Businesslunch für elfachtzich
Wer Berlin mit dem Zug verlässt, landet in einer skurrilen Geschäftswelt: Die Sprache ist eine andere, und gerne werden die dort geltenden Regeln mit ins Privatleben genommen. Als gäbe es eine verbreitete Sehnsucht nach Formalität.
Von Olaf Sundermeyer
Die Aura der Banken- und Businessmetropole holt den Bahnreisenden spätestens in Fulda ein: Dort steigt ein junger Mann im Frühling zu. Die gegelte Kurzhaarfrisur ist adrett, gestärkt das blütenweiße Hemd, und modisch geschnitten der schwarze Anzug. Schwungvoll nimmt er gegenüber Platz und sagt „guten Tag!“ „Hallo“ erwidere ich, flüchtig aufblickend vom Sportteil der „Süddeutschen Zeitung“, die sich stilvoll bemüht, spannende Geschichten aus der inzwischen langweiligen Fußballbundesliga zu erzählen. Bei dieser Art guter Unterhaltung dulde ich normalerweise keine Unterbrechung. Ich bemühe mich, diese Botschaft körpersprachlich zu vermitteln. Dennoch war mir so, als hätte mein Gegenüber mit der rechten Hand gezuckt: Wie einer, der überlegt, sie einem Fremden zu geben. Wahrscheinlich mit geöffneter Handfläche, wie es jeder Handelsvertreter beim ersten Verkaufstraining in irgendeinem Novotel im Main-Taunus-Kreis (MTK) lernt. Bei solchen Typen vermeide ich den Blickkontakt, weil sie sich sonst ermutigt fühlen, einen mit ihrem geschäftsmäßigen Sendungsbewusstsein zu überziehen. Ich kann wohl von Glück reden, dass er mir nicht feierlich seine Visitenkarte überreicht, auf der ihn irgend so ein scheiß Anglizismus wichtiger machen soll, als seine beschränkten Kompetenzen es erlauben. Ein lästiges Ritual, ich würde sagen eine Unsitte, die in Berlin zum Glück nicht so verbreitet ist wie anderswo. Allein das ist Grund genug, in Berlin zu leben, nicht im sich nähernden Frankfurt. Dann fängt der Fuzzi auch noch an, mich ständig anzugrinsen, mit so einem Sensodynelächeln, wie es affektierte Frauen auf Parties tragen, von denen sie annehmen, dass dort wichtige Typen abhängen, die „was mit Medien“ machen. Eine aufmerksame Bekannte von mir nennt das zutreffend „Ausgehlächeln“. Ich denke: Vielleicht ist der Kerl schwul und steht auf kurz angebundene Sportteilleser. Dann wählt er eine Nummer aus seinem Blackberry, grinst mich wieder dabei an, und fängt an zu telefonieren. Und was für ein Schwätzer der ist! Schraubt sich Sätze raus wie: „Als allererstes benötigen wir eine Konzeption, für die ich ja nun den Hut auf habe“, er spricht vom „arbeitsfähigen Pilot, den es zu konzeptionieren gilt“ und von „Startern, also völlig unverbrauchten Leuten, die ich für das Projekt brauche“, und das in einer dieser fürchterlichen Callcenter Stimmlagen, die einen zur Weißglut bringen. Zuletzt habe ich heute morgen so eine Stimme gehört, als ich im Radisson Hotel Erfurt an der Rezeption gefragt habe, ob es im Haus eine Möglichkeit gibt, mit einem USB-Stick einen Text auszudrucken: „Aber sicherlich, dafür haben wir für Sie im ersten Stock unser Businesscenter vorbereitet, wo sie unverbindlich und als Gast kostenfrei ihre Angelegenheit erledigen können“. Eine geschlagene Viertel Stunde quatscht der Typ also so ein Zeug wie: „Auf Agenturebene wird es schwierig sein, den Termin zu halten. Auf Unternehmensebene ist der Termin auf jeden Fall tragfähig“. Ein Marketingfachmann also. Ich habe die Nase voll, gehe ins Bistro und bestelle ein Weizenbier. Das ist immer die beste Idee auf Zugfahrten, wo man nicht in Ruhe arbeiten kann. Das Weizenbier kommt in einem Plastikbecher (!) bei mir an; so einem, wie ihn internationale Cateringfirmen in Bundesligastadien ausgeben, damit sich die bekloppten Randalierer mit dem Glas nicht die Glatzen einritzen. Der Bordbistro-Kellner sieht die Enttäuschung in meinem Gesicht und sagt: „Tut mir leid, ich habe leider kein Glas, aber aus dem Plastikbecher schmeckt es doch auch.