Bei Freunden zu Gast gewesen
Wieder hat es eine Nachbarschaftskneipe erwischt. Das „Pegasus“ am stillen Ende der Wiener Straße in Kreuzberg ist dicht. Und niemand merkt es. Stellvertretend für andere folgt - ein Plädoyer für die Kiezkneipe. Geschrieben, als es das „Pegasus“ noch gab.
von Olaf Sundermeyer
Im Großen und Ganzen gibt es dreierlei Kneipen: Erstens – die Kneipe für Berlin-Bewohner. Zweitens – Kneipen für Berlin-Besucher (Oranienburgerstraße, Hackescher Markt, Gendarmen Markt, Ku´damm etc.) und drittens – Kneipen, wo Berlin-Bewohner und Berlin-Besucher eine Schnittmenge bilden. Hier soll es nun um eine Bewohner-Kneipe gehen, stellvertretend für andere, die auch kein Geld verschwenden (oder haben?), für Anzeigen in Veranstaltungsblättern, und auch keinerlei Erwähnung in den tagesaktuellen Medien finden, weil weder John Cusack, Matt Damon, Tom Cruise, nicht einmal die Riemann mit ihrem angeheirateten Pornohengst hier mal auf ein Weinschörlchen reinkommen. So bleibt das „Pegasus“ auf der Wiener Straße/Ecke Ratibor (Kreuzberg 36, U-Bahn Görlitzer Bahnhof) eine echte Nachbarschaftskneipe.
Selbst die Hardcore- bis Indy- bis Reggae- undsoweiter Szene, die hier angetütert oder bekifft an den Wochenenden vorbeischlendert, weil es in der Gegend noch reichlich brauchbare Bewohner-und-Besucher-Kneipen gibt, sowie eine Afro-Disco (Tam-Tam) und den Konzertbunker „Wild at Heart“, lässt das „Pegasus“ rechts liegen. Von hier aus kann man (an Sommerabenden) auf nem weißen Plastikstuhl lümmelnd unter blauen Glühbirnen die Szene begaffen wie aus einem gläsernen U-Boot heraus einen Schwarm bunter Fische. Ohne Sauerstoffgerät und ohne nass zu werden – die Szene selbst nimmt, wie die meisten Fische auch – keine Notiz von dem U-Boot-Fensterplatzsitzer. Dazu trinkt man Retsina, eisgekühlt.
Ach ja, das „Pegasus“ ist eigentlich ein Grieche. Das ist aber nicht so wichtig. Für Erna beispielsweise spielt es gar keine Rolle. Die 90-jährige aus der Nachbarschaft trinkt ohnehin nur Kirschsaftschorle, ab uns zu gönnt sie sich ein paar Pommes dazu. Und wenn es spät wird und Erna genug mit Axel, Peter, Bernd und ein paar anderen Jungs aus dem Kiez, die sich eine kleine Beck´s-Keule nach der anderen reinlutschen, über Rente und Merkel gequatscht, außerdem mit den Hunden vorbeiwackelnder Punks geflirtet hat, gibt ihre etwas jüngere Freundin Helga den Marschbefehl: „Los Erna, satteln wir die Hühner und reiten endlich los“. Dann greift Erna ihren Stock und zieht ab. Im „Pegasus“ gibt es außerdem eine Kippe für Gelegenheitsraucher (selbst gedreht) vom liebenswürdigen Wirt, dessen Stellenbeschreibung irgendwo zwischen Souvlakikoch und Quartiersmanager angesiedelt ist, und wer öfter mal reinschaut, wird mit – je nach Aufenthaltsdauer und Verzehr – ein bis drei Ouzo beschenkt, die sich erst am nächsten Morgen bemerkbar machen, weil man am Abend zuvor immer der Meinung ist, nur das getrunken zu haben, was man auch bezahlt hat. Aber es gibt einen Unterschied zwischen einem Liter griechischem Harzwein und einem Liter griechischem Harzwein UND drei Ouzo. Im „Pegasus“ gibt es außerdem ein (wechselndes) Tagesgericht und an der Klotür ein Papierschild mit der Aufschrift „WC defekt“. Stammgäste – andere Gäste gibt es hier nicht, und das ist ein echtes Kompliment – wissen bescheid: Das Klo ist gar nicht kaputt. Es sollen nur keine Pinkeltouristen aus dem gegenüberliegenden Görlitzer Park hier einkehren, in dem an warmen Tagen mehr Bier ausgeschenkt wird als im Englischen Garten in München.
Nur dass es im Görli keinen Biergarten gibt. Man müsste für diesen Park das Wort Flaschenbiergarten erfinden. Das würde es treffen. Würden sich die umher liegenden Kioske zu einer Kooperative zusammenschließen, könnten sie sich locker eine eigene Abfüllanlage leisten und das Bier für die Hälfte anbieten. Bei dem hiesigen Menschenschlag würde das bedeuten, dass die Kioske dann doppelt so viel Bier verkaufen würden, und die Abfüllanlage deshalb garantiert ausgelastet wäre. Wahrscheinlich würden noch Quartalssäufer aus anderen Kiezen hierher an den Görli strömen, des Bierpreises wegen. Und vom weißen Plasitkstuhl des „Pegasus“ gäbe es noch mehr zu gaffen. Aber eine Abfüllanlage wird es hier nicht geben, weil sich die Kioskbetreiber niemals zusammenschließen werden. Das ist ein multiethisches Dilemma. Komisch ist: Dagegen sind im „Pegasus“ alles Gäste deutsch. Da sitzt man beim Griechen in Kreuzberg, der als Rückzugsraum vor dem türkischen Alltag funktioniert. Irre! Aber manchmal tut das ganz gut. Von Helga, die über dem „Pegasus“ wohnt, erfährst Du auch, dass im 2. Stock noch eine bezahlbare Zweieinhalbzimmerwohnung mit Ofenheizung frei ist. Und die drei Transvestiten aus der Bude nebenan kommen an jedem Abend um elf aufgestrapst wie das Tina-Turner-Imitat aus dem Estrel Konvention Center nach unten und fahren unter lautem Gegacker zur Arbeit in Schöneberg. Aus dem Urlaub zurückgekehrte Nachbarn werden hier herzlich über sämtlich Tische (es gibt nur fünf) begrüßt und freuen sich, dass sie in einer fast Viermillionenmetropole von Freunden willkommen geheißen werden, nach einer „schönen Zeit an der Ostsee“. Im „Pegasus“ gibt es sogar Gäste, die kommen drei Mal am Tag (ab der dritten Stunde Besuchszeit kann man dieses Phänomen beobachten) und stellen immer wieder fest: „Hey, hier hat sich ja gar nichts verändert, seit ich weg war“.































