Carpe Berlin setzt Fernsehtrend
Eine Woche nach Carpe Berlin (Text vom 14.April) ruft nun die erste deutsche Athletin zu einem Olympia-Fernseh-Boykott auf. „Sie verpassen doch nichts", sagte Fechterin Imke Duplitzer am Sonntag der dpa (über die Eröffnungsfeier). „Leute, Ihr habt eine Fernbedienung, schaltet um, leiht euch ein Video aus, macht Euch einen netten Abend mit der Familie, spielt ein Gesellschaftsspiel oder geht mal wieder spazieren.“ Imke, Du hast Recht!
Von Olaf Sundermeyer
Wer öffentlich eine starke Meinung vertritt, sollte diese weder zwischen den Zeilen verstecken, ans Textende verschleppen oder auf andere Weise im Laufe der sich summierenden Wörter verlieren; er sollte sie in den ersten Satz packen. Etwa so: Ich werde die olympischen Sommerspiele 2008 persönlich boykottieren. Ist das unverständlich? Noch ein Versuch, im zweiten Satz: Ich werde mir nicht eine Minute von den Fernsehübertragungen der olympischen Sommerspiele 2008 aus Peking anschauen! Warum nicht? Weil ich es scheiße finde, was in China läuft. Und weil ich als Fernsehzuschauer, der ja als Konsument, also als Verbraucher, durchgeht, selbständig darüber entscheide, ob ich SO ein Produkt haben will. Und: Ich will es nicht. Schließlich muss ich nicht darauf warten, ob sich irgendwelche Regierungen oder nationale olympische Komitees für einen Boykott dieser Spiele entscheiden. Sie entscheiden im Rahmen ihrer Zuständigkeiten, ich im Rahmen meiner. Mir persönlich ist es egal, dass fünf der zehn weltweit größten Unternehmen chinesisch sind; dass China der wichtigste Auslandsmarkt für Siemens-Handys oder die Fernsehübertragungsrechte der Bundesliga ist. Frau Merkel darf das nicht egal sein, auch den anderen Entscheidern nicht, die für die Verkaufszahlen ihres Unternehmens – oder möglicherweise für eine ganze Exportwirtschaft - zuständig sind. Ich dagegen habe im Sommer sowieso Besseres zu tun, als mir frühmorgens androgyne chinesische Bodenturnerinnen anzuschauen, die über Jahre in faschistoiden Kinderversuchsanstalten gezüchtet wurden, mit dem Ziel, dass ich mir deren Leistungen in diesem Sommer im Fernsehen anschaue. Und über Doping will ich gar nicht erst mutmaßen. Wie jedes große Sportereignis, werden auch diese olympischen Spiele von der Regierung des Gastgeberlandes zu Propagandazwecken missbraucht. Wenn die Schweiz eine Fußball-EM ausrichtet, hält sich der entsprechende Schaden dabei in Grenzen. Aber China ist die größte Diktatur der Welt, und es ist nicht zu vermuten, dass Peking über diese Veranstaltung seine Liebe zur Meinungsfreiheit entdeckt. Im Gegenteil: Glaubt man den Einschätzungen ausländischer Beobachter, werden die Gängelungen gegenüber Journalisten vor den Spielen immer schlimmer. China schränkt seine Pressefreiheit nicht ein; es besitzt gar keine: Tibet, Taiwan oder das Massaker von Tian'anmen 1989 sind in den staatlich gelenkten Medien Tabus. Der Staat drangsaliert private Internetnutzer und wendet die Todesstrafe mit einer Selbstverständlichkeit an, von der jeder Texaner noch etwas lernen kann. Für mich gibt es ausreichend Gründe, mich an den olympischen Sommerspielen in diesem Jahr nicht zu erfreuen. Die gewaltsame Niederschlagung der Demokratiebewegung in Tibet passt in das Bild eines Staates, dessen Unterstützung ich mittels meiner Fernbedienung untersage. Wie gesagt: Ich habe im Sommer was Besseres zu tun. Statt vor die Glotze setze ich mich lieber an den Strand des Langen Sees bei Grünau (Bezirk Köpenick), in dem ich regelmäßig schwimmen werde. Ohne Zeitnehmer. Der Weg dorthin dauert auf dem Fahrrad etwa 45 Minuten, und nach dem Rückweg gönne ich mir ein bis drei Weizenbiere (die auf keiner Dopingliste stehen) zur besten Sendezeit im Biergarten Zenner an der Spree (Treptower Park). Damit unterstütze ich die lokale Wirtschaft. Solange, bis ich sehe, dass auch diese von Kinderarbeit zehrt, und mir auf ihren Bierbänken das freie Wort verbietet, weil der Bierliefervertrag auf ein chinesisches Konglomerat übergegangen ist, das dort fortan die Regeln bestimmt.































