Leben, KulturDienstag, 14. Oktober 2014, 10:46 Uhr· von: Frank Borsig

Literatur für Self-Improver

Article_seite_01

Gamal Ibn Shaman streckt seinen langen Hals direkt in die Kamera. Neben dem stolzen Araber-Pferd: Michaela, die hellen Augen unter einer spiegelnden Sonnenbrille verborgen. Was wirkt wie eine Idylle, wird von Schäferhündin Indira mit der orangenen Weste jäh kontrastiert: Auf diesem Bild treffen Gegensätze aufeinander, die sich nicht auf den ersten Blick entwirren lassen.

Michaela, Gamal und Indira sind Gegenstand einer Reportage mit dem Titel: "Blind, na und?", die diesen Mittwoch in dem neuen Heft "mindart" erscheinen wird. In der Reihe "Mein Sinn" werden laut Presseheft Menschen mit körperlichen oder sozialen Handicaps porträtiert, die es geschafft haben, aus ihren Startschwierigkeiten einen besonders wertvollen Beitrag zu unserer Gesellschaft zu leisten. Michaela Fuchs ist es nicht nur gelungen, trotz ihrer Sehbehinderung reiten zu lernen und eigene Pferde zu halten, sie bot bereits mehrere Male Wanderritte für andere blinde Menschen an.

Fast scheint es, als wolle das ganze Heft den Spagat seiner Protagonistin versuchen, Gegensätzliches in eine wohlklingende Melodie zu vereinen. Schon die Ressortnamen verraten: Hier hat man sich viel vorgenommen. Von "Bytes und Blüten" über "Genuss und Bewusstsein" bis hinunter (oder hinauf?) zu den "Quellen der Inspiration". Poetische, aber nicht gänzlich selbsterklärende Bezeichnungen für Rubriken, die man auch getrost als Natur und Technik, Körper und Geist und Kunst und Kultur bezeichnen könnte. Als wäre das nicht schon genug, hat man sich auch noch der "Welt von Morgen" (Politik und Gesellschaft) und dem Raum "zwischen Himmel und Erde" (Forschung und Spiritualität) verschrieben. Blanker Größenwahn? Mitnichten.

Auch, wenn die Mischung zuweilen arg durcheinandergeraten scheint: Ein erster Blick in das neue Heft verrät: Die Vielfalt funktioniert, macht neugierig, lädt zum Verweilen ein. Bei einem Heft wie mindart spielt es letztlich keine große Rolle mehr, wo man zu lesen beginnt und wo man das Heft ablegt: Eine wirklich dramaturgische Ordnung im klassischen Sinne ist nicht vorhanden und scheint auch nicht beabsichtigt. Wer es klassischer mag, kann die Ressorts auch brav nach dem Inhaltsverzeichnis abarbeiten (hier sind die Texte den Themen zugeordnet greifbar), ohne sich auf die eigensinnige Anordnung einlassen zu müssen. 

Und doch gibt es zwischen den Serien "Großstadtoasen", "Weltverbesserungsmaßnahmen" und "Bewusst Sein" eine Leitmelodie, die sich mit dem Begriff "Literatur für Self-Improver" überschreiben ließe. Hier kommen alle auf ihre Kosten, die trotz ausreichender Bildung (und Einkommen?) nicht zufrieden sind mit einem Leben, das sich nur um den Erhalt der eigenen Fruchtbarkeit und Attraktivität erschöpft. Kaum ein Trendthema fehlt: Ob Yoga oder Nachhaltigkeit, Kochtipps oder Do It Yourself - nur ganz rigorose ePaper-Fundamentalisten dürften von sich behaupten können, in dieser Zeitschrift nichts für sich entdecken zu können. 

Den wirklichen Spagat aber unternimmt mindart im Bereich Weltbilder. Hier werden "Weltverbesserer" wie Peter Fox und die Träger des Alternativen Nobelpreises ungeniert an die Seite jener Leute gestellt, die sich für "Spiritualität in der Moderne" oder das Phänomen der Nahtoderfahrungen interessieren. Wer jetzt an Esoterik glaubt, ist falsch gewickelt: Über die Astrologie spricht hier ein Religionswissenschaftler mit internationalem Ruf - und der Unsterblichkeit der Seele ist ein ebenso langer Beitrag über das Ende der Persönlichkeit mit dem Eintritt des Hirntods zur Seite gestellt. mindart versucht sich in der Moderation der Gegensätze, ohne ein eigenes Urteil zu fällen. Ob es dem Leser überlassen wird oder einfach nicht vorhanden ist, sei dahingestellt.

Es bleibt zu wünschen, dass ein so unkonventionelles wie mutiges junges Blatt den Sprung in die deutsche Medienlandschaft schafft - sei es, um darin erwachsen zu werden oder für Unruhe zu sorgen. Wer sich wie Chefredakteur Nicolas Flessa daran macht, "der Vielfalt menschlicher Sehnsucht" in Form einer solchen Zeitschrift "Rechnung zu tragen", hat es verdient, sich auf die Suche nach der richtigen Nische zu machen - und sei es auch eine ganz neue, ganz eigene.

mindart

ab 15. Oktober im Handel

www.mindart-magazin.de

www.facebook.com/mindartmagazin