“ Ich sage nichts. Hier ist Widerrede zwecklos. Draußen ist es schön warm, das Bier ist schön kalt. Und schon sind wir in Frankfurt, wo ich zum Mittagessen verabredet bin. Frankfurt zur Mittagszeit ist ganz schlimm. Wahrscheinlich sitzt auch der Marketingfuzzi aus dem Zug irgendwo hier und nimmt ein leichtes Businesslunch für 11,80 ein, das Du in Berlin für 4,50 nachgeschmissen kriegst. Überall sitzen junge Menschen im Anzug, bei 23 Grad in der Sonne. Während ich glücklich in meinem recht individuellen T-Shirt bin, habe ich den Eindruck, als würden sich die anderen hier mit großer Lust der hiesigen Konformität hingeben, und in ihren Sakkos schwitzen. Immerhin schaue ich gerne zufriedenen Menschen zu, selbst dann, wenn ich selber alles ganz anders sehe. Frankfurt ist so eine Stadt, in der mich dieser Zustand dauerhaft umgibt. Grundsätzlich bin ich immer dann, wenn ich Berlin verlasse, und das kommt ständig vor, erstaunt, wie viele junge Leute im Anzug durch die Gegend laufen. Nebenbei gesagt ist das auch im Berliner Regierungsviertel so, wo ich nicht häufig bin. Im Paul-Löbe-Haus etwa, dem Bürobunker der Bundestagsabgeordneten, trifft man all die lustigen Vögel wieder, die vor ihrem halben Leben noch in der Lederjacke über den Ostermarsch Ruhr getapert sind. Heute sind sie schick im Anzug, als Abgeordnetenmitarbeiter eines SPD- oder Grünen MdB unterwegs. Und wüsstest Du es nicht genau, würdest Du auf FDP tippen, vielleicht Junge Union. Heute sehen sie alle gleich aus. Ihr Idealismus ist in der Karriere aufgegangen. Wahrscheinlich erleben wir auch gerade eine Renaissance der Förmlichkeit. Aber woher bloß kommt diese Sehnsucht nach Spießigkeit? Und das bei den Kindern der 68er, die Deutschland doch erst vom Sonntagsspaziergang in Anzug und Trenchcoat befreit haben. Neulich war ich beispielsweise auf einer Hochzeit im Westfälischen (auf der Einladung stand: „Abendkleidung muss ausdrücklich nicht sein“), wo alle Männer im Anzug und Krawatte steckten; die ganzen alten Schulkumpels, die vor ein paar Jahren noch von einem Leben als Kaffeebauer in Guatemala träumten, mindestens aber von einer WG in Kreuzberg. Die Hochzeit war dann doch sehr schön, aber muss man dafür in einem Anzug stecken? Ja, man muss. Zumindest in der Provinz. Das macht wohl den Unterschied.
Das Frankfurter Essen ist also überteuert, zumindest ist es „light“. Und noch bevor die Rechnung kommt, fange ich an Berlin zu vermissen. Aus Frankfurt geht´s zum nächsten Termin: Nach Köln. Aus dem Zugfenster blicke ich auf den Rhein. Nee, watt herrlisch! Kurz vor Koblenz zwängen sich auf die 80 Meter zwischen Bahndamm und Rheinufer Camper auf einem Grünstreifen, die im nackten Oberkörper durch einen Maschendrahtzaun auf die Fluten blicken. Ihre Wohnwagen sind symmetrisch angeordnet. Vereinzelt wehen Deutschlandfahnen in der lauen Luft. Vor einigen Jahren standen hier auch noch rote Ferrari-Michael-Schumacher-Fahnen. Diese Menschen sehen auch ziemlich zufrieden aus; ich möchte dennoch nicht mit ihnen tauschen. Und ich denke: Es wird noch einen Tag dauern, bis es mir ähnlich geht. Auf einem Balkon mit Spreeblick. Ich soll überrascht werden. Denn schon in Bonn setzt sich auf den Platz, wo eben noch der Marketingfuzzi mit seinem Blackberry gequatscht hat, ein mir sympathischer Mensch. Kariertes Hemd, Pferdeschwanz, Spiegel-Leser. Kaum sitzt er, holt er eine Beck´s Flasche aus dem Rucksack. Plöpp! Hopfenaroma wabert durch das Abteil. Ein bisschen Berlin am Rhein. Der Kerl steigt mit mir in Köln aus. Hier will ich gerne ein paar Stunden lang sein. Am liebsten mit dem Spiegel-Leser beim Kölsch in einer Südstadtkneipe.































