Wie die "Bundesagentur für Einkommen" versucht, den Bürger durch einen kleinen Betrug zum Nachdenken über die kapitalistische Wirtschaftsordnung zu bringen, und ihn so vielleicht auf den Sinn seines Lebens stoßen lässt.
Wer heute gutgläubig seinen Briefkasten leerte, konnte wahrlich sein graues Wunder erleben. Denn einige von uns hielten, gänzlich unerwartet, einen Briefumschlag in Händen, auf dem mit der üblichen behördlichen Schrift in sexy Altpapierschwarz "Mitteilung zur Einführung des Bedingungslosen Grundeinkommens" geschrieben stand. Absender: die Bundesagentur für Einkommen.
Wer kennt sie nicht, diese basissozialistische Forderung nach Geld ohne Gegenleistung, diese verführerische Idee vom Gehalt für jeden Bürger, unabhängig von seinem Einkommen und seinem Engagement? Und da liegt sie plötzlich, zur Realität geronnen, in den eigenen Händen, zum Greifen nah. Begründet mit dem Grundgesetz, das in seinem zweiten Artikel das Recht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit als unumstößliches Grundrecht aller festlegt.
Doch wie soll er sich entfalten, der von der Arbeit gebeugte Mensch, der Einkommensschwache, der Hartz IV-Empfänger? Von was, besser gesagt, wenn der Rahmen unserer freien Gesellschaft nun einmal für jede maßgebliche Bewegung einen Gegenwert einfordert? Von was soll er töpfern, verreisen, auf der faulen Haut liegen, Tschechisch oder erst mal Deutsch lernen, wenn er sich pausenlos darum bemühen muss, einfach nicht unter die Räder zu kommen?
"Permanente Krise" ist derzeit flächendeckend auf Plakaten in Berlin zu lesen, die zur Revolution - zumindest im Geiste und im Anspruch - auffordern wollen. Hat diese Krise System? Keep you doped with religion and sex and TV, wie einst John Lennon sang, and you think you're so clever and classless and free?
"Imagine" wäre wohl auch der perfekte Titel für die heutige Einwurfsendung. Stell Dir vor, Du bekämst 1.000 Euro vom Staat, um Dich von den Fesseln des Erwerbslebens zu befreien, hin zu einer Verwirklichung Deiner Selbst. Was würdest Du tun, wäre der erste Jubel vorüber? Wohin würdest Du ziehen? Was fingst Du mit Deiner Freizeit an?
Abgesehen von der Gefahr, dass viele Empfänger dieses Schreibens dessen Fiktionalität vielleicht erst zu spät erkennen und den Antrag inklusive ihrer Kontodaten an den Staat "zurückschicken", ist das doch die eigentliche große Frage, die uns die Bundesagentur für Einkommen ins Haus geschickt hat:
Womit und wofür wollen wir unser Leben führen? Wenn wir keine Entschuldigung mehr dafür haben, es uns nicht leisten zu können.
(Für alle Leser ohne Briefwurfsendung hier die Online-Nachlese.)
Keywords: Grundeinkommen, Bundesagentur für Arbeit, Bundesagentur für Einkommen, Revolution, Krise, Finanzkrise, Fälschung, Grundgesetz, Berlin, BGE