teil der historischen Stadtgestaltung zu verstehen und in ihrem ursprünglichen Zustand zu erhalten. Ein schönes Beispiel für die rettende Hand der städtischen Verwaltung stellt „Riehmers Hofgarten“ dar, ein Gebäudekomplex an der Yorckstraße in Berlin-Kreuzberg. Der prächtige Bauschmuck, den Wilhelm Riehmer seinem ungewöhnlichen Komplex dereinst spendierte, sollte nach dem erklärten Willen seiner Nachfolger noch Anfang der 70er Jahre einer „zeitgemäßen“ Glattputzpassade weichen. Nur eine großzügige Beteiligung der öffentlichen Hand an den Renovierungskosten konnte das an die Wiener Ringstraßenarchitektur erinnernden Ensemble vor diesem Kahlschlag bewahren.
Wer jedoch glaubt, dass die bewusste Zerstörung Alt-Berliner Schmuckfassaden ein zwar bedauernswertes, aber gottlob überwundenes Kuriosum der 50er und 60er Jahre darstellt, wurde spätestens Ende letzten Jahres eines Besseren belehrt. Mitten im Bülowkiez, im ehemaligen Sanierungsgebiet des Schöneberger Nordens, begann die öffentliche WIR Wohnungsbaugesellschaft mit dem Bau eines Gerüsts. Bald stellte sich heraus, dass sie Renovierung der Fassade auf Kosten des prächtigen Bauschmuckes geschehen sollte.
Empörte Mieter legten Einspruch ein, erstritten vor Gericht eine einstweilige Verfügung. Der Stopp der Zerstörung war jedoch nur von kurzer Dauer. Die Wohnungsbaugesellschaft verwies auf „Gefahr im Verzug“, und schon im Februar dieses Jahres konnte die Entstuckung unter den entsetzten Augen der Mieter fortgesetzt werden. „Wer kommt bloß auf solche verrückte Ideen?“, fragt eine der Betroffenen in einem Interview mit der „Welt“ im Juli 2008. „Wir sind 1999 hier eingezogen, weil die Altbauten so schön verziert waren.“
Wer heute das noch immer hinter einem Gerüst verborgene Haus in der Zietenstraße besichtigt, stößt dort auf eine Art geschändeten Rohbau. Die ehemalige Struktur der Fassade ist mit einigem archäologischen Spürsinn noch zu erahnen, doch den Gesamteindruck bestimmen heute ausgefranste Ziegelwände und poröser Rohputz. Schon bald sollen auch die letzten Reste der historistischen Ausstattung hinter Glattputz verschwinden.
Uwe Klose vom Amt für Planen, Genehmigen und Denkmalschutz des Bezirks Tempelhof-Schöneberg weist auf ein anderes Objekt der WIR hin, das erst kürzlich saniert worden ist. Hier wurde der beseitigte Stuck durch eine gegliederte Fassade mit Quaderstruktur ersetzt. „Nicht die optimale Lösung, aber ästhetisch überzeugender, als ursprünglich befürchtet.“
Als Wolf Jobst Siedler Ende der 50er Jahre damit begann, seine Stimme gegen die fortschreitende Entseelung der deutschen Städte zu erheben, fand er sich einem Heer von Kritikern gegenüber, seitens der Stadtverwaltungen, seitens der Architekten und seitens einer Fortschrittsversessenen Bürgerschaft.
Wenn heute, da Stadträte die Zerstörung von Schmuckfassaden als „Barbarei“ (Sibyll Klotz) bezeichnen, Architekten solche Brachial-Modernisierungen juristisch verbieten lassen wollen und Mieter aufgrund des historischen Charmes selbst in unsanierte Altbauwohnungen ziehen, wenn in diesen aufgeklärten Zeiten Wohnungseigentümer und sogar öffentliche Genossenschaften erneut dazu übergehen, aus finanziellen Gründen Exempel der Kulturlosigkeit zu statuieren, kann man eigentlich nur noch den Kopf schütteln.
Wie gut, dass die Baumeister von einst so rücksichtsvoll waren, ihre Hauser aus gipsverputzten Ziegel zu errichten. Nicht auszudenken, welch Aufwand die Feinde des Bauschmuckes heute betreiben müssten, wäre der Zierrat aus massivem Stein gemeißelt. Ganz zu schweigen von der politischen Wirkung gesprengter steinerner Kulturgüter.
TIPPS UND LITERATURHINWEISE:
Eine noch bis zum 21. September im Schweizerischen Architekturmuseum Basel laufende Ausstellung mit dem viel versprechenden Titel "Ornament Neu Aufgelegt/Re-Sampling Ornament" belegt anschaulich, dass der lang verschmähte Bauschmuck in der Gegenwartsarchitektur längst wieder im Kommen ist. "Wie die Basler Wunderkammer uns vor Augen führt, ist das Ornament weder sinn- noch funktionslos... Im Ornament treffen sich Geschichte und Gegenwart, die Lebensanbindung und die Lebensfülle der Architektur." (Uta Caspary, "Wie schön! Lange galten Ornamente als Verbrechen. Doch jetzt können sich die Architekten wieder für das Zieren und Schmücken begeistern", nachzulesen in der aktuellen "Zeit" Nr. 38, S. 63)
Und ein letzter Lese-Tipp zum Thema: Harald Martensteins Kolumne im Zeit-Magazin: "Ich schlage vor, den Tatbestand "Architekturverbrechen" unter Strafe zu stellen. Der Paragraf könnte folgendermaßen lauten: "Personen, die an der Planung, Finanzierung und Errichtung von Bauwerken oder an der Bewilligung von Bauwerken mitwirken, die das ästhetische Gemeinwohl mehr, als nach Abwägung aller Umstände erforderlich, beeinträchtigen oder das Stadtbild schädigen oder die Lebensfreude der Bürger der Bundesrepublik Deutschland dauerhaft in Mitleidenschaft ziehen, werden mit Gefängnis nicht unter zwei Jahren bestraft. Der Versuch ist strafbar." Ein bissiger Artikel rund ums Alexa am Alexanderplatz, online nachzulesen unter http://www.zeit.de/2008/38/Martenstein-38)
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